• Neuer Berlinale-Moderator Samuel Finzi: „Hinterher werde ich ja sowieso beschimpft“

Neuer Berlinale-Moderator Samuel Finzi : „Hinterher werde ich ja sowieso beschimpft“

Heute Abend hat Samuel Finzi seinen großen Auftritt als erster Berlinale-Moderator nach Anke Engelke. Furcht hat er keine, aber Respekt.

Mein Europa. Samuel Finzi, 54, wurde in Plovdiv, Bulgarien, geboren und lebt seit 1989 in Berlin.
Mein Europa. Samuel Finzi, 54, wurde in Plovdiv, Bulgarien, geboren und lebt seit 1989 in Berlin.Foto: Rafaela Pröll

Ob er den Gag auch im Berlinale-Palast bringen wird? „Gleich kommt das richtige Publikum rein“, ruft Schauspieler Samuel Finzi, der zukünftige Gala-Moderator, in den Theatersaal, „ihr seid nur die Vorgruppe.“ Gelächter. Keiner hört auf Dovele Grinstein, Finzis Figur. Alle bleiben sitzen. Stets weigern sich die Menschen, den Narren zu glauben. Hier an diesem Januarabend im Deutschen Theater und überall in der Welt.

Dabei ist es der traurige Clown, der in David Grossmans Zweipersonenstück „Kommt ein Pferd in die Bar“ die Wahrheit über das Schein- und Sein-Spiel des Lebens spricht. Mehr als zwei Stunden hält Samuel Finzi das Publikum in der Rolle des abgehalfterten Alleinunterhalters mittels Handständen, Hampeln und Witzen bei der Stange.

Dekonstruktion eines Entertainers

Finzi quält – seinen Körper und die Leute – und er quält gut. Die Dekonstruktion eines Entertainers, den jüdische Traumata überrollen, berührt. Als Spaßmacher musst du dir allabendlich den Unsinn der Existenz aus den Klamotten klopfen. Frei nach Samuel Finzis Lebensmaxime: „Es gibt keine Rettung, weitermachen!“

Das Motto habe er zumindest gerade einer bulgarischen Zeitung genannt, lacht der 1966 in Plovdiv geborene und 1989 nach Berlin gezogene Spross eines jüdisch-bulgarischen Künstlerpaares. Seine Berufung zum Berlinale-Moderator hat auch dort Aufmerksamkeit erregt.

Finzi reibt sich die Müdigkeit aus dem Gesicht. An diesem Februarnachmittag in einem Café am Stuttgarter Platz hat Finzi wie immer viel hinter und noch mehr vor sich. Eine Anprobe für Philipp Stölzls Verfilmung der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig ist gerade gelaufen.

Dann geht es zu Dreharbeiten in Japan. Mit der Til-Schweiger-Komödie „Die Hochzeit“ steht Finzi auf Platz drei der Kino-Charts. Theater spielt er außer am Berliner DT auch am Schauspiel Hannover und dem Wiener Burgtheater. Die Filmografie umfasst mehrere Seiten, ebenso die Theaterrollen, für die er zahlreiche Preise erhielt. Kaum dass Finzi eine Cola bestellt hat, klingelt auch noch das Telefon.

„Da muss ich kurz ran, ist meine Co-Autorin“, entschuldigt er sich. Ein Arbeitsdialog mit Vertröstung auf später hebt an. „Hast du gelesen, was ich geschickt habe? Wie, ein Text von denen?“

Der Herr Finzi schreibt seine Ansagen für die Eröffnungsgala der Berliner Filmfestspiele offensichtlich selbst. Einfach nur aufsagen ist wohl nicht sein Ding. Finzi nickt. „Davon kann ich nicht die Finger lassen. Hinterher werde ich ja sowieso beschimpft.“

Wer hat eigentlich vor Anke Engelke moderiert?

Gut möglich. In der Ära Kosslick ist die Moderation des Berlinale-Auftakts und der Bären-Verleihung so sehr zum Erbhof von Anke Engelke geworden, dass einem gar keine Nachfolgerin einfallen wollte. Engelkes komödiantische Einlagen und die souveräne Mehrsprachigkeit des Comedystars haben der mitunter drögen Veranstaltung Leichtigkeit und Professionalität verliehen.

Und was war eigentlich vor Engelke? Keinen blassen Schimmer mehr. Ihre Vorgänger sind völlig aus dem Gedächtnis verschwunden.

Im Januar in Berlin. Samuel Finzi und das Team von "Die Hochzeit" auf dem Premierenteppich.
Im Januar in Berlin. Samuel Finzi und das Team von "Die Hochzeit" auf dem Premierenteppich.Foto: Annette Riedl/dpa

Da kann nur die Berlinale selbst Aufklärung schaffen: Engelke amtierte 2003 bis 2005 und dann von 2010 bis 2019, heißt es dort. Dazwischen waren je einmal Heino Ferch und Charlotte Roche sowie zweimal Katrin Bauernfeind dran. Und vorher? Habe 32 Jahre Gerd-Rainer Prothmann, der Intendant des Theaters am Aegi in Hannover, durch die Veranstaltungen der Berlinale geführt.

Ich bin Schauspieler. Auch das ist eine Bühne

Wie die neue Leitung auf ihrer Suche nach einem neuen Gesicht nun auf Finzi kam, weiß nicht mal Finzi. Zumindest spricht er nicht darüber. Er wurde angefragt, punktum. Und weil er abgesehen von einer Jahre zurückliegenden Doppelmoderation mit seinem Schauspielkollegen Wolfram Koch keinerlei Erfahrungen mit der Präsentation von Galas hat, sagte er zu. „Ich bin Schauspieler. Es ist eine Bühne. Und das ist meine Premiere.“

Furcht davor, Anke Engelkes Nachfolge anzutreten, hat er nicht. Aber Respekt durchaus. Es stimme schon, Mannsein sei nicht hip, fast schon ein Nachteil. „Alle werden mich vergleichen, also habe ich von vornherein verloren.“ Finzi grinst. „Und nachdem ich alles verloren habe, kann ich ja nur noch gewinnen.“ Der Spruch könnte glatt von seiner Entertainerfigur Dovele Grinstein sein.

Die Theatererfahrung könne ihm als Moderator durchaus nützen, glaubt Finzi, obwohl der gerade keine Bühnenfigur, sondern ein Zwischending sei. „Ich bin die Person, die da steht und Hallo sagt. Da ist persönliche Ansprache wichtig.“

Details zu den kommenden Auftritten verrät er nicht

Um sich die Spontanität nicht durch das Ausplaudern von Überraschungen zu verderben, gibt er keine Details preis.

Tragen Sie Smoking?

Schulterzucken.

Wollen Sie singen und tanzen?

Prusten.

Muss auch nicht sein. Moderator kommt schließlich aus dem Lateinischen und bedeutet „Mäßiger“, „Lenker“. Nach Finzis Definition ist es „ein Gastgeber, der keine peinlichen Fragen stellt und ab und zu selbst was zu sagen hat“.

Unterwegs. Samuel Finzi pendelt zwischen drei Theatern und dreht derzeit zwei Spielfilme.
Unterwegs. Samuel Finzi pendelt zwischen drei Theatern und dreht derzeit zwei Spielfilme.Foto: Rafaela Pröll

Anders als im Deutschen Theater hat das Publikum im Berlinale-Palast weder Handstände noch Anpflaumereien von ihm zu erwarten. „Das sind zum großen Teil anständige Menschen aus der ganzen Welt, die es vollbracht haben, ein Kunstwerk zu schaffen und ihren Film auch noch nach Berlin zu bringen. Das will ich feiern.“ Und außerdem ein Zeichen für die europäische Einheit setzen.

Als deutscher Schauspieler bulgarischer Herkunft ist er dafür ein ziemlich idealer Repräsentant. Er glaube an die europäische Idee, sagt Finzi und plädiert für kulturellen und politischen Zusammenhalt. „Ich bin nicht gegen verschiedene Identitäten, von mir aus auch nationale. Identität braucht man. Ich sehe an Bulgarien, was es bedeutet, wenn eine Bevölkerung sie verliert, wie schnell sie sich dann nationalistischen Gedanken und Benehmen zuwendet.“

Die Berlinale soll eine Bühne für unabhängiges Kino sein

Was Mehrsprachigkeit angeht, kann es Finzi schon mal mit seiner Vorgängerin aufnehmen: Er spricht fünf Sprachen. Dass Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian dem Festival durch die neue „Encounters“-Reihe die Arthouse-Prägung des Festivals stärken und auf große Hollywoodfilme im Wettbewerb verzichten, gefällt ihm.

Angesichts der Marktdominanz solcher Produktionen steht es der Berlinale nach seiner Ansicht gut zu Gesicht, eine Bühne für unabhängiges Kino und freies Filmemachen zu bieten. „Glamour ist was anderes als Starkult.“ Er sei das Mittel, um die Illusion, das Märchen Kino als Gemeinschaftserlebnis weiterleben zu lassen.

[3Sat überträgt die Eröffnung am 20.2. um 19.20 Uhr und die Bärenverleihung am 29.2. um 19 Uhr.]

Mit dem Zauber des gemeinsamen Kunsterlebens kennt sich der Theatermann aus. Bei „Kommt ein Pferd in die Bar“ ist die Erschöpfung im Saal von Stunde zu Stunde spürbarer. Die anfangs vom Entertainer ins Publikum gereichte Wodka-Pulle kreist immer zielloser durch die Reihen. Hier kommt keiner ohne ein paar zerplatzte Illusionen raus.

Dafür, dass Finzi seine kommende persönliche Premiere nicht zerreden mag, hat er allerlei gesagt. Eins bleibt noch klarzustellen, bevor er sich auf den Charlottenburger Heimweg macht. Gewissermaßen als erster Berlinale-Moderator mit Migrationshintergrund. „Ich will zeigen, dass dieses Land und diese Stadt einem die Möglichkeit geben, das zu sein, was man möchte, und sich frei zu fühlen.“ Nicht alle Menschen hätten so viel Glück wie er. „Aber trotzdem ist das möglich in Europa und in Berlin.“

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