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Sisyphos in Sachsen : Martin Dulig bekommt Lob, aber kassiert eine historische Pleite

Die Perspektiven schwierig, die Menschen verunsichert: Sachsen steht symbolisch für den Niedergang der SPD. Spitzenkandidat Dulig will dennoch kein Mitleid.

Martin Dulig, Spitzenkandidat der SPD
Martin Dulig, Spitzenkandidat der SPDFoto: dpa

Martin Dulig ist ein seltenes Phänomen in der SPD. Niemand redet ein schlechtes Wort über ihn. In einer von Kurskämpfen und Verdruss über die große Koalition polarisierten Partei hat der sächsische SPD-Chef eine Sonderrolle. Er wird gelobt für seine Bürgernähe, seine Ideen. Trotz mieser Umfragen hat er immer wieder seinen Küchentisch in Fußgängerzonen aufgebaut , um zu erfahren, wo der Schuh drückt, um Sprachlosigkeit zu überwinden. Der bittere Lohn: 7,6Prozent, das schlechteste SPD- Ergebnis aller Zeiten in Sachsen. „Man darf auch mal traurig sein“, sagt er. In der Polarisierung zwischen CDU und AfD sei es kaum möglich gewesen, durchzudringen. „Aber ich habe einen Zuversichtswahlkampf gemacht.“ Das gebiete es, nach vorn zu schauen. Das Paradoxe: Ohne die SPD kann Sachsens CDU- Ministerpräsident Michael Kretschmer nicht weiterregieren. Zusammen mit den Grünen ist „Kenia“ eine Option.

Dulig ist ein Demokratiearbeiter – und muss im Kampf gegen die AfD rechte Anfeindungen erdulden. So bekam er kurz nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ein Paket mit einer Sturmgewehr-Attrappe nach Hause geschickt. „Auf meinem Rücken wird der ganze Niedergang der SPD ausgetragen“, sagt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Dulig ist auch der Ostbeauftragte seiner Partei. Eigentlich ein Hoffnungsträger. Aber die sächsische SPD hat es seit ihrer Neugründung nach dem Untergang der DDR schwer: In der SED-Diktatur brachen die Strukturen weg, viele Genossen flohen in den Westen. Das wirkt bis heute nach. Kurt Biedenkopf machte Sachsen nach der Wende schließlich zum ostdeutschen Modellland, die CDU wurde zur dominierenden Kraft, dazu kam eine starke PDS/Linke – die nun auch abgestürzt ist. Während die AfD sich fast verdreifacht hat. Eine Zeitenwende?

Drama im Bund war starker Gegenwind

In Leipzig wurde 1863 der Grundstein für die deutsche Sozialdemokratie gelegt. Nun steht Sachsen spiegelbildlich für den Niedergang der ältesten demokratischen Partei Deutschlands: Man kämpft, zeigt Haltung, doch die Bürger schenken Dulig und seinen Leuten kaum Gehör. Er wirkt wie der Sisyphos von Sachsen.

In Plauen geboren, ist der sechsfache Vater mit seiner Frau Susann seit Jahrzehnten in der Region fest verankert, hat die friedliche Revolution und den Aufstieg der AfD miterlebt. Bisher ist er Vizeregierungschef sowie Wirtschafts- und Arbeitsminister in der CDU/SPD-Koalition in Sachsen, die nun abgewählt wurde.

Dulig verzichtete auf seinen Plakaten sogar auf das rote SPD-Logo, es war weiß. Und er verweist unermüdlich auf die Regierungsbilanz – mehr Lehrer und Polizisten, mehr Geld für Kitas und Nahverkehr, mehr Wohnungsbau. Doch das Drama im Bund war starker Gegenwind.

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„Nach der gefälschten Kommunalwahl im Frühjahr 1989 hing ich mit Freunden in der Schule die tatsächlichen neben den offiziellen Ergebnissen aus. Später gründeten wir einen Schülerrat“, berichtet er. „Als mein Bruder im Herbst 1989 nach einer Demonstration ins Gefängnis nach Bautzen, ins ,Gelbe Elend’, gebracht wurde, war ich endgültig politisiert.“ Der gelernte Maurer ist kein karriereorientierter Funktionär. Eines seiner Projekte lautet „Meine Arbeit, Deine Arbeit“. Er spricht mit Chefs von Unternehmen, um inkognito in Betrieben einen Tag mitzuarbeiten. Um zu erfahren, welche Sorgen es gibt. „Ich klebe mir keinen Bart an, wenn die mich erkennen, erkennen die mich.“

Viele Ostdeutsche vermissen Respekt für ihre Lebensleistung

Manche Tage im Wahlkampf begannen für Dulig um vier Uhr morgens und endeten gegen Mitternacht, 20 Stunden kämpfen mit dem Ziel: zweistellig bleiben. „Der härteste Wahlkampf seit 25 Jahren.“ Früher reichten ein paar Marktplatzveranstaltungen, heute muss man jeden Tag dorthin, wo es stinkt und brodelt, wie es Sigmar Gabriel in seiner Dresdener Bewerbungsrede für den SPD-Vorsitz einmal formuliert hatte. 58 Prozent seien doch mit der Arbeit der Regierung zufrieden, sagt Dulig. Er ist in der Endphase des Wahlkampfes mit dem Wagen auf dem Weg nach Bautzen, sein Büro stellt immer wieder Anrufe auf sein Handy durch, und immer wieder bricht die Leitung zusammen. Am Morgen war er bei Bombardier in Görlitz, rund 1000 Beschäftigte fürchten um ihre Jobs. Er hatte auch dort schon einmal undercover einen Tag mitgearbeitet. Für die Region sind die Perspektiven schwierig, die Menschen sind verunsichert. Wie die SPD.

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Für ostdeutsche Bürger, die oft nicht die Absicherung von zusätzlichen Betriebsrenten haben, ist die Grundrente mit einer Aufstockung ihrer Altersversorgung ein Riesenthema, aber die Koalition in Berlin konnte sich bis zum Wahltag nicht darauf einigen. Viele Ostdeutsche vermissen Respekt für ihre Lebensleistungen. Und da ist die fehlende Gemeinschaft. Schon 2018 hat Dulig betont, dass es ein zentraler Fehler gewesen sei, Umbrüche, Kränkungen und Ungerechtigkeiten nicht öffentlich zu debattieren. Daher ist er für eine gesamtdeutsche Wahrheits- und Versöhnungskommission, die die Phase nach der Wende aufarbeitet. Doch aufarbeiten muss die SPD nun zunächst ihr Ergebnis in Sachsen – bei 7,6 Prozent kann nicht alles nur Schicksal sein. Georg Ismar.

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