Das Brexit-Fiasko : Es liegen dunkle Zeiten vor uns

Großbritannien hat mit seinen Bildungsidealen auch den politischen Verstand aufgegeben. Eine wütende Elegie des Dichters zum langen Abschied von Europa.

John Burnside
Brexit-Tristesse: Die Flagge des Vereinigten Königreichs spiegelt sich in einer Pfütze.
Brexit-Tristesse: Die Flagge des Vereinigten Königreichs spiegelt sich in einer Pfütze.Foto: dpa/AP/Francisco Seco

John Burnside, 1955 im schottischen Dunfermline geboren, ist einer der bedeutendsten Erzähler und Dichter unserer Zeit. Berühmt wurde er mit „Lügen über meinen Vater“, dem Auftakt einer autobiografischen Trilogie, deren Abschluss „Über Liebe und Magie“ jüngst auch auf Deutsch erschien.

Burnside, der sich publizistisch auch zu ökologischen Fragen äußert, hat den folgenden Essay eigens für den Tagesspiegel geschrieben. Gregor Dotzauer hat ihn übersetzt. Das Original ist hier zu lesen.


Nach langem Hin und Her, um nicht die zahllosen Fälle von blindem Wahnwitz, schuldhafter Ignoranz und offener Täuschung zu erwähnen, die uns an den jetzigen Punkt geführt haben, verlässt Großbritannien endlich die Europäische Union. Und während ich Abschied nehme, begreife ich plötzlich, wie homogen mein unmittelbarer Bekanntenkreis geworden ist.

Wenn ich auf das Fiasko des „Brexit“ zurückblicke, wird mir klar, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben buchstäblich keinen einzigen Menschen kenne, der für den Austritt gestimmt hat, oder zumindest keinen, der bereit ist, dies zuzugeben. Und das beunruhigt mich zutiefst.

Selbst als Margaret Thatcher 1979 die Parlamentswahlen gewann, kannte ich einige durch und durch zurechnungsfähige und anständige Menschen, die sich von der Spielart ihres Konservatismus angezogen fühlten, und irgendwie blieb ich mit einigen, wenn nicht allen dieser Überläufer, die 1994 frohgemut auf den Schwindel von „New Labour“ hereinfielen, im Gespräch.

Beim Brexit ist das anders. Ich lebe in einem Ghetto des Geistes, in dem jeder, schlicht jeder – von den Kollegen über die Familie bis hin zu unserem Landbriefträger – behauptet, er habe für „Remain“ gestimmt. Und, so unwahrscheinlich es mir einst erschien, ich habe keinerlei Grund, daran zu zweifeln.

Wir alle definieren uns bis zu einem gewissen Grad durch den Umgang, den wir pflegen. Aber Gemeinschaft entsteht heute weniger durch den gemeinsamen Wohnort, den familiären Hintergrund und die Religion, als vielmehr, den Kommunikationsmöglichkeiten sei Dank, aus geteilten Erfahrungen, gemeinsamen Problemen und ansteckender Begeisterung.

Geteilte Gesellschaft

Ich sehe mich heute nicht als Teil einer „Mittelschicht“, sondern einfach als professionellen Arbeiter, denn unsere Gesellschaft unterteilt sich inzwischen in genau zwei Gruppen: in diejenigen, die arbeitend für ihren Unterhalt sorgen, und das eine Prozent, das von Ersparnissen und privatem Besitz lebt.

Hinzu kommt, dass ich in Schottland lebe, wo die Mehrheit in allen 32 Gemeindegebieten für „Remain“ votierte. Das ist nicht unerheblich. Die Gründe für diese Mehrheit sind tief mit dem Ein-Prozent-Problem verbunden, denn Schottland ist noch immer das am stärksten feudal geprägte Land Europas.

Über die Hälfte davon gehört weniger als 500 Menschen. Wie der Autor und Aktivist Andy Wightman sagte: „Das Land, auf dem viele dieser Gutsherren sitzen, wurde im 17. Jahrhundert gestohlen und der unrechtmäßige Zugewinn durch Gesetze geschützt, die die Hegemonie der Profiteure aufrechterhielten, nachdem das übrige Europa den Feudalismus und geballten Landbesitz schon losgeworden war.“

Misstrauen gegenüber Westminster

Historisch betrachtet wurden diese Landbesitzerrechte von englischer Seite aus aufrechterhalten, was bedeutet, dass der durchschnittliche Schotte lange Zeit guten Grund hatte, Westminster und der City of London zu misstrauen.

Von daher ist es wenig überraschend, dass die Schotten, wenn die Brexiteers weiter von „nationaler Souveränität“ brabbeln, zu der Annahme neigen, dass damit ausschließlich die englische Souveränität gemeint ist. Und wenn alte Eton-Absolventen und Wirtschaftsführer auf die europäischen Gerichte schimpfen, neigen wir dazu, uns vor der Rückkehr zur Deregulierungs-Ära der 80er Jahre zu fürchten, die (wie Trump in den USA zeigt) die damals begonnene Schleifung der Arbeiterrechte, des Gesundheitswesens und der Umwelt beerben würde.

Kurz: Wo die Ein-Prozenter Europa als etwas betrachten, das ihre Souveränität aushöhlt, gilt uns die Union als eine der wenigen Verteidigungslinien gegen die Ausbeutung.

Entscheidender Faktor College

Ich bin alt genug, um mich daran zu erinnern, dass ich trotz meines Aufwachsens in einer der ärmsten Gegenden des Landes unter der aufgeklärten Politik von „Old Labour“ eine kostenlose Hochschulbildung erhielt.

Dies ist für das Ergebnis des Referendums von enormer Bedeutung. Eine an der Universität von Leicester durchgeführte Studie zeigt, dass sich das Lager der Remainer mit ziemlicher Sicherheit durchgesetzt hätte, wenn nur drei Prozent mehr der britischen Bevölkerung ein College besucht hätten. Dass dieser Prozentsatz so niedrig ist, sollte uns zu denken geben.

Obwohl Bildung nicht immer mit Intelligenz einhergeht und umgekehrt, ist immer noch beunruhigend, was der „Independent“ aus der Leicester-Studie herauslas: „Das Niveau der Hochschulbildung war für die Vorhersage, wie ein Gebiet abstimmt, weitaus wichtiger als Alter, Geschlecht, Anzahl der Einwanderer oder Einkommen.“

John Burnside gehört zu den bedeutendsten Erzählern und Dichtern unserer Zeit. An der St. Andrews University lehrt er Kreatives Schreiben.
John BurnsideFoto: Fedephoto/StudioX/Knaus

Aber warum ist es beunruhigend? Sollte es uns nicht ermutigen, darauf zu vertrauen, dass ein Zuwachs an Bildung auch ein erkennbar besseres Verständnis von Politik mit sich bringt?

Nun: Ja und nein. Einerseits ist es gut, dass der Wert von Bildung sich so unmittelbar nachweisen lässt. Ebenso wenig lässt sich leugnen, dass viele Regierungen die Segnungen einer breiteren liberalen Bildung, die von alten sozialistischen Strategien genährt war, wieder einkassiert haben, ganz besonders in Großbritannien, wo der Anti-Intellektualismus grassiert.

Von daher ist auch klar, dass es nicht nur um eine Verringerung der Zahl informierter Bürger mit Hochschulbildung geht, sondern auch um eine Trivialisierung des Bildungsprozesses an sich.

Skrupellose Anführer

Jeder, der heute im Bereich der Weiter- oder Hochschulbildung arbeitet, kann sehen, wie die Strenge des akademischen Lebens nachgelassen hat. Könnte es sein, dass die Skrupelloseren unter unseren „Anführern“ die neue Kultur der Fake News, alternativen Fakten und Möchtegerngeschichtsschreibung mit Freuden tolerieren, nachdem sie begriffen haben, wie sehr eine funktionierende Demokratie auf den hohen Standards kritischen Denkens beruht, die, so grob sie auch sein mögen, uns eine Spur weniger empfänglich für Meinungsmache und (nennen wir sie beim Namen) staatliche und kommerzielle Täuschung machen?

Ungeachtet der Tatsache, dass es auf manchen Gebieten noch immer Glanzleistungen gibt, lässt sich an diesem Szenario kaum noch zweifeln. Die systematische „Verblödung“ (vor allem wenn es um kritisches Denken geht) mag nicht als solche geplant gewesen sein, aber sie ist bequem.

Um die riesige Einkommenslücke aufrechtzuerhalten, um durch ständige Ablenkung und gut gepflegte Apathie zu regieren, um Klimawandel, Artenverlust und die Versäuerung der Ozeane herunterzuspielen (die Liste lässt sich fortsetzen), ist es sinnvoll, dafür zu sorgen, dass die breite Bevölkerung nicht allzu gut informiert ist.

Ist Bildung uncool?

Dass Bildung – oder vielmehr ein Mangel an Bildung – eine solch bedeutende Rolle für den Erfolg des Leave-Lagers gespielt hat, ist die traurige Bestätigung einer politischen Langzeitstrategie, in deren Gefolge Intelligenz in den Unterhaltungsmedien immer wieder als ausgesprochen uncool dargestellt wurde, während eine gewisse Art amoralischer Gerissenheit nicht nur als welterfahren und auf verquere Weise nett, sondern in einer dog-eat-dog world, einer Ellenbogengesellschaft, auch als wirklichkeitstauglicher angesehen wird.

An dieser Metapher ist jedoch nichts Realistisches. Es ist wahr, dass sich Hunde gelegentlich aufeinander stürzen, aber nur unter außergewöhnlichen Umständen – was bedeutet, dass unsere Führer uns ständig in einem Zustand von höchstem Stress verharren lassen müssen.

Man verringere den gesellschaftlichen Druck für eine beliebige Zeitspanne, und die Leute würden anfangen, miteinander zu arbeiten und darin nach und nach Vorteile zu entdecken.

Verlorene Instinkte

Beim Blick auf meine Arbeitskollegen komme ich nicht umhin, mir eine Bemerkung des französischen Schriftstellers Jacques Chardonnes ins Gedächtnis zu rufen: „Die Menschen sind so gut diszipliniert, dass sie sich vor allem, was frei ist, fürchten. Sie mögen eigentlich nur ihre soziale Funktion. Sie setzen ihr Glück in das, was nützlich ist: Familie, Arbeit, Eigentum... Sie haben ihre wahren Instinkte verloren... die Fähigkeit, das Leben in einer immer wieder jungen Welt zu genießen.“

Chardonne wusste aber auch, dass die faculté de jouir, das Vermögen, Freude zu empfinden, Zutrauen erfordert, ein Gefühl für persönliche Freiräume und eine heterogene Gesellschaft, in der Dialog nicht nur möglich, sondern auch gefragt ist.

Mir hat der Brexit die Erkenntnis beschert, dass ein solcher Dialog im Alltag schon lange fehlt. Ich kenne meine politischen Gegner nicht, weil wir so sorgfältig voneinander isoliert sind und man uns ständig versichert, dass ein sinnvoller Austausch unsere Fähigkeiten übersteigt (offenbar, weil wir so heillos erbärmlich sind).

Problem Feindesliebe

Meine christlichen Freunde halten uns an, unsere Feinde zu lieben, aber wie können wir diejenigen lieben, mit denen wir nie das Brot brechen oder denen wir auf neutralem Boden zum vernünftigen Debattieren begegnen? Wie die Vereinigten Staaten unter Trump polarisiert sich auch meine Gesellschaft immer stärker: Es gibt Menschen, die für „Leave“ votierten, aber ich kenne sie nicht, und ich kann mir nicht vorstellen, mit ihnen ein sinnvolles Gespräch zu führen.

Wenn ich über ihre Motive spekuliere, verfalle ich auf den Gedanken, dass die Brexiteers unter meinen Landsleuten wie die Trump-Wähler ihre Gründe hatten, gegen den Status quo in der britischen Politik zu protestieren. Sie wollten wie unsere amerikanischen Cousins und Cousinen jemanden haben, der „den Sumpf trockenlegt“:

Diese Empfindung kann ich teilen. Doch auch meine Landsleute bezeugten diesen Protest, indem sie für den größten und liederlichsten Bauernfänger stimmten, den sie finden konnten. Beinahe genossen sie die Absurdität seiner Lügen und sein überhebliches Gockeln. (Wie übrigens konnte uns entgehen, was uns bevorstand, wenn man die Ähnlichkeit dieser neuen Führer bedenkt? In der Politik steht nur eines fest: Der Gott der Frisuren irrt nie.)

Meinungsverschiedenheiten als Chance

Andererseits bestehen der große Triumph und vielleicht das einzige Glaubensziel der besitzenden Klasse darin, die Arbeitenden zu spalten, indem sie solche lächerlichen Götzen entweder unserer Verehrung oder unserem Verdammungsurteil überlässt, und das zu gleichen und gleichermaßen fatal verhängnisvoll unterhaltsamen Teilen . Damit wird garantiert, dass ich meiner Nachbarin, die Brexiteerin, ebenso verwirrend finde wie sie mich.

In meinen Augen bot Europa vor allem die Chance, miteinander zu reden, zu widersprechen, sich aufeinander zu und voneinander weg zu bewegen, kurz: menschlich zu leben. Fürs Erste ist uns das abhanden gekommen, und es liegen dunkle Zeiten vor uns. Ich bete, dass wir sie gut überstehen und mit unverminderter Klugheit wieder zusammenkommen, um die schwierigen und schönen Gespräche wieder aufzunehmen, in denen wir allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz auch unser Bestes ausschöpfen.

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