Frankreich erstarrt : Streiks sorgen für Verkehrschaos an Weihnachten

Wegen der Streiks gegen Macrons Rentenreform streicht die Bahn am Heiligabend die Hälfte aller Zugfahrten. Eine Lösung des Rentenstreits ist nicht in Sicht.

Pendler drängen sich am Bahnhof «Gare de Lyon».
Pendler drängen sich am Bahnhof «Gare de Lyon».Foto: Cristophe Ena,dpa

Ruhige Weihnachtstage wird es in Frankreich nicht geben. Auf den Bahnhöfen ist das Gedränge unerträglich, auf den Straßen gelten keine Verkehrsregeln mehr. Jeder versucht so gut es geht zur Arbeit zu gelangen mit den wenigen Zügen, Metros und Bussen. Die Menschen sind von Tag zu Tag gereizter. Seit 16 Tagen laufen in Frankreich die Streiks gegen die Rentenreform von Emmanuel Macron. In Paris ist die Lage besonders angespannt.

Premierminister Edouard Philippe hatte sich in dieser Woche mit den Gewerkschaften getroffen, doch mehr als „Fortschritte“ konnte er danach nicht ankündigen. Die Gewerkschaften sahen das anders, selbst die gemäßigte und eher regierungsfreundliche CFDT betonte: „keine wesentlichen Fortschritte“. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OpinionWay ergab, dass 39 Prozent der Franzosen die unnachgiebige Regierung für die Streiks verantwortlich machen, nur 29 Prozent die Gewerkschaften, 27 Prozent beide Seiten.

Mitfahrgelegenheiten haben Hochkonjunktur, ebenso die Autovermieter. Am 23. und 24. Dezember sollen weniger als die Hälfte der Züge fahren. Für besondere Aufregung sorgte eine Botschaft: Die 6000 allein reisenden Kinder mit Tickets dürfen nicht mitfahren. Um die Züge bis auf den letzten Platz zu füllen, wurden Kinder kurzerhand „ausgeladen“. Frankreichs Medien sind voll von entsetzten Eltern, die von weinenden Kindern erzählen.

Auch nach Weihnachten ist kein Ende abzusehen. Erst im Januar sollen die Diskussionen über die Rentenreform weitergehen. Für den 9. Januar planen die Gewerkschaften wieder Demonstrationen. In der Zwischenzeit liegt das Land lahm. Bei der Eisenbahn SNCF gibt es zwar nur 9,5 Prozent Streikende, aber die Zugfahrer sind mit 58,3 Prozent besonders aktiv. Sie fühlen sich von der Rentenreform besonders bedroht.

Diesmal beteiligen sich alle Gewerkschaften

Geplant ist, dass 42 verschiedene Rentensysteme in ein einziges System zusammengeführt werden, in dem man für Einzahlungen Punkte sammelt. Viele Berufsgruppen haben aus geschichtlichen Gründen immer noch vorteilhafte Rentensysteme, darunter vor allem die Angestellten der Bahn und der Verkehrsbetriebe. Sie gehen im Durchschnitt schon mit 56 Jahren in Rente, besonders begünstigt sind die Zugfahrer. Während die Durchschnittsrenten bei der Bahn bei 2600 Euro liegen, beträgt die Durchschnittsrente in Frankreich knapp 1500 Euro. Logisch, dass die Eisenbahner in erster Reihe kämpfen, obwohl ihre Vorteile noch aus einer Zeit stammen, als man Kohlen schaufeln musste.

Anders als bei früheren Streiks, beteiligen sich diesmal ohne Ausnahme alle Gewerkschaften. Selbst die regierungsfreundliche CFDT stieß dazu, als klar wurde, dass die Regierung an der Erhöhung des Rentenalters auf 64 Jahre festhalten will. Das offizielle Rentenalter ist derzeit 62. Die Gewerkschaften haben zwar nicht mehr viele Mitglieder, aber in den entscheidenden Betrieben sind sie sehr gut organisiert. Um ihre Macht zu behalten, setzen sie nicht auf Verhandlungen, sondern auf den Druck der Straße.

Macron wiederum weiß, dass er nicht nachgeben kann, sonst wären weitere Reformen unmöglich. Um von der Misere etwas abzulenken, ist der Präsident an die Elfenbeinküste gereist, um französische Soldaten zu treffen. Die Bilder aus Afrika sollen ablenken. In die Rentenschlacht schickt der Präsident seinen Regierungschef.

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