Nuklearwaffen : Warum Deutschland keine Atombombe braucht

Warum das Gerede über nukleare Aufrüstung Unsinn ist – und eine Nuklearmacht Deutschland ein fatales Signal wäre. Ein Gastbeitrag.

Tobias Fella
Wenn die Bombe hochgeht. Das Bild zeigt eine Testexplosion auf dem Eniwetak Atoll, Marshall-Inseln, am 30. Mai 1956.
Wenn die Bombe hochgeht. Das Bild zeigt eine Testexplosion auf dem Eniwetak Atoll, Marshall-Inseln, am 30. Mai 1956.Foto: Reuters

Es sind wahrlich ungemütliche Zeiten, die wir durchleben. Nicht nur bedroht uns die Hitze (wo bleibt eigentlich die sicherheitspolitische Strategie gegen den Klimawandel?). West und Ost drehen auch fleißig an der nuklearen Eskalationsschraube. US-Präsident Trump postuliert „Frieden durch Stärke“, „unangefochtene Macht“ – auch bei den Atomwaffen. Und Russlands Putin kündigt „revolutionäre Waffensysteme“ an, die Nuklearsprengköpfe „an jeder Abwehr vorbei, an jeden Ort der Welt“ tragen sollen.

Als wäre dies nicht genug, vollzieht sich die Entwicklung in einer Zeit, in der es um Solidarität schlecht bestellt ist. Die Nuklearmacht Großbritannien verlässt die EU; Frankreich denkt nukleare Abschreckung weiter zuerst national; und auch die Nato-Beistandsgarantie wackelt. Dazu kommen eine Rüstungskontrolle in der Krise, ein nukleares Nordkorea und Modernisierungsprogramme in den Kernwaffenstaaten.

Präzise Systeme mit weniger Sprengkraft sollen die Einsatzschwelle senken und noch glaubwürdiger abschrecken. Zu allem Überfluss werden unter anderem in den USA sogenannte Hyperschallgleiter konstruiert, die so schnell sind, dass sie wirksame Gegenmaßnahmen unmöglich machen. Wenn dann doch Frühwarnsysteme permanent aus dem Cyberraum bedroht sind, dann scheint das Prinzip der „wechselseitig gesicherten Vernichtung“ des Kalten Kriegs, das Credo, „Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter“, stabilitätsstiftend.

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Was liegt da näher, als sich nuklear zu bewaffnen? Sind nicht zumindest taktische Atomwaffen, wie Konrad Adenauer 1957 meinte, ohnehin „nichts anderes als die Weiterentwicklung der Artillerie“? Die Bombe muss her, auch für Deutschland!, ertönten schon die ersten Rufe.

Doch wie würde das aussehen? Zuallererst wäre ein Rückzug aus dem deutschen Atomausstieg von 2011 nötig. Entstehen müssten mindestens eine Anreicherungs- und Wiederaufbereitungsanlage. Fachkräfte auf dem Gebiet der Nukleartechnologie wären auszubilden und zu fördern. Denn Bomben bauen sich nicht alleine. Wann würden sie eingesetzt, für und gegen wen? Und wie würden sie ins Ziel getragen? Zu Lande, zu Wasser oder in der Luft?

Würden taktische Waffen entwickelt, um flexibel und abgestuft reagieren zu können, etwa auf einen begrenzten Nuklearschlag gegen einen Flugzeugträger in der Ostsee, gegen einen deutschen, der dann wahrscheinlich vorhanden wäre? Und wie würden Menschenleben, Städte gegen Städte, gegeneinander aufgerechnet?

Schritte weit unterhalb der nuklearen Schwelle sind allerdings möglich

All diese Fragen erschrecken, sie rütteln auf. Und doch werden sie in den Atomwaffenstaaten diskutiert, ja beantwortet. Sie zu kennen, ist daher wichtig, nicht aus Zustimmung in ihre Notwendigkeit, sondern als Basis für gegenseitige Verständigung. Eine Nuklearmacht Deutschland aber wäre ein fatales Signal, ein eklatanter Bruch mit Kernkomponenten der deutschen Nachkriegsidentität; eine Absage an Erklärungen wie den „Zwei-plus-Vier-Vertrag“, dem Verzicht auf Massenvernichtungswaffen jeder Art.

Von den Effekten auf das nukleare Nichtverbreitungsregime ganz zu schweigen, wäre die „deutsche Frage“ zurück auf der internationalen Agenda. Denn nicht irgendein Land hätte sich aufgemacht, Atommacht zu werden, sondern jenes, das auch in jüngster Zeit nicht zur Einigung findet, etwa in seiner Austeritäts- und Migrationspolitik. Gehen wir diesen Weg dennoch, dann setzen wir uns, wie Wolfgang Ischinger kürzlich formulierte, „selbst schachmatt“. Doch noch sind die Züge dorthin nicht gemacht.

Schritte weit unterhalb der nuklearen Schwelle sind allerdings möglich, von verstärkten Anstrengungen für die konventionelle Abschreckung bis hin zu Förderung des Dialogs mit europäischen und anderen Partnern darüber, was strategische Stabilität heute bedeutet. Und auch die Rüstungskontrolle und die Abrüstung könnten in einem weiteren Schritt wiederbelebt werden. Gewiss wäre dies alles kein Allheilmittel und ginge schon gar nicht allein. Doch der Sommer ist schon jetzt erschreckend heiß – und die Feuerblase nach einer Kernwaffenexplosion hat 8000 Grad Celsius.

Tobias Fella ist Referent für deutsche und europäische Außen- und Sicherheitspolitik bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin

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