Israelisch-jordanische Freunde : Die Friedenskämpfer

Sie waren Kriegsgegner und wurden Freunde. Nun reisen der israelische und der jordanische General in ihre Vergangenheit und zeigen, wie wichtig solche Beziehungen für Israel sind, während die Revolten in der arabischen Welt alte Gewissheiten zerstören.

Mansour Abu Rashid und Baruch Spiegel (r.) in den Resten eines syrischen Forts, das der Israeli vor 44 Jahren erobert hat.
Mansour Abu Rashid und Baruch Spiegel (r.) in den Resten eines syrischen Forts, das der Israeli vor 44 Jahren erobert hat.Foto: Kai Müller

Dem General geht es schlecht. Seit gestern ist das Stechen da. Vielleicht nur eine Verspannung, ein Muskelziehen. Aber nun blickt der General besorgt. Er will nicht, dass seinetwegen angehalten wird. Seine rechte Hand folgt dem Schmerz tastend bis an die Brust.

„Bist du müde, General?“

„Es geht mir gut.“

„Brauchst du eine halbe Stunde, um zu beten und dich auszuruhen?“

„Seit gestern schmerzt mein Arm.“

„Dein Arm, General?“

„Ja, der linke. Kam in der Nacht.“

„Wir müssen dich untersuchen lassen. Nimmst du deine Pillen noch?“

Zwei Männer in einem Auto. Ein Jude, ein Muslim. Sie fahren durch den Norden Galiläas, zu Orten, an denen der Israeli und der Araber einander töten wollten. Sie waren Kriegsgegner, heute sind Baruch Spiegel und der Jordanier Mansour Abu Rashid Freunde. Sie reden sich gegenseitig mit General an, denn das sind beide, hochrangige Offiziere ihrer Armeen, wenn auch nicht mehr im Dienst. Jetzt suchen sie einen Arzt.

„Das ist eine ernste Sache“, sagt Baruch Spiegel. Der 63-Jährige hat scharfe Augen, die den anderen Mann auf der Rückbank unnachgiebig mustern. Er greift zum Telefon. Er wird einen Doktor ausfindig machen. Trotz des Streiks, in den die Ärzte in Israel an diesem Tag getreten sind. Das ist nicht nur eine Frage der Gastfreundschaft.

In den meisten Nachbarländern des jüdischen Staates ist die Situation so angespannt wie nie. Die Entmachtung von Präsident Mubarak, das Bündnis von Hamas und Fatah und die anhaltenden Unruhen in Syrien. Sogar in Amman ist der Ruf nach Reformen des politischen Systems laut geworden. Israel weiß nicht mehr, was es erwarten kann.

General Mansour, ein Herr von 65 Jahren mit gütigen nussbraunen Augen, einem dünnen Schnauzbart und zurückhaltenden Bewegungen, wehrt sich gegen die Fürsorge des Anderen. In Haifa gebe es einen Arzt, sagt dieser. Haifa ist weit.

1994: Brigadegeneral Baruch Spiegel (li.) und Generalmajor Mansour Abu Rashid bei den Vorbereitungen zur Unterzeichnung des Friedensvertrages in der Nähe von Eilat, Israel.
1994: Brigadegeneral Baruch Spiegel (li.) und Generalmajor Mansour Abu Rashid bei den Vorbereitungen zur Unterzeichnung des...Foto: ECF

Was die beiden Männer verbindet, ist selten im Nahen Osten. Sie wissen es selbst. Es gibt etliche Friedensaktivisten unter Israelis, Palästinensern und Arabern. Sie stoßen gemeinsame Projekte an, sie meinen es gut, aber meistens haben sie nichts zu sagen. Die beiden Generäle hatten etwas zu sagen. Auch einander.

Bis heute ist das so. Erst vor wenigen Tagen wieder haben sie an Gesprächen zwischen israelischen Militärs, palästinensischen Offiziellen und Jordaniern teilgenommen, die es offiziell gar nicht gibt. Denn Israels Position ist festgefahren. Die Wahrung des Status quo hat „höchste Priorität, auch wenn es dafür keine Strategie gibt“ sagt ein Insider. Spiegel und Mansour halten in dieser Situation Kanäle offen, an denen die Netanjahu-Regierung nicht interessiert ist. „Track Two“-Gespräche, nennt Baruch Spiegel das. Gleis Eins, das Hauptgleis, auf dem sich die Politiker bewegen sollten, ist stillgelegt.

Spiegel ist hinter den Kulissen als Berater einer Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit tätig, und Mansour betreibt in Amman ein kleines Friedenszentrum. Vor ein paar Stunden ist er an einer Kreuzung bei Afula in diesen japanischen Mittelklassewagen gestiegen. Anberaumt war ein Treffen mit einem einflussreichen Berater von Präsident Simon Peres. Aber nun wollen sie erzählen, wie aus Feinden Freunde werden konnten. Es geht zu den Orten, an denen alles angefangen hat. An denen es aber auch beinahe vorbei war.

Einen Anfang stellt der Hain am Fuß der Golan-Höhen dar, in dem die beiden Ex-Militärs an einem frühsommerlichen Tag aus dem Auto steigen. Vor 44 Jahren liegt ein damals 18-Jähriger an derselben Stelle auf seinem Marschgepäck und wartet auf Befehle. Sein Wehrdienst bei einer Eliteeinheit hat gerade erst begonnen. Granaten der syrischen Artillerie schlagen in den umliegenden Feldern und in einem nahen Kibbuz ein. Es gibt Tote. Aber Verteidigungsminister Mosche Dajan zögert. An der Grenze zu Ägypten und im Westjordanland rücken israelische Truppen bereits vor. Aber sollen sie sich auch mit Syrien anlegen? Der junge Baruch Spiegel kann die Stellungen des Feindes an den grünen Hängen sehen, er brennt darauf loszuschlagen. Heute sagt er über sich: „Ich war bereit, zu geben.“

Spiegel ist im Juli 1948 in Italien geboren worden, in einem Flüchtlingslager, als Sohn galizischer Juden, die den Holocaust überlebt hatten und auf die Überfahrt nach Israel warteten. Es seien einfache Leute gewesen, sagt Baruch Spiegel, ihre Familien von den Nazis ausgelöscht. 1967 glauben sie, dass auch ihr Sohn getötet worden ist. In der Straße, in der die Spiegels leben und aus der drei Jungs eingezogen worden sind, machen Gerüchte von hohen Verlusten die Runde.

Zur selben Zeit ist für Leutnant Mansour Abu Rashid der Krieg bereits vorbei. Die Israelis haben seine Einheit am zweiten Kriegstag in der Nähe von Jerusalem umzingelt und festgesetzt. Der Offizier gilt als Kriegsgefangener. „Aber der General ist geflohen“, sagt Spiegel über den weißhaarigen Mann, der in seiner dünnen Wolljacke fröstelnd neben ihm steht und bei diesen Worten die Schultern hebt, als sei die Flucht ein Versehen gewesen. „Unsere Artillerie hatte Anweisung, eigene Stellungen zu beschießen, sobald die in Feindeshand fielen, da mussten wir weg.“

Drei Tage irren er und seine Kameraden in der Westbank umher. Der Rückzug ist ihnen abgeschnitten. Sämtliche Brücken über den Jordan sind gesprengt. Am Ende zählt die Armee König Husseins 7000 Tote, Verwundete und Vermisste. „Wir respektierten die Jordanier als harte Krieger“, sagt Spiegel. „Sie waren nicht weggelaufen. Das half sehr, als wir später mit ihnen verhandelten.“ Wer sich so ins Zeug legte, dem war leichter zu trauen.

Golan-Höhen: Im Nebel der von Israel besetzte Höhenzug, davor Dafna, das 1967 von den Syrern mit Artillerie beschossen wurde und auch danach "schwer gelitten" habe, wie Spiegel sagt, unter den Angriffen aus dem Libanon. Die "blaue Linie" der UN führt hinter dem Ort entlang.
Golan-Höhen: Im Nebel der von Israel besetzte Höhenzug, davor Dafna, das 1967 von den Syrern mit Artillerie beschossen wurde und...Foto: Kai Müller

Spiegel jagt die Serpentinen hinauf zu den Ruinen der früheren syrischen Befestigung. Nur verschüttete Tunnel und überwucherte Steinmauern sind übrig geblieben. Auf einer Tafel stehen die Namen der Gefallenen. Spiegel deutet in die Landschaft unter sich. Trotz der niedrigen, zerfransten Wolkendecke ist die Ebene von Kiryat Shmona weit zu überblicken. Die schlammigen Feldwege sind dieselben wie damals, und Baruch Spiegel lässt sie mit dem Zeigefinger noch einmal von seiner früheren Kompanie befahren, erzählt schwer atmend, wie sich der Tross an einer Weggabelung verirrt und direkt ins feindliche Feuer gerät. Spiegel selbst und sechs weitere Rekruten kauern flach auf der Ladefläche eines gepanzerten Lastwagens. Kugeln prasseln in die Abdeckung, als sie auf die gegnerische Stellung zufahren. Ihr Anführer wird durch einen Kopfschuss getötet. Auf sich allein gestellt dringen sie in die Bunkeranlage ein. Die syrischen Offiziere sind fort, die verschreckten Mannschaften sitzen in einem Verlies fest. „Sie hatten sie dort eingesperrt und den Schlüssel weggeworfen“, erinnert sich Spiegel, „das war ein Schock für mich.“

Der Sechs-Tage-Krieg 1967 ist der erste Konflikt, der Baruch Spiegels Plan, Mediziner zu werden, durchkreuzt. Er beginnt ein Studium, aber schon bald wird er zu seiner Einheit zurückgerufen. „Mit meinem zivilen Leben, bin ich nicht vorangekommen. Ich habe praktisch die ganze Zeit gekämpft, bis ich General wurde.“

Einmal durchschlägt ein Querschläger seine Wange. Er lässt sich den Bart stehen, um die Narbe zu verbergen. Ein andermal, 1982, da ist er bereits Kommandant, verfolgt er Terroristen in unwegsames libanesisches Gelände hinein, als die Kugel eines Hisbollah-Scharfschützen ihn in der Brust trifft. Sie zertrümmert sein Fernglas und reißt ihn meterweit nach hinten. Das Blut spritzt aus der Wunde, doch bleibt das Projektil zur Hälfte in der Schutzweste stecken. Sprechen kann er nicht, er muss Steine in Richtung seines Funkers werfen, damit der aufhört, seinen Tod zu melden.

„Meine Schwester, eine Psychologin, meint, dass die Erfahrungen meiner Eltern in Buchenwald und Auschwitz mich in die Armee getrieben haben. Und da ist etwas dran. Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973, bei dem wir wirklich um unsere Existenz fürchteten, fühlte ich mich unter Offizieren sicherer als unter Zivilisten“, sagt Spiegel.

Wie konnte aus ihm dann ein Wegbereiter des Friedens werden?

„Als es nötig war, aggressiv zu sein, war ich aggressiv. Als ich nachgiebig sein musste, war ich auch das.“

General Mansour hat eine ähnliche Formulierung für seinen Sinneswandel parat. „In der Armee kann man nicht ,Nein’ sagen“, erklärt er, „außer, man findet eine Entschuldigung.“

Gefallene: Ein Tafel listet die israelischen Soldaten auf, die 1967 bei der Erstürmung der Golan-Höhen fielen. Im Vorfeld war mit bis zu 30.000 Toten gerechnet worden, was Verteidigungsminister Mosche Dajan lange zögern ließ, Syrien anzugreifen. Aus Spiegels Einheit kamen nur sechs Soldaten unversehrt davon. Er war einer von ihnen.
Gefallene: Ein Tafel listet die israelischen Soldaten auf, die 1967 bei der Erstürmung der Golan-Höhen fielen. Im Vorfeld war mit...Foto: Kai Müller

Aber dass es um Pflicht geht, ist nur die halbe Wahrheit. Mansour Abu Rashid entstammt einer einflussreichen Familie aus Amman. Er selbst besuchte die Polizeiakademie, bevor er sich entschloss, dem Vorbild seines verehrten älteren Bruders zu folgen und in die Armee einzutreten. „Ich hatte nie das Gefühl ein ,junger Mann’ zu sein“, sagt er, „vom ersten Tag an gab ich alles, um Verantwortung zu übernehmen und die Nummer eins beim Militär zu werden.“ Er sollte Chef des Nachrichtendienstes, Sicherheitsberater des Königs und Vater von sieben Kindern werden. Und der Bürgerkrieg 1970 ihn prägen, bei dem König Hussein die PLO aus ihren jordanischen Hochburgen vertrieb, doch ein Sieg war das nicht. Es nagte an Mansours Stolz, dass sein Land seine Grenzen nicht dicht bekam. Dass es von Terroristen immer wieder für Angriffe auf Israel genutzt und ihm die Schuld daran gegeben wurde.

In rasender Fahrt lenkt Baruch Spiegel den Wagen zu dieser Grenze. Er war Oberbefehlshaber der hier stationierten Golani-Brigade, er kennt den Weg an Militärbasen, an abgesperrten Minenfeldern und einer altertümlichen Ölpipeline vorbei. Die Straße ist von Panzerketten aufgerissen und auf der „Israel Touring Map“ der Autovermietung gar nicht verzeichnet. „Ich hätte meine eigene Karte mitbringen sollen“, raunzt Spiegel und drückt aufs Gas. Seine Entschlossenheit hat ihn stets höher geführt. „Baruch, wir fliegen!“, stöhnt es vom Rücksitz.

Als Yitzhak Rabin Spiegel Anfang der 90er Jahre zum Leiter des Liaison Office machte, gab es nur wenige Männer, die mehr Feldzüge in der der Israel Defence Force (IDF) erlebt hatten. Doch nun musste er, der wortkarge Mann, vollkommen umdenken. Er wurde zu einem Überredenskämpfer. „Ich sollte die Interessen meiner Regierung durchsetzen, aber niemand sagte mir, wie ich das ohne Waffen anstellen sollte.“

Der erste Golfkrieg war gerade vorüber, der Zusammenbruch des Ostblocks stellte viele arabische Länder vor eine neue Situation. Rabin sah darin eine „historische Gelegenheit“, die 550 Kilometer lange Ostgrenze seines Landes zu Jordanien dauerhaft zu befrieden. Spiegel wurde vorgeschickt, warum ausgerechnet er, kann sich der hagere Veteran noch immer nicht erklären. „Ich habe stets versucht, mich aus der Politik herauszuhalten, und bin die Dinge pragmatisch angegangen“, sagt er. Vielleicht war das der Grund.

Einen Plan gab es 1992 nicht, es war nicht einmal klar, wie er über die Waffenstillstandslinie hinweg Kontakte zu den Nachbarn knüpfen sollte.

In einer engen Schlucht eben südlich des Sees Genezareth unterhielt die UN einen Grenzposten. Hier wurde der Wasserpegel eines Zuflusses des Jordans und Quell ewigen Streits reguliert. Hier gab es eine Brücke. Und von den Straßen oberhalb des schmalen Wasserlaufs war der Übergang nicht einzusehen. Für Spiegels Vorhaben ein idealer Ort. Auch jetzt, als er den Wagen im knirschenden Kiesbett neben einem stark befestigten Grenzzaun zum Stehen bringt, ist von der Stelle der ersten Begegnung tief unten im Canyon nichts zu erkennen.

„Ich hatte eine Avocado mitgebracht. Die kanntest du nicht“, sagt Spiegel.

„Stimmt, heute bauen wir sie auch an.“

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