Israels Rückfall : Wie die Pandemie in Israel wieder an Fahrt aufnimmt

Der jüdische Staat galt als vorbildlich im Umgang mit der Pandemie. Nun steigen die Infiziertenzahlen – es droht ein zweiter Lockdown.

Mareike Enghusen
Auch am Dienstagabend wurden Demonstranten, die gegen die Regierung protestierten, wie hier in Jerusalem von Polizisten festgenommen.
Auch am Dienstagabend wurden Demonstranten, die gegen die Regierung protestierten, wie hier in Jerusalem von Polizisten...Foto: AFP

Noch Mitte dieser Woche war in Tel Aviv von Krisenstimmung wenig zu spüren: Entspannt steckten die Menschen in Cafés ihre Köpfe zusammen, räkelten sich am Strand oder joggten die Promenade entlang, die obligatorische Gesichtsmaske oft nonchalant unterm Kinn baumelnd. Damit dürfte es bald vorbei sein: Dem Land droht ein neuer Lockdown. 1780 Menschen hatten sich am Mittwoch innerhalb von 24 Stunden mit dem Coronavirus angesteckt – die höchste Zahl der Neuinfektionen pro Tag seit Beginn der Pandemie.

Am Donnerstag empfahl das Gesundheitsministerium der Regierung neue drastische Einschränkung des öffentlichen Lebens, darunter die Schließung von Schulen, Restaurants, Gotteshäusern, Stränden und Sportstudios. Eine zweite landesweite Ausgangssperre wird debattiert.

Für viele Israelis kommt die Entwicklung umso überraschender, als ihr Land noch vor kurzem als globales Vorbild im Pandemie-Management gegolten hatte. Der kleine Staat hatte früher als die meisten anderen Länder strenge Reisebeschränkungen und Ausgangssperren beschlossen, Geheimdienst-Technologie zur Verfolgung von Infektionsketten eingesetzt und damit die Ausbreitung des Virus erfolgreich ausgebremst: Im Mai sank die Zahl der bekannten Neuinfizierten pro Tag in den unteren zweistelligen Bereich.

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Seitdem jedoch steigen die Zahlen wieder – auf zuvor unerreichte Höhen. „Wir waren überaus effektiv darin, alles dichtzumachen“, sagt Ran Balicer, Gründungsdirektor des Clalit-Forschungsinstituts, das mit der gleichnamigen Krankenkasse verbunden ist, sowie Mitglied des Covid- 19-Expertenteam des Gesundheitsministeriums. „Aber dann haben wir genau so schnell wieder aufgemacht.“

45.000 Menschen in Israel positiv getestet

Sobald sich ein Anstieg der Neuinfektionen abzeichnete, hätte die Regierung innehalten sollen, meint er. Stattdessen lockerte sie die verbliebenen Restriktionen weiter und erlaubte unter anderem Veranstaltungen mit bis zu 250 Teilnehmern – in den Augen des Gesundheitsexperten ein kritischer Fehler. „Wir wissen jetzt, dass es sich um eine Krankheit handelt, die sich am effektivsten in großen Menschenansammlungen verbreitet“, sagt Balicer. „Das war ein Schritt zu viel.“

Insgesamt wurden knapp 45.000 Menschen in Israel positiv auf das Virus getestet, 380 sind bisher daran gestorben. Die vergleichsweise niedrige Sterberate lässt sich unter anderem damit erklären, dass Israel eine eher junge Bevölkerung hat, weshalb viele Corona-Erkrankungen dort glimpflich verlaufen. Dennoch fürchten viele, dass die steigenden Infektionszahlen das Gesundheitssystem an seine Kapazitätsgrenzen zwingen könnten. Zwar haben Israels Kliniken hervorragende Ärzte, doch es fehlt ihnen im internationalen Vergleich an Raum: Kommen in Deutschland acht Krankenbetten auf Tausend Einwohner, sind es in Israel drei.

Noch könne das System die Anzahl der Corona-Patienten bewältigen, sagt Eli Waxman, ein Physiker vom Weizmann-Institut. Zu Beginn der Krise hatte er ein Expertenkomitee organisiert, das Israels Nationalen Sicherheitsrat in der Pandemiebekämpfung beriet. „Doch wir befinden uns sehr nah an den Grenzen des Systems. In den nächsten Tagen müssen wir die Zahlen unbedingt sinken sehen.“

Arbeitslosenquote auf 21 Prozent geschnellt

Wenn nichts anderes helfe, hatte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Mittwoch verkündet, würde die Regierung einen neuen Lockdown beschließen: weitreichende Ausgangssperren im ganzen Land. Für die ohnehin gebeutelte Wirtschaft wäre das ein Schlag. Die Arbeitslosenquote, die vor der Krise bei 3,5 Prozent lag, ist in wenigen Monaten auf 21 Prozent geschnellt.

Zwar hat die Regierung mehrere Hilfspakete beschlossen, doch die fallen im Vergleich zu vielen anderen Industriestaaten mager aus und haben viele Betroffene noch nicht erreicht. Zehntausende demonstrierten seit Tagen im ganzen Land für schnellere und großzügigere Hilfen und gegen die Regierung Netanjahu. Am Rande der Proteste kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Polizisten, Demonstranten wurden verhaftet. Nicht nur die Wirtschafts-, auch die Stimmungslage ist zunehmend angespannt.

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