80. Jahrestag der Novemberpogrome : "Es braucht endlich einen Aufschrei"

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, über Antisemitismus, den Umgang mit der AfD und den 9. November 1938.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und OberbayernFoto: imago/Sven Simon

Frau Knobloch, wie fühlt sich Deutschland im Jahr 2018 für Sie an?

Ganz ehrlich? Wie ich es nie erwartet hätte! Und das macht mich sehr unglücklich.

Inwiefern?

Zu mir kommen immer wieder Gemeindemitglieder, die verunsichert fragen: Haben wir in Deutschland noch eine Zukunft? Ich spreche ihnen dann Mut zu. Verweise darauf, dass schlimme Entwicklungen hoffentlich nur vorübergehend sind. Aber sie sollen auf jeden Fall Augen und Ohren offenhalten.

Was besorgt Jüdinnen und Juden?

Der Antisemitismus! Mit dem ist mittlerweile im Grunde jeder Jude konfrontiert. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit. Der Anschlag auf die Synagoge im amerikanischen Pittsburgh hat viele entsetzt.

Sie auch?

Erschüttert, aber nicht überrascht.

Warum nicht?

Ich habe schon lange davor gewarnt, dass sich Judenfeindlichkeit wieder ausbreitet und unverhohlener zum Ausdruck gebracht wird.

Dann haben Sie die rechtsradikalen Ausschreitungen im sächsischen Chemnitz nicht verwundert?

Nein, weil ich so etwas ja schon früher erlebt habe. Dennoch bin ich erschüttert, dass so etwas im Jahr 2018 wieder möglich ist, zumal in Deutschland mit seiner Vergangenheit. Ich hoffe sehr, dass die Politik alles in ihrer Macht Stehende tut, damit so etwas künftig nicht mehr passiert. Ich bin zumindest verhalten optimistisch, dass dies auch geschieht.

Worauf gründet Ihr Optimismus?

In der Art und Weise, wie hierzulande mit dem Problem umgegangen wird. Das gilt vor allem für die Jugend. Ich habe den Eindruck, die jungen Menschen sind heute viel interessierter an den dunklen Kapiteln der deutschen Vergangenheit als zum Beispiel vor zehn Jahren. Das freut mich vor allem insofern, als die jungen Menschen ja den Stab der Erinnerung an die kommenden Generationen weitergeben müssen. Und sie scheinen dazu fest entschlossen.

Gibt es Tage, an denen Ihnen Ihr Optimismus abhandenkommt?

Ja, die gibt es. Zum Beispiel, wenn eine klare Ansage gegen Antisemitismus ausbleibt. Keine Frage: Wir haben in Deutschland sehr viele aufrechte Demokraten. Doch gerade auf der politischen Ebene müssen sie sich lautstark zu Wort melden, um Judenfeindlichkeit anzuprangern. Das vermisse ich. Es braucht endlich einen parteiübergreifenden Aufschrei! Einen regelrechten Knall.

Gilt das gleichfalls für den Umgang mit der AfD?

Lange Zeit hat man diese Partei gewähren lassen, nun sitzt die AfD in allen Landtagen und im Bundestag. Und sie kann ungestraft Dinge von sich geben, die Antisemitismus befördern und ihn so gewissermaßen gesellschaftsfähig machen.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich will diesen ganzen Unsinn nicht wiederholen. Aber denken Sie nur an Björn Höckes unseliges Gerede vom Berliner Holocaustmahnmal als „Mahnmal der Schande“. Oder den empörenden Hinweis, die Nazizeit sei nicht mehr als ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte gewesen. Derartige Äußerungen werden einfach als Normalität hingenommen. Und das ermuntert vor allem jene, die ohnehin antisemitisch eingestellt sind.

Ist die AfD gefährlich?

Ja, absolut! Auch wenn die Partei jetzt versucht, sich gemäßigter zu geben. Aber wir sollten uns nicht täuschen lassen.

Wie halten Sie es mit der Gruppe „Juden in der AfD“?

Dafür, dass Juden für sich für eine solche Gruppierung hergeben, habe ich kein Verständnis. Die realen Probleme mit Antisemitismus werden nicht dadurch gelöst, dass man als jüdische Menschen das Feigenblatt für eine Partei bildet, die selbst mehr als nur antisemitische Untertöne zulässt.

Ist die rechtspopulistische Partei ein Fall für den Verfassungsschutz?

Auch hier ein klares Ja!

Was erhoffen Sie sich davon, sollte die Partei beobachtet werden?

Juristisch relevantes Material und eine wirksame Abschreckung möglicher Wähler. Denn das Gift frisst sich voran.

Wie sollte generell mit der AfD umgegangen werden?

Ihr Grenzen aufzeigen. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zum Beispiel macht das im Parlament recht gut.

Sie plädieren für einen offensiven Umgang mit der AfD statt sie etwa zu ignorieren?

Nicht nur offensiv, sondern bis an die juristischen Grenzen! Die Politik darf sich nicht wegducken. Es ist einfach zu wenig, Antisemitismus nur zu bedauern. Da muss mehr kommen. Die Politiker müssen sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennen, ihr Wohlergehen zur Staatsräson machen.

Mangelt es am Bekenntnis zum Judentum?

Es gibt natürlich immer wieder entsprechende Bekundungen. Aber die sind vereinzelt. Mir fehlt einfach das Verbindende, etwa einen gemeinsamen, öffentlichkeitswirksamen Appell. In Ansätzen haben wir das gesehen, wenn besonders schlimme antisemitische Vorfälle bekannt geworden sind, aber in der Fläche kommt zu wenig.

Die AfD verdankt ihren Aufstieg vor allem der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. Hat die Kanzlerin 2015 mit der Öffnung der Grenzen einen Fehler gemacht?

Nein. Wir Juden haben ja in der Nazizeit auch Schutz gesucht und viel zu oft keinen gefunden. Wenn Menschen in Not sind und Hilfe brauchen, dann muss ihnen auch geholfen werden. Was dann nach 2015 passiert ist, hätte womöglich geschickter geregelt werden können.

In der Debatte über die umstrittene Flüchtlingspolitik ist sowohl von gefährlichem Nationalismus als auch vernünftigem Patriotismus die Rede. Wo verläuft die Grenze?

Patriotismus, der Stolz auf die eigene Heimat, ist im Prinzip nichts Falsches. Und der steht jedem offen, der diese Heimat teilt. Der Nationalismus dagegen grenzt ab und aus.

Chemnitz, 1. September: Teilnehmer einer Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida.
Chemnitz, 1. September: Teilnehmer einer Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida.Foto: Ralf Hirschberger/ picture alliance/dpa

Spätestens seit den Übergriffen in Chemnitz wird gewarnt, wir hätten womöglich bald Zustände wie am Ende der Weimarer Republik. Sehen Sie das auch so?

Der Antisemitismus – von rechts, von links und aus muslimischen Milieus – bereitet mir schon sehr große Sorgen. Aber die Demokratie in Deutschland ist gefestigt und stabil. Sie hat allen Extremen bisher widerstanden. Auch wirtschaftlich sind wir stark. Das alles unterscheidet die Berliner Republik grundlegend von der Weimarer. Dennoch ist Wachsamkeit angebracht, nicht zuletzt mit Blick auf die AfD.

"Nie wieder" heißt es gerade dieser Tage, kurz vor dem 80. Jahrestag der sogenannten Reichspogromnacht und den damaligen Ausschreitungen gegen Juden. Ist das Gedenken ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur oder mittlerweile ein sinnentleertes Ritual?

Noch ist es auf keinen Fall ein überholtes Ritual. Noch gibt es die Zeitzeugen, die von damals berichten können. Und das Erinnern wird von einer breiten gesellschaftlichen Basis getragen. Vor allem die Jugend kann deutlich machen, wohin Ausgrenzung und Diskriminierung damals geführt haben und heute führen können.

Sie selbst waren am 9. November 1938 sechs Jahre alt. Welche Erinnerung haben Sie an den Tag?

Mein Vater hatte den Hinweis bekommen, es sei etwas gegen die Juden im Gange, er solle unbedingt sein Haus verlassen. Also nahm mich mein Vater an die Hand, und wir sind auf der Suche nach einer sicheren Bleibe durch München gelaufen. Auf unserem Weg haben wir dann die vielen eingeschlagenen Scheiben gesehen und die brennende Synagoge. Und ich habe mitansehen müssen, wie "Opa Rothschild", ein Kollege meines Vaters, den ich sehr mochte, mit Fußtritten misshandelt wurde. Es war ein fürchterlicher Fußmarsch, bis wir endlich Unterschlupf gefunden hatten. Das werde ich nie vergessen.

Charlotte Knobloch (86) ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Von 2006 bis 2010 amtierte sie als Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Das Gespräch führte Christian Böhme.

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