• Nach 367 Tagen in türkischer U-Haft: Ganz sicher gab es einen Deal für Deniz Yücel - na und?

Nach 367 Tagen in türkischer U-Haft : Ganz sicher gab es einen Deal für Deniz Yücel - na und?

Die Bundesregierung lügt höchstwahrscheinlich, wenn sie sagt, es habe keinen Deal gegeben, um Deniz Yücel frei zu bekommen. Das liegt in der Natur der Sache. Und ist auszuhalten. Ein Kommentar.

Kevin P. Hoffmann
Was ich will, was du willst? Außenminister Gabriel und sein türkischer Amtskollege Cavusoglu bei einem informellen Treffen im November 2017.
Was ich will, was du willst? Außenminister Gabriel und sein türkischer Amtskollege Cavusoglu bei einem informellen Treffen im...Foto: dpa

Vor 18 Jahren, zu Ostern des Jahres 2000, hielt das Schicksal der entführten Familie Wallert die Republik in Atem. Kämpfer  der Terrororganisation Abu Sayyaf entführten die Touristen auf die südphilippinische Insel Jolo. Am Ende kaufte der heute aufgelöste Staat Libyen die Geiseln frei. Der damalige Außenminister Joschka Fischer reiste später nach Tripolis, um Machthaber Muammar al Gaddafi dafür öffentlich zu danken. Das tat weh, aber es war eine Lösung für das Drama, ein Ausweg aus diesem Gefangenendilemma: Deutschland zahlt nicht für Geiseln, zahlt aber natürlich doch. 

Nun heißt es: Es hat keinen Deal gegeben, um den Journalisten Deniz Yücel nach Hause zu holen. Diese Aussage wird nicht wahrer, je öfter und je mehr Mitglieder der Bundesregierung sie wiederholen. Sie ist nach allem menschlichem Ermessen falsch - und zugleich zeugt das Aussprechen auch dieser Lüge von einem Mindestmaß an Verantwortungsbewusstsein und Staatsräson. Denn klar ist: Jeder in die Vorgänge eingeweihte Vertreter der Bundesregierung, der öffentlich erklären würde, welchen Preis die man diesmal gezahlt hat, müsste am nächsten Tag den Hut nehmen. Kein Bundesbürger wäre dann im Ausland noch sicher, wenn jeder Despot oder Pirat wüsste, welchen Preis man für eine Geisel - und nichts anders war Deniz Yücel - verlangen kann. 

Visafreiheit für die EU wünschen sich die Türken seit Jahren. Man wird in der Bundesregierung beizeiten gute Gründe finden, um dieses Begehr zu unterstützen. Tatsächlich gibt es gute Argumente dafür. Es wird ein wenig Zeit vergehen müssen, damit man diese Kehrwende der deutschen Politik in dieser Frage nicht an den Fall Yücel knüpft. Für die Türken drängender ist ein anderes Problem: Ihre Streitkräfte brauchen offenbar Munition für ihre Leopard-II-Panzer aus deutscher Herstellung, hört man aus informierten Kreisen der türkischen Seite. 

Es gibt keine Beweise, es bleibt die Verschwörungstheorie

Diesen Wunsch kann die Bundesregierung nicht öffentlich erfüllen, schon gar nicht jetzt, mitten im Krieg um die nordsyrische Provinz Afrin, wo die kiloschweren Geschosse gegen Stellungen kurdischer Kämpfer eingesetzt werden sollen, die ironischerweise mit deutschen Milan-Panzerabwehrraketen ausgerüstet sind. Doch die Bundesregierung will auch hier helfen, hört man. Sie wird einen Weg finden. Über freundliche Unterstützung eines anderen Staates, der dann an die Türkei liefert? 18 Länder, von Chile bis Saudi-Arabien bis Singapur, verfügen über Leo-II. Ein Lieferant wird sich finden. Und man wird wohl nie erfahren, wer es war.

Geiselbefreiungen sind Geschäfte der besonderen Art: Beide Geschäftspartner haben ein Interesse daran, die Details ihres Transaktionen zu verschleiern. Das ist nicht schwer. Und so lange Beweise für die einzelnen Schritte fehlen, bleibt jede Spekulation darüber Verschwörungstheorie. Das ist Teil des Prinzips, und das gilt es wohl auszuhalten. 

Auch Yücel selbst, der erklärt hatte, er wolle nicht freikommen in einem „schmutzigen Deal“, wird mit dieser Ungewissheit leben müssen, vielleicht gar besser leben können, als wenn alles offen auf dem Tisch läge. Trost mag ihm der Gedanke geben, dass er selbst es nicht in der Hand hatte. Er bleibt Opfer, nicht Täter. Und, dass Erdogan auch mit jedem anderen Bundesbürger in Haft einen Preis erpresst hätte. Es mag zynisch klingen, nach mehr als einem Jahr Geiselhaft, ist es aber nicht: Yücel sollte um seiner psychischen Gesundheit willen diese Sache nicht persönlich nehmen.

Die „hohe Kunst“ an der Diplomatie besteht darin, besonders krumme - aber manchmal nötige - Geschäfte wie gute Geschäfte aussehen zu lassen. Da muss manches unappetitliche Detail womöglich geheim bleiben. Warum Sigmar Gabriel und andere Diplomaten aber nun beteuern, es habe gar kein Geschäft gegeben, wird ihr Geheimnis bleiben. Es ist nicht glaubwürdig.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

102 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben