Costa Ricas Präsident über Klimaschutz : „Wir haben nur diesen Planeten“

Präsident Carlos Alvarado Quesada erklärt, warum man Klimabremser wie Donald Trump ignorieren muss und wie Klimaschutz ohne soziale Verwerfungen gelingt.

Costa Ricas Präsident Carlos Alvarado Quesada gehört mit seinen 39 Jahren zu den jüngeren Staatschefs in der Welt.
Costa Ricas Präsident Carlos Alvarado Quesada gehört mit seinen 39 Jahren zu den jüngeren Staatschefs in der Welt.Foto: picture alliance/Gian Ehrenzeller/KEYSTONE/dpa

Herr Präsident, für den Vertreter eines kleinen Landes hat sich Kanzlerin Angela Merkel letztens viel Zeit für Sie genommen, was haben Sie so den ganzen Abend über besprochen?

Wir haben viel über unsere historischen Verbindungen geredet, zum Beispiel auch über die Briefe, die Alexander von Humboldt 1853 an Präsident Juanito Mora geschrieben hat, um eine wissenschaftliche Kooperation zur Erforschung der Vulkane und der natürlichen Artenvielfalt zu etablieren. Die Schüler Humboldts,  Alexander von Frantzius  und Karl Hoffmann, waren anschließend die Wissenschaftler, die das Thema der Biodiversität in Costa Rica mitgeprägt haben. Deutschland ist ja gerade dabei, die Erinnerung an Humboldt und was er für die Forschung erreicht hat, neu wiederzuentdecken. Durch Humboldt kamen deutsche Forscher auch verstärkt nach Costa Rica.

Was verbindet beide Länder in heutiger Zeit?

Von der Sprache und der Distanz mögen wir weit entfernt sein, aber gerade in einer polarisierten Welt teilen wir gemeinsame Werte. Das fängt bei den Menschenrechten an – und wir setzen auf eine Friedenspolitik. Costa Rica hat kein Militär und investiert das Geld in andere Dinge. Statt über mehr Verteidigungsausgaben in der Welt zu diskutieren, sollten wir lieber mehr für Klimaschutz und Bildung ausgeben, das ist unsere Zukunft.

In Lateinamerika gilt Ihr Land als ein Vorreiter in Sachen Klimaschutz…

Costa Rica hat im Februar seinen Plan für eine Dekarbonisierung vorgestellt, bis 2050 soll in keinem Sektor mehr CO2 ausgestoßen werden. Schon heute wird 99 Prozent der elektrischen Energie aus sauberen Quellen erzeugt, vor allem Wasser-, Solar- und Windkraft.

Im Verkehrssektor sieht es aber anders aus, wenn man all die Bananenlastwagen sieht, die einen an der Küste mit Abgasen einhüllen.

Die Dekarbonisierung wollen wir auch im Verkehrssektor schaffen, mit Elektroantrieben für Züge und Fahrzeuge. Auch im Busverkehr. Klar, auch in der Landwirtschaft müssen wir besser werden – aber wir haben einen Plan. Überall spüren wir die Auswirkungen der Wetterextreme, Überschwemmungen und Dürren – man darf nicht vergessen: unsere wichtigsten Agrarexportgüter sind Ananas, Bananen und Kaffee. Daher ist es wichtig, zu diversifizieren: Der wichtigste Exportmarkt sind heute Medizinprodukte wie Katheter, wir wollen mit deutschen Unternehmen durch Technologie-Cluster in Costa Rica die Kooperation ausbauen.

Ein Abfallprodukt der Globalisierung, unter dem auch Costa Rica mit seinen Küsten am Atlantik und Pazifik leidet, ist der Plastikmüll, was tut Ihre Regierung, um die Menge zu reduzieren?

Die Bürger sind viel sensibilisierter als noch vor fünf Jahren für das Thema. Kaum noch jemand trinkt in Costa Rica Getränke mit Plastikstrohhalmen. Zudem sind wir gerade in Gesetzgebungsverfahren, um den Plastikverbrauch stark einzuschränken und Strafsteuern auf die Verschmutzung durch Plastikmüll zu erheben.

Nochmal zurück zum Kampf gegen den Klimawandel. Die Kosten drohen stets die Ärmsten stark zu treffen – in Deutschland ist deshalb die Ausgestaltung einer möglichen CO2-Steuer umstritten.

Wir haben auch bestimmte Steuerregelungen, etwa eine Besserstellung von umweltfreundlichen Antrieben im Verkehr. Wir haben in Frankreich aber bei den Gelbwesten gesehen, was passieren kann, wenn einseitig Besitzer alter Autos stärker zur Kasse gebeten werden. Das Thema muss daher immer die Inklusion sein – sonst gibt es keine Akzeptanz, das ist auch bei der Digitalisierung so, alle müssen daran gerecht partizipieren können. Es darf keine Zwei-Klassen-Gesellschaft geben, auch nicht beim Kampf gegen den Klimawandel. Bildung, Ausgleichsregelungen und eine starke Sensibilisierung für dieses Thema dienen am Ende auch der Stärkung unserer Demokratie.

Glauben Sie wirklich, dass in einer Welt, wo die USA und andere Staaten den Pariser Klimavertrag ignorieren, der Klimawandel wirklich noch gebremst werden kann?

Ja, ich bin ein optimistischer Mensch. Es heißt, die Pessimisten sehen die Hürden, die Optimisten bauen die Zukunft. Wir müssen kämpfen. Je mehr Länder Pläne zur Dekarbonisierung vorlegen, desto stärker wird der Druck und die Motivation, zu folgen. Wir haben fünf Millionen Einwohner in Costa Rica, die große Mehrheit glaubt an den Weg. Ist es in Europa und den USA nicht ähnlich? Ich habe letztens mit Cristina Figueres, der Costa Ricanerin, die viele Jahre die UN-Klimabehörde geleitet hat, diskutiert, wir haben da folgendes Beispiel erörtert. Was uns gerade passiert, ist so, als ob wir uns auf einer großen Straße befinden und ein großer Lastwagen ist an der Seite stehen geblieben, der die Warnleuchten eingeschaltet hat. Statt weiterzufahren, bleiben viele stehen und schauen zu. Wir diskutieren darüber und bremsen uns, aber die Straße ist eigentlich frei. Es ist zum Beispiel einfach nicht wahr: Es gibt keine neuen Arbeitsplätze in der Kohleindustrie. Es gibt keine andere Option, wir haben nur diesen Planeten. Wir müssen den Optimismus nur in Handeln umsetzen.

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