In Griechenland beantragen die Flüchtlinge kein Asyl

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Flüchtlinge auf Kos in Griechenland : Ohnmacht im Ferienparadies
Ende einer Idylle: Die Krise soll bisher keine negativen Auswirkungen auf den Tourismus haben, auch wenn die Bilder keine Werbung für Kos sind.
Ende einer Idylle: Die Krise soll bisher keine negativen Auswirkungen auf den Tourismus haben, auch wenn die Bilder keine Werbung...Foto: Yannis Behrakis/ Reuters

Auf beiden Seiten liegen die Nerven inzwischen blank. Für Aufsehen sorgte ein Foto, das einen Polizisten auf Kos zeigt, wie er einen Migranten ohrfeigt. In der anderen Hand hält der Polizist ein langes Messer, mit dem er den jungen Mann zu bedrohen scheint. Der Beamte wurde vom Dienst suspendiert. Bürgermeister Kyritsis warnte in einem offenen Brief an die Regierung in Athen: „Die öffentliche Sicherheit und Ordnung stehen vor dem Zusammenbruch, die Gefahr, dass es zu einem Blutvergießen kommt, ist real." „Bereits bisher hatten wir eine völlig unzureichende Versorgung der Flüchtlinge“, sagt Brice de le Vigne von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF). „Was wir jetzt erleben, sind Misshandlungen – die Polizei geht immer brutaler gegen diese verletzlichen Menschen vor.“

Die Hilfsorganisation sieht Europa in der Pflicht. Florian Westphal, Geschäftsführer von MSF in Deutschland: „Die EU muss endlich sichere und legale Fluchtwege schaffen.“ Die Situation auf den griechischen Inseln sei nur deshalb so drastisch, weil Europa den Menschen auf der Flucht keine andere Wahl lasse, als in Booten die gefährliche Reise über das Mittelmeer anzutreten, kritisiert Westphal.

Griechenland ist nur Durchgangsstation

Aufgeschreckt durch die wenig schmeichelhaften internationalen Medienberichte, ist die Athener Regierung jetzt offenbar aufgewacht. Sie schickte Ende dieser Woche zusätzliche Beamte der Ausländerpolizei nach Kos, um die Registrierungen zu beschleunigen. Am Samstag wird auf der Insel außerdem ein Fährschiff erwartet, das die Regierung gechartert hat. Es soll als Unterkunft für Flüchtlinge dienen – für einige Tage, bis sie registriert sind und ihre Papiere bekommen.

Für die Flüchtlinge ist Griechenland nämlich nur eine Durchgangsstation. Sie beantragen hier kein Asyl. Sie wollen nach Westeuropa. Von den Inseln führt ihr Weg über Athen nach Nordgriechenland. Dort überqueren sie die grüne Grenze nach Mazedonien. Wer Geld hat, kauft sich dort eine Eisenbahnfahrkarte, andere folgen zu Fuß den Bahngleisen. Das erste Ziel: Das EU-Land Ungarn.

Bilder sind keine Werbung für Kos

„Wäre es nicht besser, wenn man diese Menschen sofort legal dorthin reisen lassen würde, wo sie hin möchten, statt sie den Schleusern zu überlassen und in Lebensgefahr zu bringen?“, fragt Konstantina Svynou, die Vorsitzende der Hotelierskammer von Kos. „Wir sind jedenfalls mit diesem Ansturm völlig überfordert“, sagt sie. Im Frühjahr haben Svynou und andere Hoteliers in Zusammenarbeit mit Bürgerinitiativen wie „Solidarität Kos“ die Flüchtlinge täglich mit Essen versorgt. „Damals ging es um ein paar hundert Menschen. Aber jetzt sind es Tausende, und jeden Nacht kommen Hunderte dazu“, sagt Svynou. „Das geht über unsere Kräfte.“

Negative Auswirkungen auf den Tourismus habe die Flüchtlingskrise bisher nicht, auch wenn die Bilder, die jetzt um die Welt gehen, „natürlich keine Werbung für Kos sind“, sagt die Hotelwirtin: „Wir sind ausgebucht.“ Und Svynou selbst scheint keine Berührungsängste zu haben. Durch die geöffnete Tür ihres Büros sieht sie in die Lobby des Hotels Maritina. „Moment mal“, sagt sie während des Gesprächs, „da ist wieder einer, der sein Handy aufladen will.“ Die Chefin steht auf und zeigt dem jungen Mann, wo die Steckdose ist. Es ist Ayub, 27 Jahre alt. Der junge Diplomingenieur ist aus dem Iran über die Türkei nach Kos geflohen, gemeinsam mit sieben Freunden.

Sein Ziel ist Deutschland, dort lebe ein Onkel von ihm. Ayub hat viele Fragen: Ob der Staat Flüchtlingen Arbeit beschaffe? Ob es dort richtige Wohnungen für Flüchtlinge gebe? Und wo das Leben am besten sei? In Berlin, in Köln oder vielleicht in München? Auf seinem Smartphone hat er im Internet gelesen, dass die Ungarn einen Grenzzaun bauen, um Flüchtlinge zurückzuhalten. „Wir haben keine Zeit zu verlieren“, sagt Ayub.

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