Studie zur Lage der Galerien in Deutschland : Der meiste Umsatz wird in Berlin gemacht

Von wegen Galeriensterben: Einige gehen, andere kommen dafür. In Berlin ist ein Drittel der Galerien angesiedelt, darunter die dicksten Fische.

Auf Anfang. Die Berliner Positions im ehemaligen Flughafen Tempelhof ist eine der ersten Kunstmessen seit dem Lockdown.
Auf Anfang. Die Berliner Positions im ehemaligen Flughafen Tempelhof ist eine der ersten Kunstmessen seit dem Lockdown.Foto: Positions / Clara Wenzel-Theiler

Die Erleichterung ist ihm anzusehen, dass er nicht wieder Überbringer schlechter Botschaften ist. Nachdem Hergen Wöbken vor zwei Jahren mit seinem Institut für Strategieentwicklung (IFSE) eine Studie zur Situation Berliner Künstlerinnen mit miserablen Ergebnissen vorgestellt hatte – sowohl Gender Pay Gap als auch Show Gap lagen bei über 25 Prozent –, fällt die Betrachtung der aktuellen Lage von Galerien erstaunlich positiv aus.

Nein, es gibt kein Galeriensterben – aufs Ganze gesehen. Das ist die gute Nachricht. Im Vergleich zu 2013, als Wöbken seine letzte Erhebung zu Galerien machte, existieren nach wie vor 700 professionelle Galerien. Wo eine schließt, rückt eine neue Galerie nach. Das erklärt den Gleichstand. Etwa ein Drittel hat in Berlin ihren Standort, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit einem Viertel der Galerien und schließlich München, Hamburg, Frankfurt am Main und Stuttgart.

Gute Quote: 237 Galerien schickten den Fragebogen zurück

An sie erging via Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler der 62 Punkte umfassende IFSE-Fragebogen. 237 Galerien schickten ihre Antworteten bis Ende August zurück, ein erstaunlich hoher Rücklauf im Vergleich zu anderen Umfragen. Das Thema Galerienleben und -sterben treibt die Macher ganz offensichtlich um, sie wollten es von sich und ihren Kollegen genauer wissen.

Die andere gute Nachricht: Im Vergleich zur Pilotstudie von vor sieben Jahren gibt es eine deutliche Umsatzsteigerung. Belief sich der Umsatz 2012 noch auf 450 Millionen Euro, so hat er sich 2019 mit 890 Millionen Euro fast verdoppelt. Am meisten dürfte für Staunen sorgen, bei genauerer Betrachtung jedoch weniger überraschen, dass mit 350 Millionen Euro etwa 40 Prozent des deutschlandweiten Umsatzes in Berlin erwirtschaftet wurde.

[Mehr aus der Hauptstadt. Mehr aus der Region. Mehr zu Politik und Gesellschaft. Und mehr Nützliches für Sie. Das gibt's jetzt mit Tagesspiegel Plus. Jetzt 30 Tage kostenlos testen]

Kein Wunder, in den letzten Jahren haben sich in der Stadt die potentesten Galerien angesiedelt, andere stiegen zu großen Playern auf. Allerdings erzielten sie 40 Prozent ihres Umsatzes durch internationale Verkäufe, nur zwölf Prozent der Kunden stammen aus der Region, was Berlin als schwieriges Pflaster bestätigt.

Berliner Galerien stellen das Gros der Arbeitsplätze

Mit dem gestiegenen Umsatz ging auch ein Wachstum von Arbeitsplätzen einher, insbesondere bei den größeren Galerien. Hier entstand der Großteil neuer Stellen seit 2012. „Berliner Galerien stellen mittlerweile mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze von Galerien in Deutschland“, heißt es in der Studie.

Neben den etwa 1000 Inhaberinnen und Inhabern arbeiteten in deutschen Galerien knapp 1300 Beschäftigte sowie knapp 800 freie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Covid-19 sorgte allerdings für einen Wegfall eines Zehntels der Arbeitsplätze in den vergangenen Monaten. Mit einer Wiederbesetzung ist vorläufig nicht zu rechnen.

Doch die Lage ist nicht nur wegen der Pandemie angespannter denn je. Die Umsatzsteigerung des vergangenen Jahres lässt zwar frohlocken, allerdings verbirgt sie die Kluft zwischen umsatzstarken und -schwachen Galerien. Während nur 17 Prozent aller Galerien 80 Prozent des deutschlandweiten Jahresumsatzes erwirtschafteten, der sogenannte Mittelstand (25 Prozent) mit jeweils bis zu 1,5 Millionen Euro nur noch 13 Prozent des Jahresumsatzes erbrachte, lag der abgeschlagene Rest bei gerade sieben Prozent.

Ohne Geldgeber im Hintergrund geht es für kleine Galerie nicht

Mit einem Jahresumsatz von etwa 150 000 Euro realisieren zwar auch diese kleinen Galerie wichtige Ausstellungen, doch existieren sie häufig nur durch Unterstützung eines Geldgebers im Hintergrund und dank Selbstausbeutung. Die großen Galerien hingegen mit einem Umsatz ab 1,5 Millionen Euro sehen sich in unmittelbarer Konkurrenz zu New York und London sowie den Auktionshäusern. Hinzu kommen bei ihnen mehr Mitarbeiter mit Gehaltsforderungen, Messeteilnahmen und aufwändigere Logistik.

Auch sie treibt der Idealismus. Gaben vor allem die kleineren Galerien an, vornehmlich Malerei zu führen, weil sie am besten verkäuflich ist (97 Prozent), so engagieren sich die Großgalerien entgegen aller Wirtschaftlichkeit für die Kunstform der Performance. Mit 13 Prozent wird diese Gattung nach der Medienkunst (30 Prozent) als Schlusslicht genannt.

Viele Galeristen konnten die Zeit des Lockdowns nutzen

Die Pandemie verändert nun noch einmal das Bild, Schließungen der Galerien bis zu neun Wochen war die Folge. Viele nutzten zwar die Zeit, um mehr für Vermittlung vor allem online zu tun oder mit Kunden zu telefonieren. Manch einer machte sogar gute Verkäufe durch die intensivere Betreuung, doch für die meisten bedeutete der Lockdown hohe Einbußen.

Messen wurden abgesagt, internationale Besucher blieben aus. Im ersten Halbjahr wurden nur 336 Millionen Euro erwirtschaftet. Insgesamt erwarten die Galeristen für 2020 einen Verlust von über 40 Prozent.

Genauer nachgerechnet, dürften die Einbußen bei einem erwarteten Umsatz von 600 Millionen Euro bei 32,6 Prozent liegen – 290 Millionen Euro weniger als im Vorjahr.

Die Galeristen haben konkrete Forderungen an die Politik

Welche Konsequenzen diese Verluste haben, wird sich in den nächsten Monaten erweisen. Befragt, was ihnen helfen würde, hatten die Galeristen sehr konkrete Forderungen an die Politik. Sie wünschen sich feste Ankaufsetats für die Museen, für sich selbst Unterstützung bei der Vermittlungsarbeit, Digitalisierung und Messeteilnahmen.

Vor allem: die Rückkehr zur ermäßigten Umsatzsteuer, die 2014 abgeschafft wurde. Sie entscheidet darüber, was am Ende nach Abzug aller Kosten bleibt, welche Zukunftschancen eine Galerie hat.

Die ermäßigte Umsatzsteuer soll wieder eingeführt werden

Eine solche Rückkehr hätte zudem Symbolwert, denn auch das brachte die Umfrage zutage: Die Galeristen wollen als Kulturarbeiter anerkannt werden.

Mehr zum Thema

Wie der Buchsektor, der nach wie vor den Vorzug einer reduzierten Umsatzsteuer genießt, leisteten sie im vergangenen Jahr mit über 4000 Ausstellungen einen bedeutenden Beitrag zum kulturellen Leben des Landes – ein Angebot, das über 1,6 Millionen Besucher im vergangenen Jahr wahrgenommen haben.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!