Christentum und Islam : Wie politisch darf der Glaube sein?

Wer sagt, der politische Islam gehöre nicht zu Deutschland, kennt die Geschichte des Christentums nicht. Oder er misst mit zweierlei Maß. Ein Kommentar

Brüder im Geiste? Imam Sheikh Ahmad al-Tayyeb und Bundesinnenminister Thomas de Maiziere im Mai 2017 auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin.
Brüder im Geiste? Imam Sheikh Ahmad al-Tayyeb und Bundesinnenminister Thomas de Maiziere im Mai 2017 auf dem Evangelischen...Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland. Dieser Satz soll eine Brücke bilden von Islamgegnern zu Islamkritikern, von Konservativen zu Liberalen, von Gläubigen zu Atheisten. Deshalb muss möglichst unbestimmt bleiben, was mit „politisch“ gemeint ist. Es reicht eine Ahnung. Irgendwas mit Weltanschauung, Gesellschaftsgestaltungswille, rigider Moral. Kurz alles, was über das Gebet im stillen Kämmerlein hinausgeht.

Muss eine Religion unpolitisch sein, um akzeptiert zu werden? Ein kurzer Blick auf das Christentum.

Martin Luther King, der Baptistenprediger, sein „I have a dream“ vor dem Lincoln-Memorial in Washington D.C., das „We shall overcome“ der Bürgerrechtsbewegung, deren Analogie von Moses, der die Israeliten aus der Gefangenschaft führte, zu ihrer Hoffnung, von Gott aus der Sklaverei geführt zu werden, „Let my people go“. Hochpolitisch und tiefreligiös.

Johannes Paul II., der Papst aus Polen. „Habt keine Angst!“, ruft er den Menschen zu, gemeint ist vor allem auch die Solidarnosc-Bewegung in seiner Heimat. „Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme!“ Der Pontifex, der spirituell den Anfang vom Ende der Sowjetunion einleitet. Hochpolitisch und tiefreligiös.

Gläubige treffen sich oft im Untergrund

Leonardo Boff, die „Stimme der Armen“, Franziskaner und brasilianischer Befreiungstheologe. Er kritisiert den Zölibat und die Machtausübung der römischen Kurie, kämpft für Menschenrechte, inspiriert die lateinamerikanischen sozialen Revolutionen. Hochpolitisch und tiefreligiös.

Bischof Aloysius Jin, der Nelson Mandela der chinesischen Christen. Wegen seines Glaubens saß er 27 Jahre lang im Gefängnis, viele davon in Einzelhaft. Chinas Christen sind die am stärksten wachsende Religionsgemeinschaft der Welt, täglich konvertieren Tausende. Das kommunistische Regime beobachtet die Entwicklung mit Misstrauen und reagiert auf sie mit Repressalien. Gläubige treffen sich oft im Untergrund, in sogenannten Hauskirchen. Hochpolitisch und tiefreligiös.

Jerry Falwell, der amerikanische Pastor und Fernsehprediger, der 1979 die „Moral Majority“ ins Leben ruft. Später wurde daraus die „Christian Coalition“. Sie besteht aus überwiegend weißen Evangelikalen, die erst Ronald Reagan unterstützten und seitdem das Rückgrat aller republikanischen Präsidenten bilden, auch das von Donald Trump. Viele Evangelikale glauben, dass die Juden einen biblisch begründeten Anspruch auf das gesamte Heilige Land haben. Wer Amerikas Israel-Politik verstehen will, muss nicht nach New York, Kalifornien oder Florida schauen, sondern nach Alabama, Arkansas und Mississippi. Hochpolitisch und tiefreligiös.

Sie propagieren das Sich-Einmischen

Und in Deutschland? Die Kirchen in der DDR, die regimekritischen Gruppen ein Dach geben, sich gegen Wehrunterricht an Schulen aussprechen, gegen Aufrüstung und Umweltverschmutzung. Die Kirchen in der Bundesrepublik, die nach dem Nato-Doppelbeschluss zu den großen Friedensdemonstrationen aufrufen, gegen die Atomenergie demonstrieren, auf Kirchen- und Katholikentagen das Sich-Einmischen propagieren - ob bei den Themen Waffenexporte, Klimawandel, Armut, Globalisierung, Afrika, Ernährung. Hochpolitisch und tiefreligiös.

Bischof Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, sagt über Politiker, die zu wenig gegen den Klimawandel tun: „In der Verweigerung gegenüber den notwendigen Entscheidungen geht es um das, was in der Sprache des christlichen Glaubens als Sünde bezeichnet wird.“ Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, sagt: „Die Gestaltung der Welt gehört zum christlichen Auftrag.“

So sehen es auch Politiker. Mike Mohring, evangelisch, CDU-Chef in Thüringen, sagt: „Die friedliche Revolution in der DDR wäre nicht möglich gewesen, ohne dass die Kirchen der Politik ihre Türe öffneten. (…) Glaube ist immer politisch.“ Horst Seehofer, Ex-CSU-Chef, sagt: „Ich will, dass sich die Kirchen und Religionsgemeinschaften einmischen in die tägliche, praktische Politik.“ Das sei „belebend und befruchtend“.

Ein Christentum ohne gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch?

Kein Mensch darf gegen Gesetze verstoßen. Wer ein Verbrechen aus religiösen Motiven begeht, darf nicht auf Milde hoffen. Aber auch für Christen steht Gottes Wort über den weltlichen Gesetzen. Im „Augsburger Bekenntnis“ von 1530, einer bis heute verbindlichen Schrift der lutherischen Kirche, heißt es: „Wenn der Obrigkeit Gebot nicht ohne Sünde befolgt werden kann, soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Pfarrer und bekannteste Repräsentant der Bekennenden Kirche, hat es so formuliert: „Die Gehorsamspflicht von Christen gegenüber dem Staat bindet nur so lange, bis die Obrigkeit den Christen direkt zum Verstoß gegen das göttliche Gesetz zwingt.“

Hier ein privates, apolitisches Christentum ohne gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch, dort ein kollektivistischer, weltanschaulicher Islam, der alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasst: Diese Gegenüberstellung ist falsch. Wer sagt, der politische Islam gehöre nicht zu Deutschland, kennt die Geschichte des Christentums nicht.

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