Was blieb vom „Sommer of Love“? : Flowers for Future

Das Palais Populaire Berlin erinnert an San Francisco 1967 und den „Summer of Love“. Happenings und Proteste: Heute kämpfen die Enkel der Hippies gegen den Klimawandel.

Mund-Art. Victor Moscosos Plakat „Incredible Poetry Reading aus dem Jahr 1968.
Mund-Art. Victor Moscosos Plakat „Incredible Poetry Reading aus dem Jahr 1968.Foto: Courtesy of Neon Rose, 1967. Victormoscoso.com

Draußen ist es schwülheiß, drinnen merklich abgekühlt. Für den „Summer of Love“ im Palais Populaire, wo die gleichnamige Ausstellung zu sehen ist (Unter den Linden 5, bis 28. Oktober; Mi bis Mo 11 – 18 Uhr, Do bis 21 Uhr), fühlen sich die extremen Temperaturunterschiede schon einmal richtig an. Auch damals muss der Zusammenprall von biederer Bürgerlichkeit und Flower-Power, regressiver Gesellschaft und Wunsch nach Freiheit ein Wechselbad gewesen sein. Zum 50. Geburtstag dieses denkwürdigen Sommers gab es weltweit Erinnerungsveranstaltungen, Talks, Konzerte, Lesungen, denn damals wurde ein Lebensgefühl geprägt, das um den Globus ging. Für das Fine Arts Museum of San Francisco war es 2017 Ehrensache, dieses legendäre Ereignis zu würdigen, das vor seiner Haustür in der Bay Area stattfand und den Höhepunkt der Hippiebewegung markierte.

Zwei Jahre später wird noch ein bisschen deutlicher, wie viel wir heute der Hippiebewegung zu verdanken haben. Ihr politischer Rigorismus wird in den „Fridays for Future“, der kämpferischen Haltung junger Leute beim Thema Klima, plötzlich wieder sichtbar. Ebenso beim Retro-Look, den Wallekleidern und Batik-Shirts, dem Second-Hand-Boom oder dem Containern, bei dem Essen aus dem Müll gefischt wird. Nachhaltigkeit, Ökobewusstsein, der Kampf um Gleichberechtigung war schon einmal gestern.

Die politischen Botschaften von damals

Hunderttausende junger Menschen strömten seit dem Jahresbeginn 1967 in den Stadtteil Haight-Ashbury, um am 14. Januar im Golden Gate Park gegen das Verbot von LSD und vieles mehr zunächst mit einem „Human Be-In“, einem Happening, zu protestieren. Sie blieben die nächsten Monate in der Stadt und konfrontierten die angesichts der Massen völlig überforderte Kommune mit einer neuen Jugendkultur. Erst zwei Jahre später fand das Woodstock-Festival statt, das gerne mit dem „Summer of Love“ verwechselt wird.

Die vom Fine Arts Museum übernommene Ausstellung erreicht Berlin zwar mit Verspätung. Zum 50. Geburtstag des Woodstock-Festivals, das vom 15. bis 18. August 1969 auf einem Feld nahe der Kleinstadt Bethel im US-Bundesstaat New York stattfand, kommt sie aber punktgenau. Der Sound, die Mode, die künstlerischen Ausdrucksweisen änderten sich in der kurzen Zwischenzeit kaum. Der Deutschen Bank, die Unter den Linden das Palais Populaire als Ausstellungshaus, Veranstaltungsort und einsame gastronomische Anlaufstelle unterhält, ist hoch anzurechnen, dass sie nicht nur in psychedelischen Lightshows, irisierenden Plakaten und abgefahrenen Klamotten schwelgt, sondern auch die politischen Botschaften von damals zu Wort kommen lässt.

Ganz offensichtlich hat Max Hollein, bis vor einem Jahr Direktor des kalifornischen Museums, dazugelernt. 2005, damals Chef des Frankfurter Städel-Museums, präsentierte er in der Schirn-Kunsthalle eine gleichnamige Ausstellung, die dem seligen Hippie-Style einen Platz in der Kunstgeschichte einzuräumen suchte, ohne größer auf die Unruhen der Zeit, den Vietnamkrieg, den Kampf der Afroamerikaner einzugehen.

Traue niemand über 30

Als er vor drei Jahren nach San Francisco wechselte, brachte er seine Frankfurter Ausstellungsidee mit – wie Eulen nach Athen. Was aus ihr am Originalschauplatz in der zweiten Auflage wurde, ist nun im Palais Populaire eine Nummer kleiner mit nur noch 150 Exponaten zu sehen. Statt Janis Joplins poppig buntem Porsche-Cabriolet, das damals in der Schirn noch ausgestellt war, steht nun ein bemalter VW-Bulli vor der Tür, um die Passanten ins ehemalige Prinzessinnenpalais zu lotsen.

Dort geht es seit anderthalb Jahren weder plüschig zu wie zu Zeiten des Operncafés noch irgendwie historistisch in Anlehnung an die barocke Fassade, sondern cool im Stil des Berliner Architektenbüros Kuehn Malvezzi. Trotzdem kommt beim „Summer of Love“ Stimmung auf. In der Rotunde des Treppenhauses regnet es als Wandprojektion bunte Sticker mit der Aufschrift „Make Love not War“, „We shall overcome“, „Do not trust anyone over 30“.

Im Zentrum der Treppenspindel sitzt wie hingegossen eine Schaufensterpuppe. Sie umspielt ein aus hellblauer Wolle gehäkeltes Hochzeitskleid, das meterweit ausschwingt. Natürlich trägt das Mannequin Blumen im Haar. Und von irgendwoher meint man Scott McKenzie „If you’re going to San Francisco,/be sure to wear some flowers in your hair./If you come to San Francisco,/Summertime will be a love-in there“ singen zu hören.

Zentrum der Gegenkultur

Um wie viel mehr als nur um „Sex and Drugs and Rock’n Roll“ es ging, geben die dokumentarischen Filmaufnahmen der Reden Martin Luther Kings zu verstehen oder jenes drastische Aktfoto einer Schwangeren, auf deren Busen als Warnung vor durch DDT vergiftete Muttermilch „Nicht für Kinder geeignet“ steht. San Francisco war das Zentrum einer Gegenkultur, die sich auf die Wurzeln Amerikas besann. Zum „Human Be-In“ im Golden Gate Park luden Plakate ein, die einen indigenen Amerikaner zeigen. Darauf taucht neben dem Beatnik-Dichter Allen Ginsburg und der Band Jefferson Airplane auch Timothy Leary auf, der die Devise „Turn on, tune in, drop out“ prägte. Der LSD-Guru predigte nicht nur das Abdriften in den Rausch, sondern auch den Ausstieg aus dem Krieg. Damals begannen die ersten Kriegsdienstverweigerer öffentlichkeitswirksam ihre Einberufungsbefehle zu verbrennen

Diese Rückbesinnung auf die Pionierzeit der USA fand ihren Ausdruck auch in der Mode. The Charlatans, eine Rockgruppe aus San Francisco, trugen bei ihren Auftritten Western-Hüte, Cowboy-Stiefel und altmodische Westen mit Taschenuhren. Auf den Trödelmärkten, die vom Stadtumbau und Abriss der viktorianischen Häuser in der Bay-Area profitierten, kleidete man sich „Old-timey“ ein. Als Preziose wird die Handtasche von Janis Joplin präsentiert, die von der Modemacherin Linda Gravenites für ihre damalige Mitbewohnerin entworfen wurde und sich altertümlicher Techniken der Arts-and-Crafts-Bewegung bedient. Im Zentrum des blau-rot bestickten Ziegenlederbeutels prangt, umgeben von Glasperlen, eine aufgehende Sonne.

Die Grafikdesigner griffen noch weiter zurück und ließen sich von den floralen Mustern des Jugendstils inspirieren. Auf den Plakaten, Plattencovern begann sich die Schrift in Kringeln zu drehen, dass kaum noch zu entziffern ist, welche Band wo gastiert, was für Songs gespielt werden. Mit Ankündigung und Plattenhülle beginnt bereits der Trip. „Das Plakat soll die Leute in einer Art Selbsterfahrung verwickeln“, so Wes Wilson, dessen Poster mit rot flammenden, eng gestellten Buchstaben auf grünen Grund für den Psychedelic Bookshop warben. Die Kunden fanden ohnehin ihren Weg. Oft genug wurden sie von den Telefonzellen, an denen sie hingen, einfach abgerissen und mitgenommen – durchaus im Sinne der Plakatgestalter. Noch weiter trieb es Victor Moscoso, der bei Josef Albers studiert hatte und dessen optische Lehre auf den Kopf stellte. Er druckte die Motive rot, gelb, blau leicht versetzt übereinander, sodass sie sich in buntem Wechsellicht zu bewegen scheinen. Der Lichtkünstler Bill Ham machte den nächsten Schritt, indem er seine abstrakte Malerei direkt auf die Folie von Overheadprojektoren auftrug und die verfließenden Farben auf die Wand warf. Im Untergeschoss des Palais Populaire bespielt er einen ganzen Raum mit seinem „Kinetic Light Painting“, dazu läuft der Sound der Zeit. Was heute in den Clubs zur multimedialen Grundausstattung gehört, fand damals seinen Anfang.

Viel Nostalgie

Und doch fällt es schwer, so attraktiv die tapetengroß aufgeblasenen Schwarzweiß-Aufnahmen der Happy Hippies sind, sich das damalige Lebensgefühl vorzustellen, die Solidarität, den Aufbruchsmoment, die große Freiheit. Die „Diggers“, eine alternative Theatergruppe, die sich nach einer englischen Dissidentengruppe des 17. Jahrhunderts benannte, nahmen sie wörtlich. Bei ihnen hatte alles „free“ zu sein, denn bürgerliches Besitzstreben hatte ihrer Ansicht nach zum Vietnamkrieg geführt. So stellten sie den mittellos nach San Francisco geströmten Jugendlichen freie Mahlzeiten, freie Kleidung, freie Quartiere zur Verfügung. Zugleich retteten sie damit die vor den Massen kapitulierende Stadtverwaltung vor einer Versorgungskrise.

Die „Diggers“ gründeten nicht nur den ersten Free Store, Vorbild für die heutigen Umsonstläden, sondern auch die erste Free Clinic, um hilflose Jugendliche auf LSD-Trip von der Straße zu klauben. Für manch einen führte der „Summer of Love“ mit seinen Selbsterfahrungen und Sinnesreizen als nächste Station zum Drogenentzug. Auch davon gibt die Ausstellung eine Ahnung, wenn auch künstlerisch verklausuliert. Zu einem der schönsten Exponate gehört ein aufwendig bestickter Krankenhauskittel. Menschen, Tiere, Farben, Formen verweben sich darin zu unübersichtlichen Patterns.

Am Ende des Sommers ’67 hatten viele der Enthusiasten der ersten Stunde von San Francisco die Nase voll. Durch Haight-Ashbury fuhren bereits Touristenbusse, um die Blumenkinder als Attraktion der Stadt vorzuführen. Als utopischer Ort von „Love and Peace“ und Ausgangspunkt einer Ökobewegung bleibt sie in Erinnerung, mit viel Nostalgie. Heute regiert dort die digitale Elite.

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