Interview mit Kristina Dunz : „Bei Trump bewegt sich nichts“

Die diesjährige Trägerin des Preises der Bundespressekonferenz über Lokaljournalismus, Trump und die Männerdomäne Verteidigungspolitik.

Sophie Krause
Kristina Dunz bei der Pressekonferenz in Washington mit Donald Trump und Angela Merkel.
Kristina Dunz bei der Pressekonferenz in Washington mit Donald Trump und Angela Merkel.Screenshot: Tsp

Frau Dunz, vom „Delmenhorster Kreisblatt“ zur Donald Trump-Pressekonferenz nach Washington. Das klingt nach dem Traum jedes Journalistenschülers.

Ich wollte immer Journalistin werden und hatte mich beim Delmenhorster Kreisblatt für ein Praktikum beworben, als ich in Bremen studierte, und habe dann zu meiner großen Freude dort schnell ein Volontariat bekommen. Der Chefredakteur, Claus Wettermann, war zuvor 20 Jahre bei der dpa und zehn Jahre beim Kölner Stadtanzeiger, viele Jahre davon als Kanzlerkorrespondent. Dann wollte er aber wieder Journalismus an der Basis machen. Er sagte, er wollte aus den Zirkeln der Bonner Journalisten-Elite raus und wieder mehr Kontakt zu den Menschen da draußen bekommen. Damals hatte ich meine Zweifel, ob das wirklich stimmt. Heute verstehe ich ihn besser. Als ich mit dem Volontariat fertig war, sagte er zu mir, ich müsse leider gehen, weil er glaube, Delmenhorst sei zu klein für mich. Ich wäre damals gern geblieben. Ich bewarb mich bei der dpa, die mich nahmen, weil sie Wettermann noch kannten und als „Star am Journalistenhimmel“ in Erinnerung hatten – und seiner Empfehlung vertrauten. Ich habe die Probezeit überstanden. Am Ende war ich 26 Jahre bei dpa.

Sie machten als Trump-Fragerin Schlagzeilen, weil Sie den US-Präsidenten auf sein paradoxes Verhältnis zu Fake News ansprachen. Kam Ihnen diese Berichterstattungswelle übertrieben vor?

Es war überraschend. Ich hatte mir zuvor alle Pressekonferenzen angeguckt, die er gegeben hatte, und ich wusste, dass diese Frage noch nicht gestellt worden war. Über meine andere Frage, ob „America First“ auch die Europäische Union und damit die USA schädigen würde, hat er sich viel mehr geärgert, aber daran erinnert sich heute niemand. Ich habe nach der Pressekonferenz mit Trump etwa 200 Dankes-Briefe aus den USA bekommen, überwiegend von Frauen und fast alle handgeschrieben. Das hat mich völlig umgehauen. Das zeigt, wie unglücklich viele US-Bürger mit diesem Präsidenten sind. Dass mal einer so etwas gesagt hat, das war wohl der Punkt.

Trump hat dann vor sich hingedruckst.

Er konnte natürlich auf die Frage, warum er so große Angst hat, nicht sagen, dass er große Angst hat. Aber das war keine rhetorische Frage. Mich interessiert bis heute, warum er das macht. Gehört das zu seiner Politik, Journalisten zur einer elitären Kaste zu erklären, der er ja selber angehört? Ist es fehlende Professionalität? Sein patriarchales Denken, dass sich ihm alle unterordnen müssen? Pressefreiheit ist ihm sowieso ein Dorn im Auge. Ich glaube, er hat – das würde er wahrscheinlich nicht beantworten – überhaupt kein Verständnis von Gewaltenteilung.

Haben Sie das Gefühl, Ihre Frage hat etwas bei Trump bewegt?

Bei dem bewegt sich nichts. Bei dem bewegt sich, glaube ich, nur etwas, wenn Geld, Macht oder Frauen im Spiel sind. Er redet so viel über Frauen. Bei seinem Besuch in China sprach er von der „wunderschönen“ Peng Liyuan, der Frau von Xi Jinping. Brigitte Macron hat er attestiert, sie habe sich „gut gehalten“. Er spricht nur über das Äußere von Frauen, was inhaltsleer und nervig ist. Ich glaube, er meint das tatsächlich anerkennend und merkt gar nicht, wie diskriminierend das ist.

Was würden Sie ihn heute fragen?

Ich würde ihn fragen, ob er oder seine Familie an einer möglichen Manipulation des US-Wahlkampfes beteiligt waren. Das ist natürlich eine Frage, die er nicht beantworten oder zurückweisen würde, die aber brennend ist. Wie ist er eigentlich an die Macht gekommen? Es hat ihn nicht die Mehrheit gewählt, das ist das US-Wahlsystem. Aber was waren seine Tricks, hat er manipuliert? Inwieweit war das Imperium Trump daran beteiligt? Eine andere Frage wäre sein gestörtes Verhältnis zu Frauen. Wie kann jemand, als mächtigster Mann der Welt, etwa so gefühllos mit Witwen gefallener Soldaten umgehen? Was fehlt ihm, dass er nicht mit gesundem Menschenverstand auf Menschen zugeht? Er ist völlig verstellt und passt nicht zu diesem Amt.

Das wären Fragen, die wahrscheinlich erneut mediales Aufsehen hervorrufen würden. Der Blog Übermedien hat diese Berichtserstattungswelle kritisiert, schließlich hätten Sie Trump zwei Fragen gestellt und damit ihren Job gemacht.

Ich finde grundsätzlich, dass Übermedien mit der Replik auf die Berichterstattung einen guten Punkt aufgegriffen hat. Trotzdem fand ich die Kritik in Teilen etwas gebogen. Stefan Niggemeier wirft der dpa in diesem Bericht vor, dass sie sich selber multipliziert und Look-At-Me-Journalism betrieben habe. Das fand ich in dem Fall unglücklich, weil Herr Niggemeier mit Übermedien das durchaus auch macht. Zweitens ist die dpa derartig zurückhaltend mit Berichten über eigene Glanzleistungen, dass ich ein bisschen Eigenwerbung einmal in 70 Jahren ganz okay finde.

Also eine undifferenzierte Kritik?

Darüber nachzudenken finde ich gut, es war ja auch eine Warnung davor, dass die Selbstbeweihräucherung überhandnimmt. Ich bin auch dafür kritisiert worden, dass ich Merkel eine Frage gestellt habe und Trump zwei, also insgesamt drei. Das seien zu viele, hieß es. Offenbar ist wenig bekannt, wie eine internationale Pressekonferenz abläuft. Wenn Sie die Chance zu fragen nicht richtig nutzen, dann holen Sie nicht das Beste für ihre Leser, Hörer und Zuschauer raus. Es kann sein, dass Sie nur eine Frage stellen und die Regierungschefs mit Ja oder Nein antworten. Aber Sie müssen die ja dazu bringen, etwas zu erzählen. Sie haben nur diesen einen Auftritt von 30 bis 40 Sekunden, der muss sitzen. Wenn Sie Ihre Frage also aufteilen und strukturieren, ist das besser, als nur eine Frage zu stellen, die vielleicht abgeschmettert wird.

Sie haben unter anderem zehn Jahre lang über Verteidigungspolitik berichtet. Das ist keine typische Männerdomäne. Sind Ihnen in Ihrer Karriere Steine in den Weg gelegt worden, die Ihren männlichen Kollegen erspart blieben?

Ich bin gut gefördert worden, sowohl von Claus Wettermann, als auch bei der dpa, wo ich sehr früh in tolle Positionen kam. Mir sind in all der Zeit keine Steine von Männern in den Weg gelegt worden, aber von manchen Männern habe ich übelste Sprüche gehört. Mit Anzüglichkeiten kam ich klar, viel schlimmer waren inhaltliche Gemeinheiten wie „Das kann die nicht“. Insgesamt war es schon ein harter Weg.

Nach acht Jahren Kanzlerkorrespondenz und als heutige Co-Chefin der „Rheinischen Post“ in Berlin haben Sie sich einen Jugendtraum erfüllt. War es das jetzt?

So ein Moment kommt nie wieder. Allerdings gab es danach noch eine andere Geschichte, die im Grunde die größere Leistung war. Frau Merkel hat im Sommer bei einem öffentlichen Interview mit der Zeitschrift „Brigitte“ den unklaren Satz gesagt, dass die Ehe für alle für sie eine Gewissensentscheidung sei. Mir war klar, dass das bedeutet: keine Fraktionsdisziplin im Bundestag und eine Mehrheit im Bundestag, weil ein Teil der Unionsfraktion immer dafür war. Ich habe daraus eine dpa-Eilmeldung gemacht, die auch auf den Handys der Politiker erscheint. An diesem Abend war die SPD versammelt bei einem Fest und entschied, am nächsten Morgen die Abstimmung über die Ehe für alle noch in derselben und letzten Bundestagssitzung vor der Sommerpause durchzuziehen. Das heißt nicht, dass ich für die Abstimmung gesorgt hätte, aber ich, beziehungsweise die dpa, war ein Beschleuniger. Das geht nur mit Nachrichtenagenturen, aber dafür müssen Sie auch gut im Stoff sein und viele Sätze von Frau Merkel zur Ehe für alle gehört haben. Wenn Sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, ist das mal der Ausgleich dafür, dass Sie bei Recherchen oftmals zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

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