Lesen Sie auf der zweiten Seite: Der britische Realismus könnte ein Vorbild sein

Seite 2 von 2
Nach Raketenangriffen in Syrien : Gabriel: Militäraktion gegen Assad war wichtig
Sigmar Gabriel

Der in der Bemerkung der britischen Premierministerin erkennbare Realismus könnte ein guter Ausgangspunkt sein. Man muss Russlands Sicht der Welt, seine Interessen und seine Machtmittel nicht akzeptieren und sie auch nicht kommentarlos hinnehmen. Aber man muss sie realisieren. Wer sich mit dem täglichen Russland-Bashing zufriedengibt, mag sich dabei auf der richtigen Seite fühlen, ändern allerdings wird man die Zustände auf diesem Weg nicht. Um die russische Perspektive zu verstehen, sich nicht nur in Stereotypen zu bewegen und gleichzeitig die eigene Position auch gegenüber Russland unmissverständlich klar zu machen, darf man sich getrost einiger erfolgreicher Strategien des Westens für den Weg aus dem Kalten Krieg ins Zeitalter der Entspannung erinnern. Es gab zwei wesentliche Haltungen des Westens, die am Ende die Sowjetführung beeindruckten: Stärke und Kalkulierbarkeit.

Beides waren die wesentlichen Bestandteile der Entspannungspolitik zwischen dem Westen und der alten Sowjetunion. Auch die Brandt‘sche Entspannungspolitik ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, wo die deutsche Position war: fest im westlichen Bündnis der NATO ebenso wie in der Europäischen Staatengemeinschaft. Und gleichzeitig waren wir eben durch die Einbindung in die westlichen Bündnissysteme auch kalkulierbar und berechenbar. Auch der Nato-Doppelbeschluss Helmut Schmidts folgte letztlich dieser Logik: Stärke und Berechenbarkeit.

Die US-amerikanischen Repräsentanten in dieser Zeit übrigens galten in Westdeutschland als „kalte Krieger“. Henry Kissinger und Ronald Reagan waren zu ihrer aktiven Zeit gerade hier in Westeuropa für viele die Inkarnation des Bösen – und beide schlossen am Ende Abkommen und Verträge, die zu Entspannung, Rüstungskontrolle und Abrüstung beitrugen und von denen wir bis heute profitieren. Mag sein, dass der heutige US-Präsident noch weit weniger dem entspricht, was wir uns in Europa und speziell in Deutschland vorstellen. Die Überlegungen in Washington, eine direkte Begegnung des amerikanischen und des russischen Präsidenten vorzubereiten, um genau diesen strategischen Dialog wieder zu eröffnen, sind absolut richtig.

Die Europäer sollten sich die Brandt'sche Entspannungspolitik zum Vorbild nehmen

Denn man kann Wladimir Putins Rede zur Lage der Nation und die darin vorgenommene Vorstellung aller denkbaren nuklearen Aufrüstungsprojekte im zwei Richtungen verstehen: natürlich als Machtdemonstration und neue Bedrohung. Sie könnte aber auch das Signal Russlands gewesen sein, dass das Land sich in der Lage fühlt, eine als zunehmende Bedrohung wahrgenommene US-Politik mit dem massiven Ausbau seiner Militärinvestitionen zu beantworten, wenn es nicht zu erneuten Rüstungskontroll- und Abrüstungsverhandlungen kommt.

Da eine erneute atomare Aufrüstungsspirale für alle Beteiligten – auch für uns Deutsche – teuer und gefährlich wäre, lohnt es sich zu testen, welche der beiden Interpretationen der Rede des russischen Präsidenten zutreffend ist. Vielleicht hat er für sich und sein Land selbst die Antwort noch nicht gegeben.

Fest und unmissverständlich verankert in westlichen Bündnissen und mit klarer Positionierung in unseren Werten und vor allem in unseren Interessen, ist es die Aufgabe gerade unseres Landes, die transatlantischen Beziehungen ebenso zu erneuern wie auch immer wieder neue Wege der Entspannung und des Dialogs zu suchen. Diese doppelte Aufgabe birgt Risiken und viel Arbeit in sich. Aber nichts ist für unsere Zukunft so wichtig, wie zusammen mit unseren europäischen Partnern und den USA Strategien für den Umgang mit  den aktuellen internationalen Herausforderungen zu entwickeln. Wir müssen uns erneut auf den langen Weg für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zu begeben. Aber damit hat gerade Deutschland vieles zu bieten und alles zu gewinnen.

Sigmar Gabriel (SPD) war Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Heute hält er seine erste Vorlesung an der Universität Bonn.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

112 Kommentare

Neuester Kommentar