Megacity Uruk : Grundstein der Großstadt

Die Ausstellung „Uruk – 5000 Jahre Megacity“ auf der Berliner Museumsinsel zeigt, wie die erste Großstadt entstand. Wie Schrift und Verwaltungstechnik entwickelt wurden. Und wie alt das Land ist, das heute Irak heißt.

Maske des Humbaba, 2. Jahrtausend vor Christus.
Maske des Humbaba, 2. Jahrtausend vor Christus.Foto: The Trustees of the British Museum

Wann genau Menschen damit begonnen haben, in einer Stadt zu siedeln und so etwas wie Gesellschaft zu organisieren, lässt sich überraschend genau datieren. Nach heutigem Wissenstand wird es im vierten Jahrtausend vor Christus gewesen sein, im Süden jenes zerrissenen Landes, das erst 1920 seinen augenblicklichen Zuschnitt erhielt und 1932 als Königreich Irak aus der britischen Kolonialherrschaft entlassen wurde.

Diese erste Stadt markierte aber auch schon eine hohe Entwicklungsstufe, diesseits einer sagenhaften Zeit. Uruk kann auch nach unseren Begriffen bereits als Metropole gelten. Dort lebten um das Jahr 3000 an die 40 000 Menschen, es gab große Tempelanlagen und profane Bauten und eine mehrere Kilometer lange Stadtmauer. Der Name Uruk verbreitet Magie, und in das Thema mischen sich harte Politik, menschliche Tragödien, Kriege, tägliche Meldungen von Bombenanschlägen, bis in die unmittelbare Gegenwart.

Auf den Spuren der ersten Megacity
Die Unterbringung der Grabungsmannschaft innerhalb der Stadtmauern von Warka, dem antiken Uruk, war sehr spartanisch. Hier wird ein Expeditionsgehöft aus Lehmziegelmauern errichtet - wie in antiker Zeit.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: DAI, Orient-Abteilung
23.04.2013 19:28Die Unterbringung der Grabungsmannschaft innerhalb der Stadtmauern von Warka, dem antiken Uruk, war sehr spartanisch. Hier wird...

Das Metropolitan Museum New York präsentierte vor zehn Jahren die herrliche Schau „Art oft the First Cities“. Sie fiel zusammen mit der Invasion westlicher Armeen und dem Sturz des Diktators Saddam Hussein, der sich in seinem Wahn als Nachfolger der großen mesopotamischen Herrscher sah. Die Ausstellung „Uruk – 5000 Jahre Megacity“ auf der Museumsinsel konzentriert sich nun auf diesen einen Ort und hat einen anderen Fokus. Es geht um deutsche Forschungsgeschichte. Vor 100 Jahren begann in Uruk die systematische Sondierung. Seither sind 40 Grabungskampagnen zu verzeichnen, in denen gerade einmal fünf Prozent des gesamten Stadtgebiets von 5,5 Quadratkilometern untersucht wurden.

Das Wort Megacity ist also nicht übertrieben. Jetzt wagen sich die Archäologen nicht dorthin, es ist zu gefährlich, und es konnten auch keine Leihgaben aus dem immer noch nicht wiedereröffneten, im Krieg geplünderten Nationalmuseum Bagdad realisiert werden. Berlin besitzt gute Abgüsse, wie zum Beispiel den eleganten, lebensgroßen Kopf der „Dame von Marka“, im Original aus Marmor. Ihre Augenhöhlen sind leer, doch ihre Aura hypnotisiert den Betrachter.

Maske des Humbaba, 2. Jahrtausend vor Christus.
Maske des Humbaba, 2. Jahrtausend vor Christus.Foto: The Trustees of the British Museum

Ähnlich wie bei Pergamon und Tell Halaf bestreiten die Staatlichen Museen Berlin diese Ausstellung weitgehend aus eigenen Beständen, ergänzt um Stücke aus der Uruk-Sammlung der Universität Heidelberg, dem Louvre, dem British Museum und aus Oxford. An der Planung beteiligt waren das Deutsche Archäologische Institut, die Deutsche Orient-Gesellschaft und die Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, wo die „Megacity Uruk“ im Herbst zu sehen sein wird. Es ist eine übersichtliche kulturhistorische Ausstellung, und sie bietet intensive Anschauung – auch wenn sich hier wirklich pars pro toto zeigt, kleine, aber sehr gut erhaltene Artefakte, die vom Leben in einer Großstadt künden, wodurch sich tatsächlich ein Ur-Bild von Zivilisation und gesellschaftlicher Ordnung vermittelt.

Maske des Humbaba, 2. Jahrtausend vor Christus.
Maske des Humbaba, 2. Jahrtausend vor Christus.Foto: The Trustees of the British Museum

Eingangs steht der Mythos Gilgamesch. Uruk wird nicht nur als älteste bekannte Großstadt der Menschheit vorgestellt, es ist auch Heimat des ältesten Epos. Man muss sich die Dimensionen vor Augen führen: Zwischen der Erzählung vom Gottmenschen Gilgamesch und den Homerischen Epen liegt wenigstens so viel Zeit wie zwischen der griechischen Antike und der Jetzt-Zeit. Das Ischtar-Tor aus Babylon, eines der Wahrzeichen des Berliner Pergamonmuseums, entstanden ebenfalls erst um 600 v. Chr., ist im Vergleich zu Uruk eher jung – und das Entree für die mesopotamische Megacity. Auch Babylon war natürlich beeinflusst von der Kulturleistung Uruks. Man steht in den Räumen des Vorderasiatischen Museums, und die Perspektive verändert sich dramatisch. Aus der Sicht des vor 5000 Jahren in seiner Blüte stehenden Uruk existierte natürlich gar kein Vorderasien, das ist unsere, im 19. Jahrhundert geprägte Sicht. Anno 3000 v. Chr. hätte man vielleicht von einem Hintereuropa sprechen können; nur dass die griechische und auch die ägyptische Mythologie noch gar nicht geformt war.

Kleine, ungeheuer ausdrucksstarke Tonmasken bilden im ersten Raum einen erregenden Auftakt. Ein Rollsiegel erzählt, wie die glorreichen zwei auch noch den Himmelsstier der Göttin Ischtar erledigen, was Enkidu mit dem Leben bezahlt.

Die erste Stadt, der erste Held, das erste Drama von Liebe und Eifersucht und der Suche nach Unsterblichkeit: Dagegen nimmt sich selbst das Alte Testament recht neu aus. Es bezieht sich über Abraham, den Ur-Vater, auf die frühen Geschichten aus dem Zweistromland, wo bereits von einer Sintflut die Rede ist. Uruk lag in Schwemm- und Sumpfland.

Uruk bedeutet: Alles auf Anfang. Hier entwickelt sich die Schrift, es entstehen Zähl- und Maßsysteme, plastisch dokumentiert durch Keilschrifttafeln aus Ton. Man möchte die Vitrinen öffnen und zugreifen, so handlich wirken die Tafeln, wie ein iPad. Es müssen menschliche Idealmaße sein, in denen diese Hilfsmittel und Werkzeuge einst hergestellt wurden. Ton war das wichtigste Material, die Gegend hatte keine Steinbrüche. Steine für den großen Tempel der Ianna (Ischtar) wurden herbeigeschafft; allein die Sockelterrasse war zwölf Meter hoch. Das Heiligtum ist im Modell aufgebaut, und tatsächlich wirkt das Bauwerk wie ein Urmodell für heilige Stätten, bis hin zu den Maya und Azteken Tausende von Jahren später, in einer weit entfernten Sphäre.

Die Zahl der Arbeiter der in einer Stadt wie Uruk lebenden Menschen erforderte wohlüberlegte Vorratshaltung und Handel. Es sind Listen erhalten, Quittungen, die Rollsiegel dienten der Verschließung von (massenhaft hergestellten) Lebensmittelgefäßen. Erstmals wahrscheinlich haben Menschen in Uruk und anderen Städten Mesopotamiens mit städtischer Verwaltung, ja Bürokratie zu tun gehabt. All dies sind moderne Begriffe, für die sich hier Parallelen finden. Wenig weiß man über die religiösen Praktiken, was im Tempel vor sich ging. Dafür sind äußere Rekonstruktionen gelungen, wie die geweihten Anlagen aufgeführt und verziert waren; mit einer Art Mosaik aus gefärbten Tonstiften.

Die Ausstellungsdesigner von „res d“ haben diese geometrischen Muster auf ein Megafoto der Skyline von Hongkong übertragen. Uruk ist Welterbe und sicher nicht vom Himmel gefallen. Auch darüber ist wenig oder nichts bekannt – was vorher war. Da bleiben die steinernen Urgestalten stumm. Aber auch damals schon wurde für die Nachwelt gebaut, es gab ein Bewusstsein vom Vergänglich-Unvergänglichen.

Grundsteinlisten gehören zu den kuriosesten und berührendsten Stücken aus Uruk, wie auch jener Grundsteinnagel, eine weibliche Gestalt aus Metall mit Schriftzeichen. Und der Besucher begreift: Ganz Uruk ist ein Grundstein, eine Grundstadt, eine Begründung. Wenn sich die politische Lage einmal beruhigt haben sollte, werden dort noch Generationen von Archäologen und Altertumswissenschaftlern beschäftigt sein.

„Uruk – 500 Jahre Megacity“. Vorderasiatisches Museum im Pergamon-Museum, bis 8. September. Info: www.uruk-megacity.de. Das umfangreiche, weiterführende Katalogbuch ist im Imhof Verlag erschienen, 400 Seiten mit 500 Abbildungen, und kostet 29,95 Euro.

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