Warum Merkel und Obama immer gesund sind

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Essay : Deutschland ist ein Land der Hypochonder

Zudem ist die neue Transparenz im Umgang mit der Krankheit trügerisch. Nach dem Suizid des Fußballspielers Robert Enke hat sich die Gesellschaft mehr Offenheit im Umgang gerade mit psychischen Erkrankungen auferlegt. Weiterhin aber reden vor allem diejenigen, deren Position es ihnen erlaubt. Beseitigt ist das Stigma nicht. Unter den Beichtenden finden sich keine Vorstandsvorsitzenden, keine aktiven Sportler, nur wenige Soldaten. Unter den Politikern, die über ihre Erkrankungen sprechen, fehlt die allererste Garde. Angela Merkel ist offenbar immer gesund. Barack Obama muss seinem Volk sogar regelmäßig mit einem öffentlichen Gesundheitscheck seine Regierungsfähigkeit nachweisen. Der Herrscher riskiert seine Macht, wenn er schwächelt. Deshalb tritt er regelmäßig zur Audienz auf den Balkon. Aufrecht und mit strahlendem Teint.

Es ist nicht nur die persönliche Betroffenheit, die uns den Krankengeschichten so gebannt lauschen lässt. Vor dem Fernseher, dem Aufenthaltsraum der Gesellschaft, sitzen die Deutschen im Stuhlkreis einer Selbsthilfegruppe. Sie geben den Redekiesel herum und sprechen sich die Verunsicherung von der Seele. Verursacht wird die Verunsicherung aber nicht durch die Krankheiten selbst, so beunruhigend sie tatsächlich sein mögen. Die Verunsicherung entsteht, weil wir dabei sind, unseren Umgang mit dem Leiden grundsätzlich neu zu ordnen. Geredet wird über Krankheiten vor allem da, wo sie konform sind mit dem Wertesystem der Leistungsgesellschaft – oder wo jemand das dringende Bedürfnis verspürt, sich gegen dieses System zu verteidigen.

Anna Sauerbrey ist promovierte Historikerin und Mitarbeiterin der Meinungsredaktion des Tagesspiegels.
Anna Sauerbrey ist promovierte Historikerin und Mitarbeiterin der Meinungsredaktion des Tagesspiegels.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Nehmen wir Ursula von der Leyen. Sie saß bei Jauch neben Wolfgang Kubicki und Wolfgang Niedecken. Auch sie beichtete Gefühle der Überforderung. Jedenfalls fast. Sie sprach über „rote Linien“, denen sie nahe gekommen sei (das Wort „überschreiten“ fiel nicht). Als junge Ärztin habe sie so viel gearbeitet, dass sie schließlich selbst mit einer Rippenfellentzündung zur Patientin wurde. Ein Arzt (nicht: ein Psychiater) habe ihr schließlich geholfen, die übersteigerten Ansprüche, die sie an sich selbst stellte, abzumildern. Heute ist sie einfach besser organisiert (manches delegiert sie), deshalb geht es ihr besser.

Die vermeintliche Beichte war keineswegs das Eingeständnis von Schwäche. Das Bild der eisernen Ministerin bekam keine einzige sichtbare Macke. Ursula von der Leyen ergänzte lediglich jenen Tupfer Menschlichkeit, der ihren Marktwert erhöht. Es ging gar nicht darum, wie die junge Ärztin oder die ausgewachsene Ministerin sich fühlt. Sondern darum, ob und wie sie funktioniert. Ursula von der Leyen wendet das neue Bewertungssystem von „krank“ und „gesund“ an. Ausschlaggebend ist nicht unser Wohlbefinden, sondern unsere Arbeitsfähigkeit. Krankheiten sind Herausforderungen, denen man zu begegnen hat. Das Burn-out-Syndrom ist die ehrenvolle Kriegsverletzung der Angestelltengesellschaft.

Leistung und Arbeit: Ist also mal wieder der hässliche Turbokapitalismus schuld am neuen Narrativ von Krankheit und Gesundheit? Zumindest nicht allein. Der Mensch hat das grundsätzliche Bedürfnis, den Wechselfällen des Lebens Bedeutung zu verleihen. Doch traditionelle sinnstiftende Interpretationen von Krankheit fallen aus.