• Ruprecht Polenz im Gespräch: „Deutschland will sich seiner kolonialen Verantwortung stellen“

„Statt nach Besitz, könnte man nach Interessen fragen“

Seite 2 von 2
Ruprecht Polenz im Gespräch : „Deutschland will sich seiner kolonialen Verantwortung stellen“
Ruprecht Polenz, Jurist und ehemaliger CDU-Generalsekretär.
Ruprecht Polenz, Jurist und ehemaliger CDU-Generalsekretär.Foto: picture alliance / dpa/ Uli Deck

Der Philosoph Achille Mbembe fordert den Aufbau und Unterhalt von Museen in Afrika, bezahlt von den ehemaligen Kolonialmächten. Gute Idee?

Im Moment sind alle Ideen willkommen. Einzelne Maßnahmen müssen dann letztlich von denen entschieden werden, die unmittelbar involviert sind, etwa die Museen. Wenn es konkrete Vorstellungen gibt, dann könnte der Staat auch bei der Umsetzung helfen.

Vertreter der Herero und Nama haben eine Sammelklage vor einem Gericht in New York angestrengt. Sie fordern Reparationszahlungen für den Genozid. Die Bundesregierung sieht diese Klage nicht als rechtmäßig an. Wo stehen Sie mit den Verhandlungen im Moment?

Wir haben uns sechs Mal getroffen, das siebte Treffen ist in Vorbereitung. Wir erarbeiten einen gemeinsamen Text, der die Ereignisse zwischen 1904 und 1908 beschreibt. Eine Arbeitsgruppe bereitet das rechtliche Gerüst der Zukunftsstiftung vor. Wir sind auf einem guten Weg. Doch durch die gleichzeitige Klage in New York verzögern sich die Dinge im Augenblick etwas.

Warum?

Es hat ja bereits zwei Klageversuche gegeben, die das Gericht beide Male wegen Unzuständigkeit gar nicht erst angenommen hat.

Könnte das Gericht die Klage dieses Mal annehmen?

Davon geht die Bundesregierung nicht aus. Ich habe auch keine gutachterliche Stellungnahme von unabhängigen Völkerrechtlern gelesen, die das anders sehen.

Wovon hängt ab, was in die Verhandlungsmasse kommt?

Es hängt davon ab, was die eine oder andere Seite thematisiert. Wir haben zum Beispiel auch über die Witbooi-Bibel gesprochen.

Die Familienbibel des namibischen Nationalhelden Hendrik Witbooi, die im Stuttgarter Linden-Museum liegt.

Aber auch die Witbooi-Bibel wurde nur stellvertretend genannt. Was wir tun können, ist einen Rahmen verhandeln, innerhalb dessen die einzelnen Themen bearbeitet und gelöst werden.

Wie könnte dieser Rahmen aussehen?

Ich kann mir eine Art Clearing-Stelle vorstellen, bei der man sich melden kann, sei es weil ein Museum in Deutschland Dinge in den Beständen hat, über die es Zweifel hegt, sei es weil die namibische Seite sagt, wir vermissen etwas. Ich würde mir wünschen, dass Win-Win-Situationen daraus entstehen. Man sollte Lösungen finden, die einen verbindenden Charakter haben, grade wenn es um Kulturgüter mit übernationaler Bedeutung geht.

Wie meinen Sie das?

Ein Objekt kann nur an einem Ort sein. Statt nach Besitz, könnte man nach Interessen fragen. Durch wechselnde Ausstellungen in verschiedenen Ländern könnte diesen Interesse möglicherweise entsprochen werden.

Kann es überhaupt etwas wie historische Gerechtigkeit geben?

Man kann Vergangenheit nicht rückgängig machen. Man kann nur versuchen, richtig damit umzugehen. Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt und zeigen müssen, dass das möglich ist. Wenn Sie daran denken, dass Israel Deutschland jetzt als zweitbesten Verbündeten nach den USA sieht, wenn Sie sehen, wie das deutsch-französische Verhältnis ist, dass das deutsch-polnische Verhältnis immer besser wird – diesen Weg müssen wir auch gegenüber einer früheren Kolonie wie Namibia gehen.

Das Gespräch führte Birgit Rieger

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!