• Bundestag gedenkt der NS-Opfer: Holocaust-Überlebender Friedländer mahnt zum Einsatz für Demokratie

Bundestag gedenkt der NS-Opfer : Holocaust-Überlebender Friedländer mahnt zum Einsatz für Demokratie

Im Bundestag erinnert der Historiker Saul Friedländer an seine in Auschwitz ermordeten Eltern - und fordert Kampf für Toleranz und Menschlichkeit.

Der Historiker Saul Friedländer sprach im Bundestag in der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus.
Der Historiker Saul Friedländer sprach im Bundestag in der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus.Foto: Christian Ditsch/imago/epd

Die Fahnen auf den vier Ecktürmen des Reichstagsgebäudes wehen auf Halbmast. Drinnen, im Bundestag, zitiert der Historiker Saul Friedländer aus einer Rede, die Adolf Hitler fast auf den Tag genau vor 80 Jahren vor dem Reichstag gehalten hat. Bereits Ende Januar 1939 sprach Hitler von der „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“. Doch Saul Friedländer steht an diesem Tag nicht deshalb am Rednerpult des Bundestages, weil er einer der renommiertesten Kenner der NS-Zeit ist. Der 86-Jährige hat selbst den Holocaust überlebt.

Die höchsten Repräsentanten des deutschen Staates sind an diesem Donnerstag gekommen, um gemeinsam mit den Abgeordneten der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Ganz still wird es im Bundestag, als Friedländer auf Deutsch seine Geschichte erzählt. Er wuchs in einer jüdischen Familie in Prag auf. Deutsch sei die Sprache seiner Kindheit gewesen, sagt er. Das erste Lied, das ich auf dem Klavier zu spielen lernte, war: Ich hatt’ einen Kameraden.“

"Es war unsere letzte Begegnung"

Als Friedländer sechs Jahre alt ist, wird seine Heimatstadt von der Wehrmacht besetzt, seine Eltern fliehen mit ihm nach Frankreich. Doch auch dort ist die Familie nicht lange sicher. Die Eltern wollen sich 1942 in die Schweiz retten, glauben aber, dass die Flucht für ihren Sohn zu gefährlich ist. Er soll versteckt werden und wird in ein katholisches Internat geschickt. Doch der Neunjährige läuft von dort weg und schafft es, seine Mutter und seinen Vater wiederzufinden. „Sie mussten mich wieder zurückschicken.“ Was wohl in seinen Eltern vorgegangen sei, fragt Friedländer in seiner Rede, als ihr Sohn sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, wieder von ihnen getrennt zu werden? „Es war unsere letzte Begegnung.“ Saul Friedländer wird im katholischen Internat getauft und erhält einen neuen Namen.

Doch die Flucht der Eltern in die Schweiz misslingt. Im November 1942 werden sie von Drancy nach Auschwitz deportiert. Bis heute fragt sich Friedländer oft, ob seine Eltern während der höllischen Fahrt zusammen waren, was sie dachten, was sie zueinander gesagt haben.

Viele Jahre später hat er als Historiker alle Informationen gesammelt, die er über den Transport finden konnte. Er kann sagen, dass 1000 Juden in dem Zug waren, er hat Namen und Geburtsdaten nachgelesen und weiß deshalb, dass ein zweijähriger Junge ebenso in den Tod geschickt wurde wie eine 84-jährige Frau. Als Geschichtswissenschaftler kennt er die Zahl der Menschen, die sofort in die Gaskammer geschickt wurden. Einer von ihnen war sein Vater. Die Mutter wurde wenig später ebenfalls ermordet.

Auch AfD-Abgeordnete klatschen Beifall

An diesem Morgen können die Abgeordneten, die Vertreter von Staat und Regierung und die Jugendlichen aus mehreren Ländern, die als Gäste dabei sind, noch einmal erleben, was es bedeutet, wenn ein Überlebender den Ermordeten ihre Namen und ihre Geschichten zurückgibt. Als sich am Ende alle Zuhörer zum Applaus erheben und dem 86-Jährigen ihren Respekt erweisen, stehen auch die Abgeordneten der AfD auf und klatschen. An diesem Morgen wurde aufmerksam beobachtet, wie sich die Parlamentarier einer Partei verhalten würden, deren Vorsitzender die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnet hatte. Im bayerischen Landtag hatten AfD-Abgeordnete die Gedenkveranstaltung verlassen, nachdem die Rednerin Charlotte Knobloch die Partei kritisiert hatte.

Schäuble warnt davor, Erinnerungskultur in Frage zu stellen

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble betont in der Gedenkstunde die Bedeutung der Erinnerungskultur. „Wer daran rütteln wollte, legt Hand an die Grundfesten unserer Republik.“ An dieser Stelle wird seine Rede vom Applaus derer unterbrochen, die das als Anspielung auf die AfD verstanden. Keine Nation könne ihre Geschichte abstreifen, mahnt der Bundestagspräsident. „Aus der deutschen Schuld wächst die Verantwortung, nicht vergessen zu dürfen.“ Auch den Antisemitismus in Deutschland, „den alten und den neuen, zugewanderten“, spricht Schäuble an. Es sei beschämend, dass Juden in Deutschland ans Auswandern dächten, weil sie sich nicht mehr sicher fühlten. „Scham allein reicht nicht. Es braucht im Alltag unsere Gegenwehr gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung aller Art.“

Auch Friedländer warnt vor einem Erstarken des Antisemitismus, und zwar sowohl bei den Rechtsradikalen als auch bei den Linken, die die israelische Politik geradezu obsessiv kritisierten und das Existenzrecht Israels in Frage stellten. Neben der Judenfeindschaft seien auch Fremdenhass und Nationalismus weltweit auf dem Vormarsch, warnt der Historiker. Deshalb gibt er den Abgeordneten eine Mahnung mit auf den Weg: „Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum: für die wahre Demokratie zu kämpfen.“

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