Berlin 2036 : Wie realistisch sind Geisels Olympia-Pläne?

Innensenator Geisel will das Sportereignis 2036 nach Berlin holen. Nicht nur das Datum 100 Jahre nach dem NS-Olympia ist heikel.

ARCHIV - Menschen gehen am 23.06.2014 in Berlin am Olympiastadion vorbei. Der DOSB gibt am 16.03. eine Empfehlung für die deutsche Bewerberstadt für die Olympischen Spiele 2024/2028 ab. Foto: Paul Zinken/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
ARCHIV - Menschen gehen am 23.06.2014 in Berlin am Olympiastadion vorbei. Der DOSB gibt am 16.03. eine Empfehlung für die deutsche...Foto: picture alliance / dpa

Berlin gibt nicht auf, jedenfalls führende Politiker der Stadt nicht. Die Hauptstadt soll sich erneut um Olympische Spiele bewerben, diesmal für 2036 – allerdings zusammen mit anderen Städten.

Die Versuche, in den Jahren 2000 und 2024 die größte Sportveranstaltung der Welt nach Berlin zu holen, sind zwar gescheitert, trotzdem bringt Sport- und Innensenator Andreas Geisel (SPD) die Idee einer Bewerbung erneut auf die Tagesordnung. Ein Projekt, das allerdings einige Probleme aufwirft, unter anderem, weil es nationale Konkurrenz gibt.

Wer entscheidet über die Bewerbung?

Das hängt letztlich vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ab. Der muss die Bewerbung einreichen – er steht jetzt aber vor der Wahl. Denn aus der Region Rhein-Ruhr liegt bereits ein fast fertiges Konzept für die Sommerspiele 2032 vor. Und dass es zwei deutsche Bewerbungen in Folge gibt, ist wohl eher unwahrscheinlich. Zumal das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele zuletzt im Doppel vergab: 2024 ging an Paris und 2028 an Los Angeles.

Welches Konzept hat Berlin?

Bis jetzt gar keines, die Idee ist ja erst seit kurzem bekannt. Aber naheliegenderweise dürfte sich das Konzept an dem orientieren, das für die Bewerbung 2024 ausgearbeitet worden ist. Basis waren „Bürgernähe und große Nachhaltigkeit“. Die Stadt wertete es als großen Vorteil, dass sie bereits viele Sportstätten besitze. Zudem könnten die Spiele dadurch auch mitten in der Stadt stattfinden. Das betrifft zumindest die meisten Sportarten. Von 30 benötigten Sportstätten hätte Berlin 15 bestehende nutzen können, neun wären temporär errichtet worden. Nur sechs hätte man neu bauen müssen. Zu den Anlagen, die bereits vorhanden sind, zählten Olympiastadion und Olympiapark, Schwimmstadion, Messe, Schmeling-Halle, 02-World, die Schwimm- und Sprunghalle und das Velodrom. Für die Leichtathletik wird das Olympiastadion gebraucht, ebenso wie für Eröffnungs- und Schlussfeier. Natürlich müssten auch Sportarten außerhalb der Stadt ausgetragen werden. 2024 sollten Rudern und Kanu auf dem Betzsee und Brandenburg stattfinden, Kanu-Slalom im sächsischen Markkleeberg, Segeln in Warnemünde, Dressurreiten vor der Kulisse des Neuen Palais in Potsdam und Fußball in Dresden, Cottbus, Rostock und Magdeburg.

In Berlin stünden genügend Hotelbetten zur Verfügung, für 2024 wurden vom IOC 42000 gefordert. Allerdings müsste die Verkehrs-Infrastruktur erheblich verbessert werden. Geisel setzt darauf, dass er für viele Investitionen Zuschüsse von verschiedenen Seiten erhält, damit er den Berliner Haushalt schonen kann.

Wie stehen der Landessportbund Berlin und der DOSB zu der Idee von Berlin 2036?

Zunächst abwartend, was den DOSB betrifft. Vizepräsident Kaweh Niroomand betont, dass eine Beteiligung der Bevölkerung und eine verbesserte Infrastruktur nötig seien. Geisels Idee begrüßt er grundsätzlich, aber er weiß auch ganz genau, wie sensibel die Bevölkerung auf das Thema Olympia reagiert. Kein Wunder, Niroomand hatte eine aktive Rolle bei der Bewerbung von Berlin für die Spiele 2024. Der Manager des Volleyball-Bundesligisten BR Volleys ist exzellent in der Sport- und in der Wirtschaftsszene der Stadt verankert.

Thomas Härtel, der Präsident des Landessportbunds Berlin (LSB), begrüßt erwartungsgemäß Geisels Idee. „Wir sehen in einer Bewerbung eine große Chance für den Sport in Deutschland und Berlin“, sagt er. „Die entscheidende Frage lautet: Wie begeistern wir die Menschen davon und überzeugen sie von den großen Chancen, die die Spiele in Berlin mit sich bringen? Gerade in einer wachsenden Stadt wie Berlin ist es nicht nur wichtig, dass die Sportinfrastruktur dem Sport zur Verfügung steht und in einem guten Zustand ist. Auch die Verkehrsinfrastruktur, ja die gesamte Stadtentwicklung muss nachhaltig sein. So lange das nicht so ist, ist Olympia schwierig zu vermitteln.“

Weshalb ist 2036 ein sensibles Jahr für Olympische Spiele in Berlin?

Weil 1936 Olympische Spiele in Berlin stattfanden und die Nazis diese Mega-Veranstaltung zu Propagandazwecken missbrauchten. Adolf Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels sahen die Chance, das Ansehen Deutschlands in der Welt zu verbessern. Die Nürnberger Rassengesetze und die Konzentrationslager für Regimegegner waren international auf große Kritik gestoßen. Berlin hatte den Zuschlag 1931 erhalten, doch nach der Machtübernahme durch die Nazis gab es Überlegungen einiger Länder, die Spiele zu boykottieren. Dazu kam es letztlich aber nicht.

LSB-Präsident Härtel sagt denn auch, eine Bewerbung für 2036 werde vom LSB „als sehr sensible Herausforderung und als Chance gesehen“. Deutschland könnte der Welt zeigen, was es 100 Jahre später für ein weltoffenes und demokratisches Land geworden sei. Udo Wolf, der Vorsitzende der Linken-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, fragte dagegen fassungslos: „Ein schlechter Scherz, oder?“ Auch Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) lehnt den Vorschlag ab. Das Bundesinnenministerium dagegen, das auch für Sport zuständig ist, will den Vorschlag erst einmal prüfen.

Weshalb ist die Bewerbung Berlins für die Spiele 2024 gescheitert?

Formal gesehen, weil Berlin die Kampfabstimmung um die deutsche Bewerberstadt gegen Hamburg verloren hat. Der DOSB votierte für die Hansestadt. Dieses Votum basierte stark auf der enormen Kritik, die es in der Hauptstadt an einer Olympiabewerbung gegeben hatte. Wobei die Kritiker einige Zeit erheblich lauter agierten als die Befürworter. Die Olympiakampagne der Stadt kam viel zu spät in Gang, die Verantwortlichen schafften es nicht, das Gesamtkonzept einer breiten Masse schmackhaft zu machen. Bitter für das IOC: Auch Hamburgs Bevölkerung wollte Olympia nicht. In einem Referendum setzten sich die Olympia-Gegner mit einer knappen Mehrheit durch. Hamburg verzichtete dann auf eine Bewerbung für 2024.

Welches Konzept hat Rhein-Ruhr?

Die Region strebt mit insgesamt 14 Städten eine Bewerbung für die Spiele 2032 an. Die Planungen, die vom erfahrenen Kölner Sportmanager Michael Mronz dirigiert werden, sind schon weit fortgeschritten. Knapp 90 Prozent der Sportstätten gibt es schon. Die Bewerbung kann laut Mronz unter anderem auf bestehende 24 Großsporthallen, 16 Stadien und über 700000 Quadratmeter Messeflächen zurückgreifen. So soll in Gelsenkirchen beispielsweise ein temporäres Schwimmbecken installiert werden. Mönchengladbach würde zum Hockeystandort. Und das Stadion in Düsseldorf ließe sich mit aufgelegtem Parkett und geschlossenem Dach für die großen Ballsportarten nutzen – Montag Basketball, Dienstag Volleyball und Mittwoch Handball vor jeweils 50 000 Zuschauern.

Ungeklärt ist noch, wo das Leichtathletikstadion, das Olympische Dorf und das Medienzentrum stehen sollen. Damit Rhein-Ruhr als Region profitiert, ist für eine Nachnutzung des Dorfes als Wohngebiet wegen des Mangels eine Lösung in Köln oder Düsseldorf anvisiert.

Worin unterscheidet sich die Idee von der Berlins?

Das Konzept Rhein-Ruhr will sich nach Aussage von Mronz größtenteils privatwirtschaftlich finanzieren. NordrheinWestfalens Ministerpräsident Armin Laschet und die 14 Kommunen haben bereits ihre Zustimmung signalisiert. Auch wenn die Pläne sehr konkret sind, ist es noch keine fertige Bewerbung, sondern bis jetzt ein Angebot. Die Bewerbung selbst ist Sache des Deutschen Olympischen Sportbunds. Erste Umfragen zeigen, dass die Zustimmung der Bevölkerung um die 70 Prozent liegt. Die Kosten sind noch nicht kalkuliert. Das könne laut Initiator Michael Mronz erst seriös erfolgen, wenn das IOC die Spiele offiziell ausgeschrieben hat.

Woran sind deutsche Bewerbungen generell zuletzt gescheitert?

Die Bewerbungen für die Sommerspiele 2024 in Hamburg und Winterspiele 2022 in München sind an Referenden gescheitert. Aber Skepsis gegenüber Olympischen Spielen, insbesondere denen im Winter, herrschte zuletzt in einer Vielzahl westlicher Metropolen. Immer wieder wurden Bewerbungen wegen des Widerstands aus der Bevölkerung zurückgezogen. Für die Winterspiele 2026 sind aktuell sogar nur noch zwei Bewerber im Rennen – und sowohl bei Stockholm, als auch im Falle Mailand/Cortina ist die Finanzierungsfrage noch nicht vollends geklärt. Kritik gibt es vor allem an den immensen Kosten. Auch herrscht ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Sportverbänden wie dem IOC und dem Fußballweltverband Fifa, die mit der WM-Vergabe nach Qatar 2022 wegen Korruption in die Schlagzeilen gelangt war. Die Spiele in Sotschi 2014 blieben neben Rekordkosten von geschätzten 50 Milliarden US-Dollar vor allem wegen des Skandals um das russische Staatsdoping in Erinnerung.

Was für Spiele wünscht sich das IOC?

Das IOC hat sich zum Ziel gesetzt, mit der Agenda 2020 Sympathiepunkte zu sammeln und verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Vor allem dem viel kritisierten Olympia-Gigantismus sagte es den Kampf an. So sollen künftig weniger Anforderungen für Bewerber gelten. Das Minimum an Zuschauerkapazität der Sportstätten soll reduziert und gleichzeitig deren Radius erweitert werden, um vorhandene Strukturen besser nutzen und unnötige Neubauten verhindern zu können. Milliardenschwere Investitionen in Stadien und Sporthallen, die nach Olympia nicht mehr ausgelastet wären oder gar verfallen, sollen so vermieden werden.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!