Neues Buch von Ruth Schweikert : Krebs ist keine Strafe

Der Feind in meinem Körper: Ruth Schweikert erzählt in „Tage wie Hunde“ vom Umgang mit ihrer Krankheit.

„Ich sterbe nicht“. Die Schweizer Schriftstellerin Ruth Schweikert, 1965 in Lörrach geboren.
„Ich sterbe nicht“. Die Schweizer Schriftstellerin Ruth Schweikert, 1965 in Lörrach geboren.Foto: Sybille Meier/S. Fischer

Am Nachmittag des 16. Februar 2016 erhält Ruth Schweikert ihre Krebsdiagnose, und ihr Leben zerfällt in ein Davor und Danach. Sie steht vor einem Café in Zürich, in dem sie verabredet ist, raucht eine Zigarette und wartet auf den alles entscheidenden Anruf der Ärztin. Immer wieder ruft sie diese Szene auf, denkt sie an diese zweite, dritte und vielleicht letzte Zigarette, daran, dass ab diesem Zeitpunkt ihre Lebenszeit anders bemessen sein wird. Wie viele Sekunden dauert es, bis das Wasser im Spülbecken überläuft? Denn der Krebs, triple negative breast cancer, ist äußerst aggressiv, „schnell und potent wie ich selbst“.

Es beginnt der Kampf gegen das eigene Verschwinden. „Ich sterbe nicht!“, so die trotzige Reaktion auf den Output der Suchmaschinen und die aufsteigenden Tränen, aber ist „Kampfbereitschaft die angemessene Haltung“, Optimismus, positive Energie? Ruth Schweikert entscheidet sich dafür, den Tag der Diagnose zum Ausgangspunkt zu nehmen, ihre Alltagsgeschichte neu zu vermessen, die erinnerte Vergangenheit, die beängstigende („einmal Krebs, immer Krebs“), aber auch viel intensiver erlebte Gegenwart, unter Ausklammerung der Zukunft: „Und was, wenn ich schon wüsste, ich erlebe das Erscheinen dieses Büchelchens nicht mehr?“

Die Zürcher Schriftstellerin Ruth Schweikert hat mit „Tage wie Hunde“ ein Buch geschrieben, das kein Roman ist, im engen Sinne auch kein Krankenbericht. Vielmehr stellt dieses Buch einen facettenreich ausgeleuchteten Erzählraum dar, in dem die durch ein unvorhergesehenes, aber nicht unwahrscheinliches Ereignis nun eingeengten existenziellen Möglichkeiten eingefangen werden.

Schreiben, um die Chemotherapie zu überstehen

Keine „Heldinnengeschichte“ solle es sein, gibt Schweikert als Leseleitfaden mit, „nicht einmal eine richtige Geschichte mit Anfang und Ende, eine Recherche eher zu bestimmten Motiven; Fragmente und Erfahrungen“. Aber von Beginn an habe sie gewusst, dass sie das „Krebsgefängnis“ und die neunmonatige chemotherapeutische Behandlung nur schreibend überstehen würde.

Formal auf die sieben Tage einer Woche verteilt, setzt sie an zu dieser Ausmessung, die sich zweifach gliedern lässt: in den Blick der Kranken auf die Welt und den der Welt auf die Kranke. Anders als früher nimmt sie nun die Menschen wahr, die an Krebs leiden wie sie selbst: Freunde, Bekannte oder ganz Fremde wie die junge Frau im hellen Sommerkleid, der sie sagen möchte, dass auch sie vor einem Jahr so ausgesehen habe mit dem weißen Netz am Oberarm mit dem Port für den Katheder. Die Krankheit schafft eine unausgesprochene Genossenschaft im Spital Triemli, wo Schweikert behandelt wird, unterwegs im Zug, in Paris oder London, wo sie sich Auszeiten gönnt. Sie ermöglicht aber auch eine vorsichtige Annäherung an die Eltern, vor allem den Vater, der in dieser Zeit stirbt und bis zuletzt um seine Autonomie ringt.

Andererseits kann sich die Kranke nicht wehren gegen den veränderten Blick, den die Welt auf sie richtet. Zugewandte Textnachrichten von fern lebenden Freunden und Bekannten, einfühlsam die einen, frappierend andere: „Wir haben einiges dafür getan, den unbeschadeten Zustand auch nicht zu lange auszudehnen“, heißt es einmal. Oder: „Nimmt man die Brust ab?“ – diese Brust, die die Jugendliche nicht mochte, als sie wuchs, und die nun zum sorgsam zu Erhaltenden gehört. Der Glückwunsch zur neuen Frisur (Perücke nach der Chemo!) immerhin lässt sich ironisch wenden, so wie der Wunsch, einem gut aussehenden Arzt gefallen zu wollen, auch jetzt noch.

Sie versucht, die Normalität zu behaupten

Eingetaktet in die Welt medizinischer Befunde und statistischer Wahrscheinlichkeiten, misstrauisch gegenüber bildgebenden Untersuchungen, selbst gewählten Therapien oder auch Wohlfühlmaßnahmen, versucht Ruth Schweikert ein Stück Normalität zu behaupten.

Sie macht sich Gedanken darüber, wie der jüngste Sohn die Nachricht aufnimmt, unterrichtet, schreibt während eines Stipendienaufenthalts im beschaulichen Edenkoben an ihrem Buch, legt Rechenschaft ab über ihre widerstreitenden Gefühle: Scham, Angst und das Glück, manchmal vergessen zu können. Begleitet wird sie dabei von der immerwährenden Frage aller Kranken: Womit habe ich das verdient?

Es sind die Kollegen und Schicksalsgenossen – Susan Sontag, aber vor allem Walter Matthias Diggelmann, Jörg Steiner oder Roger Willemsen –, die sie davon überzeugen, dass die Krankheit keine Strafe ist und „nicht die kleinste Botschaft hat ... einfach nichts bedeutet, nichts!“. Walter Matthias Diggelmanns Gastbereitschaft gegenüber dem Tod mag sie zwar nicht folgen, doch sie schöpft erzählerische Inspiration aus den Lektüren: „Eine Geschichte verheimlicht das, was wirklich geschieht“, zitiert sie den 2013 ebenfalls an Krebs gestorbenen Jörg Steiner.

Während sie sich also gegen das drohende Verschwinden stemmt, nimmt sie die Alltagsdinge um sich herum wahr, die tatsächlich abhandenzukommen drohen, Schnee, Wollmützen, Streusalz oder Schneekanonen, und von denen sie sich vorstellt, dass sie zu Beginn des 22. Jahrhunderts nur noch hinter Panzerglas zu besichtigen sind. „Ausgestorben, ausgerottet“, so wie vielleicht irgendwann auch einmal der Krebs von der Bildfläche verschwindet und unheilbare Tumore nur noch Ausstellungsstücke sind.

Die Perücke kostet 1600 Franken

Immer wieder bleiben Ruth Schweikerts Sätze in der Luft hängen, ohne Punkt, weisen ins Offene. Sie wechselt Erzählhaltungen, von der ersten in die dritte Person, um Distanz zu schaffen zu dieser Frau mit fünf Söhnen und drei Fehlgeburten, die im Alter von 51 Jahren und sechs Monaten die Diagnose Brustkrebs erhielt, „den Knoten hatte sie selbst getastet, so lassen es die erhaltenen Quellen vermuten“. Auch die Bilanzierung der Krankheit scheut sie nicht: 1600 Franken für die Perücke, 50 000 Franken die Behandlung, elf Versicherungsbeitragsjahre müssten dafür reichen. Die Gates-Stiftung, liest sie, verausgabt nicht mehr als 1000 Dollar für ein Menschenleben.

Dass das Jahr 2016 für Ruth Schweikert nicht nur das Jahr der Krankheit wird, sondern auch eines des Erfolgs – gleich mehrere Preise werden ihr verliehen –, mag die Schriftstellerin als böse Ironie empfinden, doch ihr Buch „Tage wie Hunde“ bestätigt ihren Rang mehr als jede Auszeichnung. Im Bemühen, das, was geschieht, in ein Bild zu fassen, erklärt sie den Sterbevorgang zur „umgekehrten Geburt“, immer in dem Wissen, dass so ein Bild nicht beschreibt, sondern abstrahiert und doch plastisch wirkt: „Wer oder was draußen in der Welt existierte, wird, wenn er sie es stirbt, verschwindet, zerstört oder unzugänglich ist, nach innen genommen, wird zu Erinnerung, zu Erzählung.“

Ruth Schweikert: Tage wie Hunde. Verlag S. Fischer, Frankfurt 2019. 198 Seiten, 20 €

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