Rückgabe von Kolonialkunst : Eine neue Weltordnung

Wie Umgehen mit kolonialer Raubkunst? Die von Macron in Auftrag gegebene Studie von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Felwine Sarr (links) und Bénédicte Savoy.
Felwine Sarr (links) und Bénédicte Savoy.Foto: Thilo Rückeis

Vieles hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron anzustoßen versucht, weniges nur zum Erfolg führen können. Womöglich wird die Rede, die er am 28. November 2017 in Ouagadougou hielt, einmal als sein größter Erfolg gelten. Sie gipfelte in den Worten, „das afrikanische Erbe“ dürfe „nicht länger Gefangener europäischer Museen sein“. Macron versprach, die Voraussetzungen zu schaffen, um dieses Erbe „zeitweise oder endgültig an Afrika zu restituieren“.

Was folgte, war nicht nur die Studie, mit der Macron die in Berlin und Paris lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und den senegalesischen Schriftsteller und Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr beauftragte, und die die Voraussetzungen und Möglichkeiten einer solchen Restitution aufzeigen sollte. Es folgte vielmehr eine breite und noch immer ansteigende Diskussion darüber, was Europa dem afrikanischen Kontinent an Kulturgütern genommen hat – gleich ob gekauft oder geraubt – und ob oder vielmehr wie dieses Erbe nach Afrika zurückgeführt werden kann. Jetzt, da die Studie von Savoy und Sarr seit wenigen Tagen in deutscher Übersetzung vorliegt (Felwine Sarr, Bénédicte Savoy: Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 224 S. m. 13 Abb., 18 €), bedarf es ihrer schon beinahe nicht mehr. Das gesellschaftliche Klima hat sich radikal gewandelt, es geht nicht mehr um das Ob, sondern allein um das Wie der Rückgabe.

Sarr und Savoy haben sich, ihrem präsidentiellen Auftrag gemäß, allein mit afrikanischen Kulturgütern in französischen, zumeist also Pariser Museen beschäftigt. Ihre Studie zeigt auf, dass die jahrzehntelang behauptete Rechtmäßigkeit des Erwerbs fast durchweg erlogen ist; die Teilnehmer der zahlreichen, vordergründig wissenschaftlichen Expeditionen selbst haben immer wieder Raub, Betrug, Übervorteilung sowie überdies Schummelei beim Zoll dokumentiert. Savoy/Sarr mussten nicht sehr tief schürfen, um diese skandalösen Umstände zu ermitteln – sie waren in den Unterlagen der Museen leicht nachzulesen. Darüber hinaus hat Bénédicte Savoy in jüngster Zeit mehrfach darauf hingewiesen, dass die Diskussion um Restitution bereits vor 40 Jahren mit durchaus zustimmender Tendenz geführt, dann aber merkwürdigerweise vergessen worden sei.

Im vergangenen Dezember haben die beiden Kulturstaatsministerinnen, Monika Grütters im Kanzleramt und Michelle Müntefering im Auswärtigen Amt, in einem gemeinsamen Zeitungsbeitrag die Kernfrage des Restitutionsproblems formuliert: „Wie können es Museen und Sammlungen rechtfertigen, Objekte aus kolonialen Kontexten in ihren Sammlungen zu haben, deren Verbringung nach Deutschland unserem heutigen Wertesystem widerspricht?“ Für Frankreich haben Savoy und Sarr die Antwort gegeben, für Deutschland fällt sie entsprechend aus. Die Rückgabe der Kulturgüter, so die weit über ihren eigenen Anlass hinausweisende Botschaft der Studie, könne eine neue Ordnung begründen, „in der die Aneignung von Kulturerbe, diese Sitte einer anderen Zeit, einer neuen Art des Weltbezugs Platz macht, die sich auf die Anerkennung unserer gegenseitigen Abhängigkeiten und den fundamental relationalen Charakter unserer Identitäten gründet. Und das bedeutet nichts anderes, als uns darum zu kümmern, diese Welt für alle bewohnbar zu machen.“

 

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