Die Furcht vor der Strahlung : Wie gefährlich sind Mobilfunk und Strommasten wirklich?

Viele haben Angst vor den Wirkungen von Funkmasten und Handys. Doch oft werden die Strahlungsrisiken falsch eingeschätzt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Handy am Ohr: Viele fragen sich, ob das gefährlich ist.
Handy am Ohr: Viele fragen sich, ob das gefährlich ist.Foto: Patrick Pleul/ZB/dpa

Das Smartphone sucht nach Netz, der WLAN-Router blinkt und die Hochspannungsleitung knistert vor dem Haus: Im Alltag sind wir fast ständig von Strahlung umgeben. Doch während sich die einen darüber kaum Gedanken machen, sorgen sich andere vor den gesundheitlichen Auswirkungen. Eine neue Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zeigt nun, wie sensibel die Deutschen für das Thema sind.

Wie groß sind die Sorgen der Deutschen vor Strahlung?

Laut der repräsentativen Studie beunruhigt radioaktive Strahlung fast Dreiviertel der Befragten „eher“ oder „sehr“. Mehr als jeder zweite sorgt sich um Strahlung von Mobilfunk-Masten, Handys und Tablets. Mehr als ein Drittel hat Bedenken wegen der Strahlung, die von Hochspannungsleitungen ausgeht.

Auch die Risikoforscherin Pia-Johanna Schweizer vom Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung beobachtet in der Bevölkerung eine gesteigerte Vorsicht: „Die Unausweichlichkeit von Strahlung wird als Bedrohung wahrgenommen, als Kontrollverlust.“

Der Mobilfunkausbau sehe es vor, möglichst alle Funklöcher zu schließen – dem könne man sich also nicht entziehen. „Damit geht bei manchen Menschen ein Gefühl des Ausgeliefertseins einher.“ Andere Formen von Strahlung, die auch in der Öffentlichkeit weniger diskutiert werden, sorgen dagegen laut der BfS-Studie kaum für Angst – trotz nachgewiesener Risiken. Dass aus dem Boden austretendes Radon die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs ist, wissen zum Beispiel nur wenige Deutsche.

Welche Arten von Strahlung gibt es?

Grundsätzlich wird zwischen ionisierender und nicht-ionisierender Strahlung unterschieden. Ionisierende Strahlung ist sehr energiereich, hat eine kurze Wellenlänge und eine hohe Frequenz. Dazu zählt Röntgenstrahlung. Auch wenn Atomkerne gespalten werden, wie in den Brennstäben eines Atomreaktors, entsteht ionisierende Strahlung. Weil sie in der Lage ist, Elektronen aus der Hülle von Atomen oder Molekülen herauszuschlagen, kann sie für den Organismus gefährlich sein.

Im Alltag allgegenwärtig ist dagegen nicht-ionisierende Strahlung mit weniger Energie und niedrigerer Frequenz. Dazu zählt etwa die elektromagnetische Strahlung von Smartphones und WLAN-Routern. „Dazu kommen externe Mobilfunk-Masten, Hochspannungsleitungen, Elektrogeräte und Bahntrassen“, erklärt Tristan Jorde, Diplomingenieur und Umweltberater von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Das alles produziert eine Strahlungswolke.“

Welche Wirkung hat die alltägliche elektromagnetische Strahlung auf uns?

Die Gefährlichkeit von Strahlung ergibt sich aus zwei Faktoren: Intensität und Dauer. Vor allem Wärme gilt als Gesundheitsrisiko. Die Moleküle im Körper werden ähnlich wie bei einer Mikrowelle in Schwingung versetzt und so erwärmt. Dadurch können Schäden entstehen. Deshalb beziehen sich die meisten Grenzwerte darauf.

Jorde kritisiert aber, dass sich Schutzmaßnahmen nur auf den thermischen Effekt bezögen: „Über elektrische und magnetische Wirkungen auf den menschlichen Körper weiß man sehr wenig.“ Langzeit-Studien dokumentieren etwa bei Ratten auch ohne Wärme ein höheres Krebsrisiko durch hohe elektromagnetische Strahlung.

„Diese Erkenntnisse sollten wir ernstnehmen“, sagt Sarah Drießen vom Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit, einer interdisziplinären Einrichtung der Uni-Klinik Aachen. Sie warnt aber auch: „Eine einzelne Studie ist ein Hinweis, kein Beweis.“

Was ist Elektrosensibilität?

Im Internet berichten viele Menschen von Kopfschmerzen, Herzproblemen und Konzentrationsproblemen – angeblich verursacht durch Strahlung. Laut Umfragen des BfS bezeichnen sich ein bis zwei Prozent der Bevölkerung als „elektrosensibel“. Bis zu zehn Prozent fühlen sich durch elektromagnetische Felder beeinträchtigt. Kann das sein?

Smartphone am Ohr - ist das gefährlich?
Smartphone am Ohr - ist das gefährlich?Foto: Caroline Seidel,dpa

„Bislang ist es nicht gelungen, einen Zusammenhang herzustellen“, sagt Achim Neuhäuser vom BfS. „Aber die Betroffenen zeigen tatsächlich Symptome. Auch die Sorge kann krank machen.“ Im Zweifel empfiehlt Neuhäuser den Besuch in einer umweltmedizinischen Beratungsstelle oder Ambulanz. Das Umweltbundesamt führt auf seiner Internetseite dazu eine Übersicht.

Ist der neue Mobilfunkstandard 5G gefährlich?

Nach aktuellem Wissen nicht. Die neue Technik soll zunächst in Frequenzbereichen um 700 MHz sowie 2 GHz und 3,6 GHz eingesetzt werden. Das weicht kaum von den heute üblichen Frequenzen ab. Wenn das Netz weiter ausgebaut wird, sollen aber auch wesentlich höhere Frequenzen dazukommen, über die noch nicht viel bekannt ist. Da diese Strahlung extrem kurzwellig ist, dringt sie kaum in den Körper ein, sondern wird in den oberen Hautschichten absorbiert.

Wissenschaftler der Bremer Jacobs University erforschen derzeit, ob die Strahlung zum Beispiel das Erbgut schädigen könnte. Auch werden wegen der geringen Reichweite für 5G deutlich mehr Sendemasten benötigt. Wie sich das genau auf die Strahlenexposition des Einzelnen auswirkt, kann das BfS noch nicht abschätzen.

Warum ist das Thema so umstritten?

Vor allem das geplante 5G-Netz und die Energiewende hätten viele Bürger auf Handystrahlen und Hochspannungsleitungen aufmerksam gemacht, sagt Forscherin Drießen. Zu den Risiken von elektromagnetischen Feldern gibt es zahlreiche Untersuchungen – allein Drießen kennt mehr als 27.000 Veröffentlichungen dazu.

Die Studien bringen oft unterschiedliches hervor. „Ich kann nachvollziehen, dass es die Leute verunsichert“, sagt sie. Gleichzeitig gebe es viel Alarmismus und falsche Erwartungen: „Man kann wissenschaftlich nicht nachweisen, dass eine bestimmte Sache keine Risiken hat.“

Kritiker sehen außerdem eine zu große Nähe zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Behörden. Der eigentlich unabhängige internationale Forschungsverband ICNIRP etwa hat seinen Sitz direkt beim Bundesamt für Strahlenschutz und galt zumindest anfangs als industrienah. „Eigentlich müsste das BfS ein Gegengewicht zur Industrie bilden“, meint Verbraucherschützer Jorde. Es sei aber eher wohlwollend.

Wie kann man sich im Alltag schützen?

„Es werden zahlreiche wirkungslose Produkte zur Abwehr von Strahlung entwickelt. Das ist Scharlatanerie“, warnt Verbraucherschützer Jorde. Er empfiehlt dasselbe wie Wissenschaftler und das BfS: Wer die Strahlenbelastung reduzieren will, sollte nur bei gutem Netz telefonieren. Denn die Sendeleistung der Geräte hängt stark vom örtlichen Empfang ab.

Wer also im Tunnel telefoniert, ist mehr Strahlung ausgesetzt. Auch ein Headset ist empfehlenswert, so dass das Smartphone nicht direkt am Kopf gehalten wird. Nachts kann das Handy in den Flugmodus gestellt werden. Und der WLAN-Router sollte in Räumen stehen, die seltener benutzt werden – nicht am Schreibtisch in Kopfhöhe.

Gibt es auch gesundheitsfördernde Strahlung?

Unbestritten ist, dass etwa Röntgenstrahlen für die Diagnose und dann auch Therapie von Verletzungen und Krankheiten nützlich sind. Das gleiche gilt für die Bestrahlung von Tumoren. Eine durchaus etablierte Therapie bei Morbus Bechterew, einer schmerzhaften entzündlichen Versteifung der Wirbelsäule, ist strahlendes, intravenös verabreichtes, niedrigdosiertes Radium-224-Chlorid.

Bei medizinischem Personal gibt es Studien, die zeigen, dass Menschen, die über Jahre im Vergleich zur Gesamtbevölkerung erhöhten Röntgendosen ausgesetzt waren, eher selten an Krebs erkrankten. Erst bei deutlich erhöhten Dosen hatten auch sie ein erhöhtes Risiko.

Auch die Strahlung von Radon könnte in bestimmten Konstellationen sogar das Krebsrisiko senken. Darauf deuten Studien hin, die über Jahre hinweg die Inhalation des Gases mit der Krebsrate abglichen. Der Effekt ließ sich zumindest bei Personen feststellen, die nicht noch zusätzlich rauchten.

Eine Theorie der beteiligten Forscher ist, dass auch in solchen Fällen biologische Schäden durch Strahlung entstünden. Diese würden jedoch durch die Selbstheilungskräfte des Körpers repariert und offenbar durch die positive Wirkung des Gases ausgeglichen. Darüber mehr zu wissen, könnte sich am Ende nicht nur für die Forscher lohnen.

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