RBB-Chefin zu Zukunft von ARD und ZDF : Neu erfinden müssen wir uns nicht

Aber verändern können sich die öffentlich-rechtlichen Sender schon. Ein Beitrag von RBB-Intendantin Patricia Schlesinger.

Patricia Schlesinger
Im Einsatz für Sender und System. Patricia Schlesinger ist seit Juli 2016 Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB).
Im Einsatz für Sender und System. Patricia Schlesinger ist seit Juli 2016 Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB).Foto: rbb/Oliver Ziebe

Unumstritten war der öffentlich-rechtliche Rundfunk nie. Heute aber gehen einige sogar so weit, ihn am liebsten ganz abschaffen zu wollen. Die Schweizer stimmten gerade genau darüber ab, erfreulicherweise sprach sich eine große Mehrheit für das öffentlich-rechtliche Angebot aus. Auch für Deutschland wage ich die These: So kontrovers über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch diskutiert werden mag, so unverzichtbar ist er für die Demokratie, deren Bestandteil er ist.

Die ARD, die ich kenne, ist schon länger einem Prozess der Veränderung unterworfen, wie viele andere Institutionen in unserem Land auch. Die Digitalisierung der Industriegesellschaft verändert die Arbeitswelt tiefgreifend. Die Programme, die wir produzieren, sind schnelllebig. Trends, die wir heute erleben, haben übermorgen keine Relevanz mehr. Und entsprechend müssen wir die Strukturen, die die ARD tragen, neuen Gegebenheiten anpassen.

Wir verändern uns, darauf kann man gar nicht oft genug hinweisen. Die ARD hat eine Strukturreform beschlossen, die wir jetzt gezielt umsetzen. Wir werden schlanker. Wir werden effizienter. Die einzelnen Sender werden noch stärker zusammenarbeiten als bisher schon; das gilt besonders für die Verwaltung.

Tiefgreifenden Veränderungen ist vor allem die Produktion unterworfen. Mit einer Handykamera kann heute jedermann aus dem Wanderurlaub in den Bergen eine Reportage mit 360-Grad-Panorama-Video live und in HD senden. Auch in den Sendern bedeutet smarte Produktion eine Verkleinerung der Ausrüstung und eine Veränderung der Berufsbilder. Heute konkurrieren wir mit Konzernen und Organisationen um die klügsten Köpfe in der IT-Branche und um digitale Multitalente.

Winter-Olympia wurde in Leipzig produziert

Den Übertragungswagen im Lkw-Format benötigen wir immer seltener, nur noch bei Großereignissen, und selbst dort ist Kooperation die neue Antwort auf die Herausforderungen. Gemeinsam haben ARD und ZDF zum Beispiel die Olympischen Spiele produziert. Wo? In Leipzig. Nur vergleichsweise wenige Kolleginnen und Kollegen reisten nach Asien.

So wichtig Technologie sein mag, sie ist nur ein Mittel, um unseren gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen – im Sinne unserer Zuschauerinnen, Zuhörer und User, die wir erreichen und die wir heute bereits anders erreichen als noch vor wenigen Jahren. Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: Natürlich nehmen wir unser Publikum ernst. Wir hören hin. Wir schauen hin. Wir können dabei besser werden, keine Frage. Also fragen wir: Was fehlt? Wo sehen unsere Beitragszahler Mängel? Denn wir machen unsere Sendungen nicht für ein Nischenpublikum, wir wollen und sollen möglichst viele Menschen erreichen. In einer diversifizierten Gesellschaft wie unserer ist das nicht leichter – doch es muss unser Anspruch bleiben.

Deshalb gehört eine Kritik über die Premiere am Deutschen Theater in Berlin auf RBB 24 ins Programm und ebenso selbstverständlich ein Radiobericht über das Clubsterben in der Stadt. Nein, nicht alles wird allen Zuschauern und Zuhörern gefallen und muss es auch nicht. Aber jeder von ihnen sollte an jedem Tag bei uns Sendungen finden, die er hören oder sehen möchte.

Die Vielfalt der Meinungen in unserer Gesellschaft spiegelt sich in der Vielfalt unseres Programms. Wer in Casekow wohnt und lebt, denkt anders als sein Zeitgenosse in Berlin-Mitte. Unsere journalistische Neugier aber soll in beiden Lebenswirklichkeiten Berichtenswertes entdecken. So haben wir zum Beispiel nach den Konflikten zwischen Geflüchteten und Einheimischen in Cottbus eine Livesendung aufgelegt. Wir haben sie „RBB vor Ort – Cottbus unerhört“ genannt und ließen die Beteiligten zu Wort kommen. Das Format haben wir den Erfordernissen angepasst. So soll es sein, so kann es angemessen sein.

Mehr Freiheiten im Internet

Für das jüngere Publikum gibt es „funk“ im Netz. Eines der funk-Politikformate, „Deutschland 3000“, erreicht Hunderttausende junge Menschen. „funk“ profitiert von einer besonderen Regelung, die uns für dieses Angebot mehr Freiheiten im Netz gibt als sonst. Alle anderen öffentlich-rechtlichen Programme im Internet sind dem Telemedienrecht unterworfen, das schon bei seiner Einführung 2007 den realen Verhältnissen im Netz nicht gerecht wurde. Es wäre besser, uns würde nicht vorgeschrieben, was wir im Radio oder im Fernsehen oder im Netz anbieten dürfen. Es wäre angemessen, wenn wir mehr Freiheit hätten, wie wir unseren öffentlich-rechtlichen Auftrag umsetzen.

Das Telemedienrecht ist Sache des Gesetzgebers, in dieser Frage argwöhnisch beäugt von privaten Medien und Zeitungsverlegern. Zur Wahrheit gehört aber, dass nicht die Rundfunkanstalten deren Bezahlmodellen im Netz im Wege stehen. So existiert zum Beispiel in den USA der öffentlich-rechtliche Rundfunk nur noch in der Nische, kaum wahrnehmbar. Die Verlage hätten alle Möglichkeiten, aber auch dort stellt sich nicht der durchschlagende Erfolg ein, den das öffentlich-rechtliche System hier angeblich verhindert.

Manchmal frage ich mich, was wohl wäre, wenn wir die ARD heute erfinden und neu komponieren könnten. Unstrittig würden wir es an den gleichen, hehren Werten ausrichten wie bisher: Unabhängigkeit, Ausgewogenheit, Verpflichtung auf das Gemeinwohl. Vielleicht würden wir uns sogar noch schärfer darauf verpflichten, in einer Zeit, in der ein Kampf um das Verhältnis von Wahrheit und Lüge, von Tatsachen und alternativen Tatsachen entbrannt ist und in der wir die Wohnzimmer und die digitale Welt nicht den Hightech-Giganten im Silicon Valley überlassen wollen.

Die Zuschauer vertrauen uns

Unser öffentlich-rechtliches Mediensystem trägt zur Demokratie bei, es tut ihr gut, auch weil es verlässlich ist. Wenn es in der Welt historische Zäsuren wie 9/11 gibt, wenn Bundestagswahlen anstehen, bei allen Ereignissen, die die Menschen bewegen – kurzum immer dann, wenn es um Bedeutsames geht –, dann schalten noch mehr Zuschauer als sonst die Nachrichten und Hintergrundberichte ein. Sie vertrauen uns. Sie informieren sich bei uns. Sie gehen davon aus, dass sie von uns zuverlässig erfahren, was passiert ist.

Ja, der föderale Rundfunk kostet Geld. Unabhängigkeit und Ausgewogenheit haben ihren Preis. Auch darüber muss geredet werden, muss gestritten werden. Aber der Beitrag ist seit neun Jahren, seit 2009, nicht gestiegen. Was sonst ist heute noch genauso teuer wie damals?

Zu unserer Welt gehören Klicks, Likes und Influencer in den sozialen Medien, aber sie sind nicht alles. Sie tragen zur neuen Unübersichtlichkeit bei, die es der Wahrheitsfindung im Zweifelsfall schwer macht. Bubbles, Hypes und Datenskandale wie eben bei Facebook beschäftigen uns – vielleicht über Gebühr. Da ist es von Vorteil, wenn es ein System gibt, das solidarisch finanziert und frei von kommerziellen und staatlichen Interessen ist. Das ist unser Public Value – unser gesellschaftlicher (Mehr-)Wert.

Erfinden können wir uns nicht neu, schon wahr, aber verändern können wir uns, wo es nötig ist. Und bewahren sollten wir, was uns unterscheidet.

Der nächste Debattenbeitrag zur "Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks" kommt von VPRT-Chef Hans Demmel.

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