Subventionen für Kultur : Piraten wollen Deutscher Oper das Geld streichen

Die Berliner Piraten beantragen die Streichung der Zuschüsse für die Deutsche Oper, weil diese nur auf Kosten vieler kleinerer Projekte zu finanzieren sei. Dabei geht es um 39 Millionen Euro pro Jahr.

Der Berliner Piraten-Abgeordnete Christopher Lauer
Der Berliner Piraten-Abgeordnete Christopher LauerFoto: dapd

Schuld trägt die Amme. Sie hat sich verhört, und so wurde der kleine bürgerliche Frederic nicht zum pilot, sondern zum pirate ausgebildet. Und weil es sich um eine viktorianische Musiktheater-Klamotte von Gilbert und Sullivan handelt, „The Pirates of Penzance“, geht die höchst verwickelte Sache am Ende bestens aus, mit Hochzeit und allem Tamtam.

Auch die Berliner Piratenpartei, auf vielen Feldern der Politik noch ebenso hoffnungsvoll wie ahnungslos, spielt im Abgeordnetenhaus lustig auf. Sie beantragt die Streichung der Zuschüsse für die Deutsche Oper, weil diese nur auf Kosten vieler kleinerer Projekte zu finanzieren sei.

Immerhin geht es um jährlich 39 Millionen Euro. Damit könne man arme Künstler fördern oder freie Projekte unterstützen. Ein Teil des Geldes könne auch zur Digitalisierung von Kunstwerken verwendet werden. Also klar zum Entern, das Haus an der Bismarckstraße möge dahin gesteuert werden, wo die Titanic liegt. Tief am Meeresboden! Diese feuchte Tragödie wurde schon einmal vertont und mit großem Erfolg an der Deutschen Oper aufgeführt; lang ist es her.

Die 15 Berliner Piraten
15 Piraten zogen in das Berliner Abgeordnetenhaus ein - als die ersten Gruppenfotos geschossen wurden, waren sie aber noch nicht einmal vollzählig versammelt. Auf dieser Aufnahme fehlen Gerwald Claus-Brunner und Pavel Mayer.Weitere Bilder anzeigen
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20.09.2011 12:0015 Piraten zogen in das Berliner Abgeordnetenhaus ein - als die ersten Gruppenfotos geschossen wurden, waren sie aber noch nicht...

Oper ist eine gefräßige Gattung, sie saugt alles auf – auch viel Geld. Deshalb gerät sie immer mal wieder ins Visier von Piraten und anderen Zeitgenossen mit ein oder zwei Augenklappen. Kommt sie also wieder, die berühmte Diskussion: Braucht Berlin drei Opernhäuser? Nun, Berlin hat drei (große) Opernhäuser und auch ein paar kleinere, hervorragende Spielstätten für Musiktheater. An der Komischen Oper und an der Deutschen Oper beginnen im Herbst neue Intendanten, gibt es weitreichende Modernisierungspläne. Und die Staatsoper erfreut sich allseits großer Beliebtheit. Sie kommt in solchen Rasier-Seifenopern kaum einmal vor.

Aber es gibt eine Stimmung gegen das angeblich Etablierte, es artikuliert sich ein Überdruss an unserem weltweit einzigartigen Fördersystem für Kultur. Da ist das Buch vom „Kulturinfarkt“, in dem mit dem „Fetisch Kulturstaat“ und angeblich komplett verkrusteten Verhältnissen in den staatlich subventionierten Kulturinstitutionen abgerechnet wird. Da sind die Piraten, die den alten Opernhasser-Song neu anstimmen, und da ist eine Freie Szene in der Hauptstadt, die vom Senat eine flexiblere Haltung fordert – mehr Geld für ihre Künstler, Projekte, Häuser.

Das Sonderbare und das Hervorstechende dieser Auseinandersetzung (wenn es denn tatsächlich eine wird, und nicht bloß eine Debatte) liegt darin, dass man auf allerhöchstem Niveau Klage führt. Der Kultur in Berlin geht es blendend, auch finanziell, alles in allem, im weltweiten Vergleich. Aber nicht allen geht es gleich gut – und genau das wollen ja auch die Infarkt-Spezialisten. Sie fordern weniger Geld vom Staat für die Institutionen. Und mehr Geld für die Kunst. Wer sie produziert und wo und womit, das sagen die Infarkt-Autoren nicht.

Berlins Kulturlandschaft strahlt prächtig, und der Satz wird nicht dadurch falsch, dass man ihn häufig wiederholt. Im Grunde geht die Frage jetzt dahin, wie man diese kreative Kraft der Stadt bewahrt. Und wie man nicht mutwillig zerstört, was man hat – nur weil man es schon so lange hat. Und weil es den Satten Spaß macht, Kultur zu attackieren. Warum auch nicht? Nur Tote werden in Ruhe gelassen.

Der „Spiegel“ nennt das HAU, das Ballhaus Naunynstraße und das Maxim Gorki Theater die Motoren der Veränderung in Berlin. Alle drei Häuser sind staatlich gefördert, sind überaus erfolgreich, alle drei stehen vor einem personellen Neubeginn. Sie gehören verwaltungstechnisch nicht zur Freien Szene, sehr wohl aber politisch und künstlerisch. Wenn Sasha Waltz mit ihrer Compagnie an der Staatsoper tanzt, dann ist es das Gastspiel einer Freien Gruppe, die eventuell auch noch mit dem Staatsopernapparat koproduziert.

An diesen Beispielen sieht man, wie missverständlich die Begriffe sind. Während die großen Tanker ästhetisch immer stärker in eine Richtung steuern, die früher einmal das Off war, das Experimentelle, will die Freie Szene, etwa Sasha Waltz und das Radialsystem, immer mehr staatliche Förderung, machen die Freien klassische Programme mit neuen Ideen. Beide Seiten haben Recht, sie können auch gar nicht anders. Und der Berliner Senat muss erkennen, dass diese privaten, professionellen Initiativen zunehmen. Und dass es der Stadt gut tut.

Leicht ist dieser Konflikt zu entschärfen. In der Tat müssen das HAU, das Maxim Gorki Theater stärker gefördert werden. Sie haben sich vom Rand ins Zentrum vorgearbeitet, sind stilprägend. Auch ein privates Haus wie das Radialsystem braucht mehr Mittel. Mit ein paar Millionen Euro – warum nicht aus einer Tourismussteuer? – kann man sehr viel bewegen. Es kostet nicht die Welt, eine auskömmliche Balance herzustellen zwischen den großen Institutionen und den Freien, die aufeinander angewiesen sind. Neue Staatstheaterapparate sollen dabei sicher nicht entstehen. Es kostet jedenfalls kein Opernhaus. Denn eine Schließung, das weiß man in Berlin seit dem Schillertheater-Debakel, bringt katastrophale Reaktionen. Und sie ist teuer.

Schön, dass der Regierende Kultursenator Klaus Wowereit dem BMW Guggenheim Lab den roten Teppich ausrollt. Er kann noch ein paar Meter mehr bestellen und sie vor den Laboratorien verlegen, die schon auf Hochtouren laufen. Die Förderung der Freien Szene war stets so schwierig wie notwendig in dieser Stadt. Nur muss es diesmal schneller gehen. Inzwischen sind die Freien keine Ideologen mehr, sondern Unternehmer und Partner. Piraten mit Kapitänspatent.

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