Neues Album "Revival" von Eminem : Weiße Wut gegen das Weiße Haus

Ein bisschen Politik und Pop, aber nur wenig Hip-Hop: Eminems neues Album "Revival" ist schwach, zu lang und wirkt lieblos produziert.

Marshall Mathers alias Eminem, 45.
Marshall Mathers alias Eminem, 45.Foto: Brian Kelly/Universal

Er mag nicht mehr blond sein. Eminem trägt jetzt braune Haare. Zwar hat es gelegentlich schon Phasen gegeben, in denen er zu seiner Naturfarbe zurückgekehrt ist, doch letztlich blieb das kurze hell gefärbte Haar immer ein Markenzeichen des bekanntesten weißen Rappers der Welt.

Dass er sich nun davon verabschiedet und sich erstmals mit Bart zeigt, ist ein Zeichen für eine persönliche Wandlung, das auch politisch verstanden werden kann: Eminem möchte nicht die gleiche Haarfarbe tragen wie sein Präsident. Und wenn er schon die gleiche Hautfarbe haben muss, bedeckt er sie zumindest teilweise mit einem dunklen Bart.

Übertriebene Interpretation? Mag sein. Doch angesichts von Eminems jüngsten Aktivitäten drängt sie sich auf. So feuerte er kürzlich bei den BET Hip Hop Awards eine Breitseite gegen Donald Trump ab: Er zeigte ein Video zu dem Stück „The Storm“, einer Art Fortsetzung seines 2016 veröffentlichten Trump-Diss-Tracks „Campaign Speech“, in dem er aufgekratzt auf einem Parkdeck umhertigert und gegen den Mann im Weißen Haus wettert. Er bezeichnet ihn als „Kamikaze“, der wahrscheinlich einen „nuklearen Holocaust“ auslösen werde.

Solidarität mit Colin Kaepernick

Ohne jede Begleitung haut Eminem seine Zeilen raus, die wie ein Freestyle wirken sollen, aber vorher aufgeschrieben wurden. Vieles wirkt erstaunlich unoriginell und ist nicht mal gut gerappt, eher runtergeschimpft. Doch einige Zeilen treffen ins Ziel, etwa wenn es um Ablenkungsmanöver des Präsidenten geht, der auf Footballspieler losgehe, aber sich nicht um wichtige Probleme kümmere: „It’s like we take a step forward, then backwards/ But this is his form of distraction/ Plus, he gets an enormous reaction/ When he attacks the NFL so we focus on that in /-stead of talking Puerto Rico or gun reform for Nevada.“

Eminem solidarisiert sich mit dem Quarterback Colin Kaepernick, der als Erster während der US-Hymne kniete und damit vor Spielbeginn gegen Rassismus protestierte. Der Rapper ballt die Faust für ihn und prangert Trumps Rassismus an. Ein Thema, das ihm offenbar am Herzen liegt, denn auf der zweiten Single seines gerade erschienenen Albums „Revival“ befasst er sich noch grundsätzlicher damit.

„Untouchable“ heißt dieses Stück, das zunächst wie ein gitarrengetriebener Beastie-Boys-Track wirkt (das Riff stammt allerdings von einem Cheech-and-Chong-Sample), dann aber auf ein zuckendes Beatskelett zurückfällt. Analog dazu wechselt Eminem die Perspektive: Zunächst rappt er aus der Sicht eines rassistischen weißen Polizisten, dann aus seiner eigenen und schließlich aus der eines Schwarzen. Dabei spricht er sowohl weiße Privilegiertheit als auch schwarze Deklassiertheit an. Das geschieht auf eine elaboriertere Weise als in „The Storm“, bewegt sich allerdings stets auf sicherem, fast banalem Terrain: „As this beat backspins, it’s like we’re drifting back in/ To the sixties, having black skin is risky/ ’Cause this keeps happening/ Throughout history, African-Americans have been treated like shit.“

Gesenkter Kopf hinter der US-Flagge

Natürlich ist es begrüßenswert, dass sich ein weißer Popstar, der von vielen Weißen verehrt wird, so klar äußert und mit der Black-Lives-Matter-Bewegung solidarisiert. Im Falle von Marshall Mathers alias Eminem verwundert jedoch das Timing. Von jemandem, der seine ganze Karriere der Adaption einer von Schwarzen entwickelten Kunstform verdankt und der ständig mit schwarzen Künstlern zusammenarbeitet, hätte man das schon viel früher erwartet. Jetzt, nachdem bereits zahlreiche R-’n’-B- und Hip-Hop-Alben erschienen sind, die sich mit der rassistischen Gewalt in den USA befassen, kommt es fast opportunistisch rüber, dass auch Eminem plötzlich mitmischen will.

Er tut es noch dazu halbherzig. So ist er auf dem Cover von „Revival“ zwar hinter einer amerikanischen Flagge mit gesenktem Kopf zu sehen, das Gesicht in der Hand verborgen, als wolle er sagen: Oh nein, mein Land, was ist nur mit dir los? Doch dann ignoriert er das Thema weitestgehend: Unter den 19 neuen Songs findet sich neben „Untouchable“ nur noch ein weiterer, in dem es explizit um Politik geht. In „Like Home“ beschwört Eminem zusammen mit Alicia Keys den Neustart seiner Heimat als „brand new, better America“ und beschimpft nebenbei Trump als Nazi. Der von Keyes getragene hymnische Refrain scheint von ihrem Jay-Z-Duett „Empire State of Mind“ inspiriert zu sein, doch an diesen Geniestreich reicht das Stück nicht heran.

Der Rest von „Revival“, offenbar der Abschluss seiner Wiederauferstehungstrilogie, die mit „Relapse“ und „Recovery“ begann, behandelt Eminem-Standardthemen: seine Familiendramen, seine überwundene Tablettensucht, seine Großartigkeit, dazu etwas Sex und eine Mörderballade. „Ich habe versucht, ein bisschen was für alle zu machen“, beschreibt er sein Gemischtwaren-Konzept in einem Interview. Dieser Ansatz hat einen äußerst disparaten Gesamteindruck zur Folge, zu dem auch die vielen Gäste beitragen. Bis auf den New Yorker Rapper Phresher sind keine Hip-Hop-Künstler darunter, dafür Soul- und Pop-Prominenz wie Beyoncé, die das Eröffnungsstück „Walk On Water“ aufhübscht, oder Pink, die vergeblich versucht, der Powerballade „Need Me“ Leben einzuhauchen. Ed Sheeran dominiert das von ihm geschriebene „River“, das zu den Höhepunkten des Albums gehört, was mehr an seinen Refrainzeilen liegt als an den passablen, aber wenig mitreißenden Parts von Eminem.

Lieblose Produktion

Die Produktion dieses schwachen und zu langen Albums wirkt häufig erstaunlich lieblos. So läuft bei „In Your Head“ einfach der alte Cranberries-Hits „Zombie“ durch (minus die Gesangsstrophen), versehen mit einem zusätzlichen Schlagzeugbeat. Ähnlich kannibalistisch geht Eminem mit Joan Jetts „I Love Rock ’n’ Roll“ um, das er für „Remind Me“ sampelt und schlimm verhunzt.

Dass sich der 45-jährige Rapper immer noch ein wenig für aktuellen Hip-Hop interessiert, scheint zu Beginn seiner neunten Platte kurz bei den Trap-infizierten Tracks „Believe“ und vor allem bei „Chloraseptic“ mit seinem jungen Kollegen Phresher auf. Gemeinsam hacken sie auf dem Rap-Nachwuchs rum. Da ist Eminem ganz bei sich. Vielleicht gibt ihm ja jemand die Ehre und stänkert ein bisschen zurück. Trump mag leider nicht mitspielen. Er schweigt.

„Revival“ erscheint bei Aftermath Records/Universal

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