Meister der Schriftkunst : Der Schwung der Feder

Das Museum für Islamische Kunst zeigt die meisterhaften Werke von Daud Hossaini, dem Kalligraphen des letzten Königs von Afghanistan.

Kalligraphie auf Papier mit Gold und Silberpunkten.
Kalligraphie auf Papier mit Gold und Silberpunkten.Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Haschmat Hossaini

Hunderte von Reiskörnern liegen in einer Vitrine, doch zwei von ihnen werden dem Besucher jeweils auf einem Metallstab besonders präsentiert. Mit bloßem Auge ist kaum etwas zu erkennen, die Projektion über der Vitrine löst das Rätsel. Auf dem einen Reiskorn ist die Tughra, der kunstvolle kalligraphierte Namenszug von König Faruk von Ägypten zu erkennen, das andere zeigt eine Koransure, die der afghanische Meisterkalligraph Daud Hossaini (1894-1979) mit einer hauchdünnen metallischen Feder auf das Reiskorn geschrieben hat. Ob mit oder ohne Lupe, darüber sind sich die Forscher nicht ganz einig.

Die Reiskörner zeigen die große Kunstfertigkeit von Hossaini, dem Kalligraphen des letzten Königs von Afghanistan Muhammad Zahir Khan, der von 1933 bis 1973 regierte. Reiskörner mit Kalligraphie waren ein beliebtes Staatsgeschenk des Königs, unter anderem auch an das Deutsche Reich, was ein Dankesbrief der Reichskanzlei von 1939 an Hossaini belegt. Die beiden Reiskörner hat sein Sohn Hashmat Hossaini mit dem Nachlass seines Vaters dem Museum für Islamische Kunst als Dauerleihgabe überlassen – nun zu sehen in der von Margaret Shortle kuratierten Ausstellung „Kalligraph des Königs - Daud Hossaini“ im Buchkabinett des Museums für Islamische Kunst Berlin im Pergamonmuseum.
[Bis 3. Mai 2020. Täglich 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.]

Siya Mashq (Schwarze Praxis) heißt die Kunstform im persischsprachigen Raum, in der der Künstler immer wieder die gleichen Buchstaben in gleicher Qualität schreibt. Ein Blatt von Hossaini.
Siya Mashq (Schwarze Praxis) heißt die Kunstform im persischsprachigen Raum, in der der Künstler immer wieder die gleichen...Foto: SMB/Haschmat Hossaini

Die Horrornachrichten aus Afghanistan haben in den letzten Jahrzehnten den Blick für den kulturellen Reichtum des Landes am Hindukusch verdeckt. Daud Hossaini galt in der islamischen Welt als einer der besten Kalligraphen seiner Zeit und war von großem Einfluss auf Afghanistans kulturelle Entwicklung. Als Berater des Königs gestaltete er das Siegel der Nationaldruckerei und den ersten afghanischen Kalender, die beide in der Ausstellung zu sehen sind. Als Künstler des 20. Jahrhunderts war es sein Ehrgeiz, die Kalligraphie wie gedruckt aussehen zu lassen, nur in Schwarz und Weiß, wo man in persischer Tradition seit dem 15. Jahrhundert mit aufwendigem Golddekor gearbeitet hätte. Gestochen scharf stehen die Verse auf dem Blatt.

Abri (Wolke) heißt das marmorierte Papier, dass entweder als Hintergrund für Kalligraphien diente oder als Rahmen. Daud Hossaini verstand sich auf die Herstellung dieser traditiobnellen Papiere.
Abri (Wolke) heißt das marmorierte Papier, dass entweder als Hintergrund für Kalligraphien diente oder als Rahmen. Daud Hossaini...Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Schwed

Hossaini sah sich jedoch in der Wahl der Schriftart auch der klassischen persischen Tradition verpflichtet und schuf für seine wunderbare Kalligraphie marmorierte Papiere, Abri genannt, die er zum Teil mit Goldtinte besprühte. Hossaini war ein Meister des Nastaliq-Stils, der seit dem 15. Jahrhundert für poetische Texte weiterentwickelt wurde. „Kalligraphie ist Musik für das Auge“, hat Rafik Schami im Nachwort zu seinem Roman „Das Geheimnis des Kalligraphen“ geschrieben. Auf den Blättern von Hossaini erkennt man, was er damit meint. Der gleichförmige Schwung der Rohrfeder, der Rhythmus der Zeichen wirkt wie ein meditatives abstraktes Kunstwerk.

Arabischer Vierzeiler von Sadi (Persischer Dichter, 13. Jh.),.
Arabischer Vierzeiler von Sadi (Persischer Dichter, 13. Jh.),.Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Haschmat Hossaini

Die schönsten Beispiele dieser literarischen Blätter sind im Buchkabinett ausgestellt. Eine kunstvolle Variante ist der Shekaste-Stil, ein gebrochenes Nastaliq. Die Zeichen werden länger, verändern ihre Richtung, huschen wie ein Schwarm über das Papier, werden größer oder kleiner. Die wahre Meisterschaft zeigt sich in den Siya Mashq (schwarze Praxis), in der der Kalligraph Buchstaben und Buchstabenkombinationen ständig wiederholt. Auf marmorierten Blättern entwickelt Hossaini diesen Stil zur höchsten Form. In Afghanistan selbst bewahren offiziell das Nationalarchiv und die Nationalbibliothek viele seiner Werke, doch Klarheit über ihren Verbleib herrscht nicht. Im öffentlichen Raum zieren Inschriften von Daud Hossaini Minarette und Triumphbögen, die aber zum Teil im Krieg zerstört wurden:

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!