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Kontrapunkt : Was ist „sexuelle Vielfalt“?

Überdies stellt Berlins Multikulturalität an das Fach Sexualaufklärung (im weitesten Sinne) erhöhte Anforderungen. Mit weißen, (post)christlich erzogenen, aufgeklärten Bürgerkindern aus Zehlendorf redet es sich oft anders über Homosexualität als mit christlich-orthodoxen russischen oder muslimisch-türkischen Migrantenkindern aus Neukölln.

Eine Umfrage unter 1000 Berliner Gesamtschülern und Gymnasiasten im Alter von 14 bis 20 Jahren, die 2007 im Auftrag des Lesben- und Schwulenverbands durchgeführt und vom Bundesfamilienministerium finanziert worden war, kam zu einem alarmierenden Ergebnis. Zwei Drittel der türkischstämmigen Jugendlichen und die Hälfte der russischstämmigen Jugendlichen haben homophobe Ansichten, aber "nur" (was immer noch viel ist) 26 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.

Die Ursachen der erhöhten migrantischen Homophobie sind vielfältig – urbane oder ländlich geprägte Herkunft, Maß der Integration, eigene Diskriminierungserfahrung, Religiosität. So ist es Konsens unter muslimischen Gelehrten, dass der Koran homosexuelle Handlungen als Sünde betrachtet und streng verbietet. Bis heute wird Homosexualität in Saudi-Arabien, Jemen und dem Iran mit dem Tode bestraft.

Interkulturelle Erziehung kann nun nicht einfach im Überstülpen der Leitkultur der Mehrheitsgesellschaft bestehen. Ihr Ziel ist auch die Bewahrung von Eigenständigkeit, das Aushalten von Widersprüchen, die Gleichberechtigung verschiedener Kulturen.

Hannah Arendt schrieb 1957 einen Aufsatz mit dem Titel "Little Rock". Darin ging es um die Frage, ob der Staat das Recht hat, mit der "Rassenintegration" in den öffentlichen Schulen zu beginnen, das heißt schwarze und weiße Kinder in so genannten integrierten Schulen zusammen zu unterrichten. Auch damals hieß es zur Begründung, das fördere die Toleranz.

Hannah Arendt war anderer Meinung. "Was die Kinder betrifft, so bedeutet erzwungene Integration für sie einen sehr ernsten Konflikt zwischen Zuhause und Schule, zwischen ihrem privaten und ihrem sozialen Leben, doch während solche Konflikte im Erwachsenenleben gang und gäbe sind, kann man von Kindern nicht erwarten, dass sie damit fertig werden, und sollte sie ihnen deshalb nicht aussetzen."

Wenn nun, um zur aktuellen Analogie zurückzukehren, die Akzeptanz sexueller Vielfalt in einer stark migrantisch geprägten Berliner Grundschule propagiert wird, könnten Kinder in ähnliche Konflikte gestürzt werden. Homosexualität ist gut, heißt es im Unterricht, Homosexualität ist Sünde, sagen die Eltern zu Hause. Womöglich reagieren diese Eltern auch noch drastischer, indem sie ihren Kindern einbläuen, nicht alles zu glauben, was in der Schule gelehrt wird. Das wiederum würde die Autorität der Lehrer untergraben und die Integrationsleistung von Schule auf anderen Gebieten erschweren.

Dazu noch einmal Hannah Arendt am Beispiel der Rassendiskriminierung: "Der Konflikt zwischen Zuhause, wo es Rassentrennung gibt, und der Schule, wo diese aufgehoben ist, zwischen dem Vorurteil der Familie und den Forderungen der Schule, beseitigt auf einen Streich sowohl die Autorität der Lehrer als auch die der Eltern."

Soll das Toleranzideal sexueller Vielfalt (was immer damit konkret gemeint sein mag) wirklich schon in der Grundschule vermittelt werden? Mit Blick auf die Multikulturalität in einer Stadt wie Berlin lässt sich diese Frage durchaus verneinen. Weil das indes der neudeutschen Leitkultur widerspräche, könnte ein solches Nein automatisch als weiteres Zeichen von Homophobie gewertet werden.

Auch Hannah Arendts Aufsatz zog heftige Kritik auf sich, weshalb sie sich zwei Jahre später zu einer "Erwiderung auf die Kritik" genötigt sah. Sie soll daher ausnahmsweise das letzte Wort haben: "Die Idee, dass man die Welt verändern kann, indem man die Kinder im Geist der Zukunft erzieht, gehört seit dem Altertum zu den Kennzeichen politischer Utopien. Das Missliche an dieser Idee ist immer dasselbe gewesen: Sie kann nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn die Kinder wirklich von ihren Eltern getrennt und in staatlichen Einrichtungen aufgezogen oder in der Schule indoktriniert werden so dass sie sich gegen ihre eigenen Eltern wenden. Eben das geschieht in tyrannischen Systemen."

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