Matthies meint : Auch Boris Johnson muss über Religionen scherzen dürfen

Boris Johnson machte einen schlechten Witz über Burka und Hijab, seine Partei startet ein Ordnungsverfahren. Das darf nicht sein.

Boris Johnson steht mal wieder wegen seiner Äußerungen im Fokus.
Boris Johnson steht mal wieder wegen seiner Äußerungen im Fokus.Foto: Reuters

Vor ein paar Tagen hieß es noch, Boris Johnson habe eine Chance, britischer Premierminister zu werden. Das klang wie ein Witz – denn ein derart prinzipienloser Witzbold, Fake-Churchill und Opportunist würde doch sicher nicht noch aufsteigen, nachdem er schon als Außenminister so ziemlich alles vergurkt hat, nicht wahr?

Nun hören wir, die Partei habe gegen ihn ein Ordnungsverfahren eingeleitet, an dessen Ende sogar der Ausschluss stehen könnte. Der Grund liegt allerdings nicht in erkennbarer Unfähigkeit, sondern daran, dass Johnson einen Witz über Burka und Hijab gemacht hat. Er verstehe zwar nicht, warum sich Leute wie „Bankräuber oder Briefkästen“ kleiden, hat er in seiner Zeitungskolumne formuliert, aber er setze sich dafür ein, dass freie Frauen tragen können, was immer sie wollen.

Das Ergebnis war verheerend: Weltweit hat eigentlich nur der Komiker Rowan Atkinson geäußert, er halte das eigentlich für einen ganz guten Witz. Aber ob er nun gut oder schlecht war: Wo genau liegt eigentlich das Problem? Religionen leben mit Spott über ihre Eigenheiten, solange es sie gibt – wir erinnern uns aktuell an die berühmten Mohammed-Karikaturen, die nicht so richtig gut waren, aber doch als Manifestation der Pressefreiheit in allen zivilisierten Ländern – zu Recht – gutgeheißen wurden. Witze über katholische Priester und ihre spezifische Kleidung füllen ganze Bibliotheken, und der jüdische Witz gilt gewissermaßen als Blaupause intelligenter Komik. Oder muss man heute schon sagen: galt?

Die Vorwürfe gegen Johnson werden nun natürlich ins unmittelbar Politische verlängert. Er biedere sich damit islamophoben Wählerschichten an, heißt es. Aber wenn er das tatsächlich vorhaben sollte: Wäre es dann nicht bedeutend geschickter gewesen, die Vollverschleierung kategorisch abzulehnen, statt sich für sie einzusetzen? Allgemein herrscht wohl auch die Ansicht vor, der Spruch sei irgendwie rassistisch gewesen, ohne dass allerdings klar wird, wie das zu begründen wäre. Unter dem Strich bleibt: ein Satz zugunsten der persönlichen Freiheit, eingeleitet mit einem Scherz, der in der weniger aufgeheizten Zeit vor, sagen wir, zehn Jahren, nichts als ein belustigtes Kopfschütteln ausgelöst hätte.

Ich möchte keineswegs, dass Boris Johnson Premierminister von Großbritannien wird, das wäre nun so ziemlich das Letzte, was eine zwischen Donald Trump und Wladimir Putin verspannte Welt brauchen kann. Aber das Recht, Scherze über jede Religion und ihre Eigenheiten zu äußern, sollte er unbedingt behalten dürfen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

40 Kommentare

Neuester Kommentar