ARD-Film über Terroristen-Szene : Jan wird Salafist

Der Übertritt eines jungen Menschen zu einer Terrororganisation wie dem Islamischen Staat ist ein Rätsel. Ein ARD-Zweiteiler versucht es zu lösen.

Nikolaus Festenberg
Weitere Radikalisierung inklusive. Bei einem Polizeieinsatz in der Moschee wird Jan Welke (Edin Hasanovic) abtransportiert.
Weitere Radikalisierung inklusive. Bei einem Polizeieinsatz in der Moschee wird Jan Welke (Edin Hasanovic) abtransportiert.Foto: SWR/Züli Aladag

Der Informatikstudent und Held des ARD-Zweiteilers „Brüder“, Jan Welke, hat auf den ersten Blick so gar nichts vom Gottsucher oder gar Terroristen. In seinem Milchgesicht, mit Salafistenbart oder ohne, gibt es außer Jungenhaftigkeit wenig zu lesen. Sein Darsteller, Edin Hasanovic (spielt in „Familie Braun“ einen Neonazi), in Bosnien geboren und in Deutschland aufgewachsen, gleicht in seiner mimischen Zurückhaltung seinem Schauspielerkollegen Volker Bruch, der in der gelobten Serie „Babylon Berlin“ den Kommissar Gereon Rath gibt. Nur wenn der Stadtmoloch swingt, dann wird Raths Miene durchsichtig und dem Zuschauer für Sekunden klar, dass es in seiner Figur noch anderes gibt als die Angst, sein Zittertrauma nicht zu beherrschen.

Die angesagten Fernsehmacher haben es nicht so mit dem Zeigen innerer Bewegung. Sie wollen auf große Bilder hinaus, für die ihnen eine Spiegelung im Schauspielergesicht wohl als zu dürftig erscheint. So, wie es zurzeit künstlerisch läuft, heißt die Richtung: von innen nach außen, vom Darsteller zum Dargestellten. Ausstatter, Bildingenieure, Kameraleute (bei Aladag: Roland Stuprich, Christian Greiner), die Illusionisten der Filmbühne, übernehmen.

Deshalb ist es nicht das Mienenspiel des Jan-Darstellers Hasanovic, das dem Zuschauer erklärt, dass mit dem Informatikstudenten etwas nicht stimmt. Warum will der junge Mann seinen allein lebenden Vater (Thorsten Merten) im Schlaf mit einem Kissen ersticken? Was hat ihm seine Mutter (Karoline Eichhorn) getan, dass er keine dauerhafte Beziehung zu Mädchen aufbauen kann? Warum nimmt er Drogen, warum vernachlässigt er plötzlich sein Studium? Aladags Film interessieren die Ursachen nicht sonderlich. Er will möglichst rasch hinaus in den Dschihad, wo die wilden Bilder wohnen.

Der Übertritt eines jungen Menschen in eine Terrororganisation, wie sie der IS darstellt, dieser GAU aller Vernunft, ist ein schreckliches Rätsel, auf das unsere westliche Zivilisation keine Antwort weiß. Filmemacher Aladag weiß auch keine erschöpfende, aber er weiß von der Verzauberung, die eine Begegnung mit dem Islam bei einem religiösen Analphabeten, wie Jan einer ist, bewirken kann.

Die werbenden Sirenenklänge eines besseren, gefestigteren Lebens im Namen Allahs gehen von dem aus Bosnien stammenden Salafistenprediger (Tamer Yigit) aus, einem Mann, der als Kind die Gräueltaten der Serben an den Muslimen in Srebrenica überlebt hat. Nach anfänglicher Ablehnung der ranschmeißerischen Anwerbungsmethoden der „Lies den Koran“Animateure auf der Straße (Jan: „Ich bin nicht euer Bruder“) findet dieser sanfte Missionar den Schlüssel zu Jans verschütteter Sehnsucht nach der verlässlichen Ruhe des Rituals und der Betäubung des Zweifelns.

Poesie der arabischen Sprache

Eine platte „Gottesvergiftung“ zeigt „Brüder“ (Drehbuch: Kristin Derfler) nicht. Die Missionsanstrengungen der Salafisten wirken nie lächerlich. Besonders der erste Teil zollt den rituellen Übungen der Gruppe Respekt. Nicht oft kann man im Fernsehen der Poesie der arabischen Sprache so intensiv lauschen wie hier und als Christ neidisch sein auf eine rituelle Choreografie, die den Körper nicht verachtet, sondern vor Allah ausbreitet. Der Zuschauer sieht nicht nur besserwisserisch Verführten zu, er wird selber ein wenig verführt: vom Fremden, vom Pathos des Erhabenen.

Der zweite Teil des Films schickt Jan als Freiheitskämpfer zum IS nach Nordafrika. In der Wüste verdorrt der Zauber der Religion. Regisseur Aladag und seine Crew haben am Set in Marokko Großartiges geleistet. Erst in den Szenen aus nachgestellten Kämpfen, im Zeigen der Trostlosigkeit des Ausbildungslagers, der teuflischen Seiten der Gotteskrieger, der alles zerstörenden Idiotie und Intoleranz ihrer Anführer entpuppt sich ein System, das Religion nicht annehmen, sondern nur benutzen kann. Schaurig sind die Bilder von durch die Wüste brausenden IS-Transportern auf dem Weg in sinnloses Gemetzel.

Jan kehrt durch listige Manöver und versehen mit Terroraufträgen des IS nach Deutschland zurück. Er bleibt unfähig und unwillig, sich in seinem Geburtsland zu integrieren. Die deutschen Sicherheitsbehörden haben ihn im Blick. Jetzt erweist es sich als schade, dass der Film seinen Hauptdarsteller nicht genauer beobachtet hat. In Jan hat sich eine Richtungsänderung seiner Aggressionsziele vollzogen. Wo zuvor Gehorsam war, entstand Gewissen, aber keine Abkehr vom Mittel der Gewalt. Dies konnten wir Zuschauer ihm nicht ansehen vor lauter Bilderorgien.

Deshalb ist das Rache-Ende von „Brüder“ so unvermittelt und abstrus. Aladag sprengt gleichsam seinen Film, als wäre er ihm über den Kopf gewachsen. Aber: Hätte es überhaupt ein verstehbareres Ende dieser Wahnsinnsgeschichte geben können?

„Brüder“, ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15; „Sebastian wird Salafist“, 23 Uhr 45

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