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Wer mit einer deutschen Internetadresse unlizenzierte Youtube-Videos anklickt, guckt neuerdings in die Röhre.

© dapd

Freiheit im Internet: Die Technik hat die Piraten überholt

Mit ihrer Forderung nach Gratisbits für alle sind die deutschen Piraten ganz und gar nicht avantgardistisch. Sie wurden von der rasanten Entwicklung des Internets bereits überholt.

Mit dem Erfolg der Piratenpartei steht die Freiheit des Internets plötzlich ganz oben auf der politischen Tagesordnung. Die Piraten wollen, dass jeder „User“ rauf- und runterladen darf, was er will, ohne Preisgabe seiner Identität und ohne Angst vor Repressalien. Die etablierten Parteien sind eigentlich dagegen, weil sie keinen virtuellen rechtsfreien Raum für Radikale, Pornoanbieter und Ideendiebe wollen; doch aus Furcht, vielleicht einen Jugendtrend oder gar den digitalen Zeitgeist verschlafen zu haben, äußern sie sich erst einmal vorsichtig.

Dabei ist das „freie Internet“ eine Utopie aus den Anfängen des digitalen Zeitalters, die von den heutigen Machern des World Wide Web längst beerdigt wurde. Während die deutschen Piraten Gratisdownloads für alle fordern, lassen Google, Facebook und Co. bereits das Web 3.0 vom Stapel: Im Internet der Zukunft wollen sie nicht mehr Visionen und Werbeflächen verkaufen, sondern endlich hartes Geld verdienen.

Wie bebildert man eigentlich die vielen Artikel über die Piraten? Hier die beliebtesten Motive...

Wie das funktionieren kann, hat Apple mit seinem iTunes-Store vorgemacht. Neben den Endgeräten verkauft der Branchenführer lizenzierte Musik, Videos, Bücher und Programme. Alles ist bequem herunterzuladen – und durch raffinierte Technik vor Raubkopierern geschützt. In der neuesten Variante „iTunes Match“ entfällt sogar das Herunterladen. Der Nutzer kauft nur noch die Lizenz und kann dann die bezahlten Medien von jedem Endgerät direkt aus der Cloud abspielen. Ähnliche Verfahren zum Schutz der Urheberrechte – etwa durch den Erwerb von Lizenzen über personalisierte Mobilfunkanschlüsse – werden derzeit von allen großen Internetfirmen entwickelt.

Das Web war bisher gratis, weil die technischen Voraussetzungen für die Erhebung von Gebühren fehlten. Diese glücklichen Zeiten sind allerdings vorbei: Wer mit einer deutschen Internetadresse unlizenzierte Youtube-Videos anklickt, guckt neuerdings in die Röhre. Auf der Website der „New York Times“ sind nur noch zehn Artikel pro Monat kostenlos, danach wird der Browser wie von Geisterhand gesperrt. Die nächste Generation von Hardware, Betriebssystemen und Internetbrowsern wird standardisierte Sicherheitssysteme enthalten, die nur noch ambitionierte Hacker überwinden können.

Die Zukunft gehört Firmen, die ordentlich zahlen

Gewiss: Mit der neuen Sicherheitstechnik haben es auch totalitäre Staaten einfacher, das Netz zu filtern und ihre Bürger zu kontrollieren. Damit begründen die Piraten ihren Protest gegen das Acta-Abkommen (Anti-Counterfeiting Trade Agreement). Das Argument geht trotzdem an der Sache vorbei. Das multilaterale Handelsabkommen soll den Schutz geistigen Eigentums verbessern, indem es Definitionen und Gesetze vereinheitlicht. Acta regelt jedoch nur Mindeststandards, die von der Europäischen Union und den USA ohnehin bereits erfüllt werden. Totalitäre Staaten können derzeit und auch in Zukunft das Internet kontrollieren – ob Acta nun in Kraft tritt oder nicht.

Die globalen Macher des WWW opponierten denn auch nur so lange gegen das Abkommen, wie illegale Gratisdownloads ihre Werbeeinnahmen sicherten. In den USA berief sich Youtube bislang auf den „Digital Millenium Copyright Act“ von 1998, der die Betreiber von Upload-Plattformen nicht für Urheberrechtsverletzungen durch die Nutzer verantwortlich machte. Doch Anfang des Monats urteilte der Berufungsgerichtshof von New York, dass Youtube sich nicht unwissend stellen dürfe, wenn seine Plattform offensichtlich zu Gesetzesbrüchen missbraucht wird. Auch das Urteil des Landgerichts Hamburg vom vergangenen Freitag, wonach Youtube keine von der Gema geschützten Titel bereitstellen darf, wird in den USA als Wegweiser gesehen: Die Zukunft gehört den Webfirmen, die ordentlich Lizenzen bezahlen – am besten in Joint Ventures mit den Rechteinhabern. Youtube hat umgehend ein Lizenzabkommen mit den Paramount Studios geschlossen. Apple, Amazon, MySpace und andere verabredeten gerade einen Paketdeal mit den Dachvereinigungen der US-Musikverlage.

Wie es aussieht, sind die Piraten mit ihrer Forderung nach Gratisbits für alle ganz und gar nicht avantgardistisch. Sie wurden von der rasanten Entwicklung des Internets bereits überholt.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. Foto: J. Peyer

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