Marsden Hartley in der Neuen Nationalgalerie : Palette der Patrioten

Als der Erste Weltkrieg begann: Die Berliner Neue Nationalgalerie präsentiert „Die deutschen Bilder“ des US-Künstlers Marsden Hartley, der von 1913 bis 1915 den Hurra-Patriotismus an der Spree erlebte.

Marsden Hartley: Indianische Fantasie, 1914 (Ausschnitt). Das Gemälde stammt aus dem North Carolina Museum of Art, Raleigh.
Marsden Hartley: Indianische Fantasie, 1914 (Ausschnitt). Das Gemälde stammt aus dem North Carolina Museum of Art, Raleigh.Foto: North Carolina Museum of Art/ Neue Nationalgalerie

Ob die Begeisterung über den Kriegsbeginn Anfang August 1914 in Berlin wirklich so groß war, wie behauptet wird, oder ob es sich nur um einen kleineren Teil der Bevölkerung gehandelt hat, der vor dem Schloss zum „Hurra!“-Rufen zusammenströmte, das weiß man heute nicht so genau. Tatsache ist jedoch, dass es in den Jahren zuvor unablässig farbenprächtige Schauspiele von Militärparaden und festlichen Umzügen gab, die sowohl zur Bekräftigung der Hohenzollernherrschaft wie auch zur Volksbelustigung dienten. Wer wie der amerikanische Maler Marsden Hartley (1877–1943) Anfang 1913 aus der Neuen Welt mit ihrem republikanischen Geschäftssinn nach Berlin kam, konnte sich durchaus an dem Gepränge begeistern, von dem bereits Dokumentarfilme aus den Jahren vor dem Großen Krieg Zeugnis ablegen.

Ein Zusammenschnitt solcher Aufnahmen wird in der Ausstellung „Marsden Hartley. Die Deutschen Bilder 1913 – 1915“ gezeigt, die seit dem Wochenende in der Neuen Nationalgalerie zu sehen ist. Sogar Farbaufnahmen sind dabei, mithilfe von Farbfiltern nachgetönte Aufnahmen. Sie lassen erahnen, dass die Monarchie im Alltag ein großes Schauspiel war.

Hartley, homosexuell und in den preußischen Offizier Carl von Freyburg verliebt, betrachtete dieses Kostümfest mit den Augen des Malers, als Vorlage für farbkräftige Kompositionen. Seine ohne Raumtiefe gemalten, wie Collagen zusammengestellten Objektansammlungen geben keine reale Szenerie, keine Landschaft oder Stadtansicht wieder, sondern vereinen disparate Gegenstände zu allegorischen Bildern. Der Offizier, das sind Orden, Tressen, Fahnenaufsätze; Berlin, das ist militärisches Gepränge. Und dazu kommen Dinge, die Hartley im hiesigen Völkerkundemuseum gesehen hat, wie die Kachinas der Hopiindianer, die der im nordöstlichen Maine als Sohn eines Fabrikarbeiters geborene Künstler nur als museale Objekte kannte.

„Die deutschen Bilder“ von Marsden Hartley
Marsden Hartley: Indianische Fantasie, 1914 (Ausschnitt). Das Gemälde stammt aus dem North Carolina Museum of Art, Raleigh.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: North Carolina Museum of Art/ Neue Nationalgalerie
07.04.2014 11:07Marsden Hartley: Indianische Fantasie, 1914 (Ausschnitt). Das Gemälde stammt aus dem North Carolina Museum of Art, Raleigh.

Leutnant von Freyburg fiel bereits Anfang Oktober 1914, erst 24-jährig, an der nordfranzösischen Front bei Arras. Hartley setzte ihm als „K. v. F.“ mit markig-deutschem „K“ auf seinem Hauptwerk dieser Jahre, „Ein deutscher Offizier“, ein verschlüsseltes Denkmal. Man mag, wie Kurator Dieter Scholz, den schwarzen Hintergrund all der liebevoll ausgebreiteten Bildelemente als Verweis auf den Tod deuten, doch kann es ebenso gut sein, dass Hartley an die Tradition der amerikanischen Trompe-l’oeil-Malerei des 19. Jahrhunderts mit ihren monochromen Bildgründen anknüpft.

Der vorzügliche Ausstellungskatalog bildet dazu ein treffliches Beispiel ab, Alexander Popes Gemälde „Symbole des Bürgerkriegs“ von 1888, mit Fahnen und Säbel auf schwarzem Grund. Mithilfe der Militaria-Sammlung des Deutschen Historischen Museums ist es Scholz gelungen, all die Einzelobjekte aus Hartleys Hauptwerk im Original in einer Vitrine zu arrangieren. So wird in einem einzigen Blick von Vitrine zu Bild deutlich, wie getreu Hartley die Wirklichkeit gesehen, dann aber in etwas völlig eigenes verwandelt hat.

"Porträt eines deutsches Offiziers" (Ausschnitt) von Marsden Hartley.
"Porträt eines deutsches Offiziers" (Ausschnitt) von Marsden Hartley.Foto: The Metropolitan Museum of Art, N.Y.

Hartley zählt zur Avantgarde in den USA vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Er war ein Mitglied des Kreises um Alfred Stieglitz, den Fotografen, Galeristen und unermüdlichen Promoter der Moderne, er wurde 1921 Sekretär der von Marcel Duchamp, Man Ray und der Sammlerin Katherine S. Dreier gegründeten Kunstgesellschaft „Société Anonyme“, deren Kollektion sich heute in Yale befindet. Nach Berlin reiste er von Paris aus an, wo er mit dem Kubismus in Berührung gekommen war wie so viele Künstler dieser Zeit. Auch im Salon von Gertrude Stein war er zu Gast gewesen. Vor allem aber lernte er über den deutschen Bildhauer Arnold Rönnebeck – mit dem er in den zwanziger Jahren ein Atelier in Berlin teilte – dessen Vetter Carl von Freyburg kennen. „Ein höchst charmanter und vortrefflicher junger deutscher Offizier“, schwärmte er in einem Brief an seinen Galeristen Stieglitz.

Hartley befreit sich schnell vom Pariser Einfluss und schafft seinen eigenen, teils an Kandinsky, teils an den Berliner Expressionisten orientierten Stil. Kandinsky wird zu einer wichtigen Inspiration; nicht die Gemälde des Russen, die er noch nicht kannte, sondern dessen Programmschrift „Über das Geistige in der Kunst“, die er bereits in Paris studierte. „Wenn der Blaue Reiter neue Ausstellungen vorbereitet, würde ich gern einbezogen werden“, schreibt er im April 1914 an Kandinsky – vier Monate, bevor der Krieg alles zunichte macht. 1915 verlässt Hartley Berlin wieder.

„Die deutschen Bilder“ von Marsden Hartley
Marsden Hartley: Indianische Fantasie, 1914 (Ausschnitt). Das Gemälde stammt aus dem North Carolina Museum of Art, Raleigh.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: North Carolina Museum of Art/ Neue Nationalgalerie
07.04.2014 11:07Marsden Hartley: Indianische Fantasie, 1914 (Ausschnitt). Das Gemälde stammt aus dem North Carolina Museum of Art, Raleigh.

Herwarth Walden hatte ihn 1913 zu seinem epochemachenden „Ersten Deutschen Herbstsalon“ eingeladen, bei dem Hartley fünf „Mystische Bilder“ zeigte. Sie sind heute nicht mehr zu identifizieren, aber es könnte sich um Gemälde wie jenes gehandelt haben, das in der Nationalgalerie unter dem irritierenden Titel „Porträt von Berlin“ (1913) zu sehen ist. Darauf gehen Buddhafigur, reitender Offizier und die magische Glückszahl „8“ eine eigentümliche Liaison ein. Hartley ist ein Eklektiker, der Uniformen, aber auch Buddhastatuen und indianische Kachinafiguren auf einem Bild vereinen kann. Zahlen, Buchstaben, in Sütterlinschrift die Worte Himmel und Hölle, alles kommt in den flächigen, ohne räumliche Tiefe komponierten Bildern zusammen.

Von den Berliner Gemälden hat Kurator Dieter Scholz die Mehrzahl der heute bekannten Arbeiten zusammentragen können, insgesamt 31 aus diversen amerikanischen Museen. Nie zuvor, auch in den USA nicht, war ein solches Panorama der Berliner Zeit Hartleys zu sehen.

Erst allmählich begreift der Besucher, dass die gekrümmten Wände der Ausstellungsarchitektur in der gläsernen Halle des Mies-Baus mit ihren vier sich weitenden Armen der Form des Eisernen Kreuzes nachgebildet sind, jener Auszeichnung, die zugleich ein Todesbote ist. Hartleys Freund „K. v. F.“ erhielt sie am Tag, bevor er in Nordfrankreich fiel.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 29. Juni. Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König (Köln), 29,80 €.

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