• Literaturfestival in Berlin: Mira Magén und Clemens Meyer eröffnen die deutsch-israelischen Literaturtage

Literaturfestival in Berlin : Mira Magén und Clemens Meyer eröffnen die deutsch-israelischen Literaturtage

Zweifel als Bedingung des Schreibens und die Autonomie der Prosa: Die Schriftsteller Mira Magén und Clemens Meyer bei den deutsch-israelischen Literaturtagen.

Jonas Lages
Menschen sind territoriale Wesen. Diese Überzeugung äußert Clemens Meyer beim Eröffnungsabend im Deutschen Theater.
Menschen sind territoriale Wesen. Diese Überzeugung äußert Clemens Meyer beim Eröffnungsabend im Deutschen Theater.Foto: Bodo Gierga/Literaturtage

Der Mensch ist ein territoriales Wesen, meint Clemens Meyer. „Er findet was, wo es schön ist, will da bleiben, dann kommen andere, wollen auch dahin, sagt er: ,Nein, verpiss dich, das ist meins hier!‘“ In seiner unnachahmlichen Art fasst Meyer so das Dilemma der Gentrifizierung zusammen.

Am Mittwochabend haben die Heinrich-Böll-Stiftung und das Goethe-Institut zur Eröffnung der bis Sonntag laufenden deutsch-israelischen Literaturtage in die Kammerspiele des Deutschen Theaters geladen. Das diesjährige Thema: „Fair enough? Was ist gerecht?“ Acht Autoren und ein Filmproduzent präsentieren ihre Werke und diskutieren. Den Anfang machen Mira Magén und Clemens Meyer unter dem leicht luziferischen Titel „Schöner Wohnen“. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, betont zum Auftakt die Bedeutung des Dialogs und die „politische Kraft der Kultur“ als Leitlinien des Literaturfestivals.

Zweifel als Grundbedingung des Schreibens

Diese Sprengkraft der Literatur dürfte Mira Magén, Bestsellerautorin aus Jerusalem, bekannt sein: Sie wuchs in einer orthodoxen Familie auf, mit der sie nie über Politik oder Religion redet. Der Zweifel ist die Grundbedingung ihres Lebens und Schreibens. Und so verwundert es nicht, dass ihre Romane, die der Konflikt von Gotteslenkung und Selbstbestimmung prägt, oft autobiografische Ursprünge besitzen. So auch ihr siebter Roman „Zu blaue Augen“.

In dem Werk geht es um die 77-jährige Witwe Hannah Jona, die mit ihren drei erwachsenen Töchtern und einer rumänischen Pflegerin in einem großen Haus in Jerusalem wohnt. Der neue Mieter gibt sich als Dichter aus, soll jedoch im Auftrag eines Immobilienhais Hannah zum Hausverkauf überreden. In Tel Aviv lernt sie Bruno kennen, einen hageren Überlebender der Shoah, dessen Augen noch blauer strahlen als die ihren. Seitdem besuchen sie sich gegenseitig. Der Roman ist ein Reigen der erlebten Rede und folgt in mühelosen Perspektivwechseln jeder Figur bei ihrem Versuch, ein guter Mensch zu sein. In der Passage, die das DT-Ensemblemitglied Thorsten Hierse in deutscher Übersetzung vorliest, schlägt Hannah Bruno vor, in ihr Haus zu ziehen.

Meyer setzt auf die Autonomie der Literatur

Clemens Meyer muss sich zunächst gegen das hartnäckige Klischee seiner Werkrezeption wehren, seine Protagonisten seien soziale Randfiguren. Wer in einer Friseurin eine Randfigur sehe, soll sich doch einfach nicht mehr die Haare schneiden lassen, sagt er. Meyer sieht sich in einer großen Tradition – „Jesus war ein kleiner Mann, kam auf einem Esel geritten“ – und stellt fest, dass in der Literatur eine Gleichheit der Figuren herrscht.

Diese Gleichheit demonstriert er mit Auszügen aus seiner Kurzgeschichte „Die stillen Trabanten“ aus dem gleichnamigen Erzählband. Darin sehnt sich ein Imbissbetreiber nach einer jungen rotblonden Muslima, mit der er abends heimlich im Treppenhaus ihres Plattenbaus Zigaretten raucht. Er kauft sich den Koran, beeindruckt ihren Freund Hamed mit seinem Wissen und geht mit den beiden in die Moschee. Als Hamed im Imbiss des Ich-Erzählers beten will, schneidet der ihm dafür mit einem Steakmesser ein Stück vom alten Teppichboden ab. In dieser tragikomischen Mischung aus Ignoranz und Neugier findet in der Erzählung der zu Anfang des Abends eingeforderte interkulturelle Dialog statt.

Der ebenso erwähnten politischen Kraft der Kunst widersetzt sich Meyer jedoch und folgt den Abend über seinem Credo, kein Politiker zu sein. „Ich bin so tiefstpessimistisch, das will niemand wissen.“ Er setzt auf die Autonomie der Literatur, die sich gerade aus Ungerechtigkeiten speise und sieht jeden Versuch, sie einem Zweck unterzuordnen, als didaktisch und aussichtslos.

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Wie sehr die in der Friedensbewegung aktive Mira Magén eine Zweiflerin ist, zeigt sich auch in ihren sozialpolitischen Ansichten. Die Ungleichheit sei dem menschlichen Dasein inhärent und die Umstände, in die man geboren wird, determinierten das eigene Leben. Doch gerade deshalb sei es entscheidend, dass die Ressourcen gerechter verteilt werden und man Chancengleichheit ermögliche. Dieses Problem veranschaulicht sie an der Wohnsituation in Tel Aviv, jener Stadt, die laut „Economist“ mittlerweile die neuntteuerste der Welt ist. Drei Faktoren seien entscheidend: wie lange die Eltern schon in Israel leben, der ethnische Hintergrund und die Bildung; doch nur die Bildung ermögliche soziale Mobilität. Magen war zehn Jahre lang Patin einer Familie aus armen Verhältnissen: „Wenn man das Wissen teilt, wie man in der Gesellschaft zurecht kommt, hat man vieles erreicht.“

An Magéns Fragen der Gleichstellung und sozialen Mobilität wird sicherlich am Sonntag in den Sophiensælen angeknüpft werden, wenn Yiftach Ashkenazy und Takis Würger über Emporkömmlinge diskutieren und sich Sarit Yishai-Levi und Fatma Aydemir der Frage stellen, was das rechte Maß an Gerechtigkeit ist. Die Eröffnung zeigte schon mal, dass allen Zweifeln zum Trotz dem Erzählen eine Poetik der literarischen Gerechtigkeit innewohnt, wenn sie Menschen und Räume sichtbar macht. Denn die von Meyer proklamierte literarische Gleichheit der Figuren kann ins Leben zurückstrahlen: seine Figuren tauchen ins Bewusstsein von Leuten ein, die sie sonst nicht so wahrgenommen hätten. „Da sage ich dann: Ist vielleicht auch eine schöne Sache.“

Programminfos unter: www.boell.de/de/deutsch-israelische-literaturtage-2018

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