zum Hauptinhalt
Vorbereitungen in Washington DC. Der Präsident ist schon jetzt überall zu sehen - hier auf T-Shirts.

© AFP

Der Zauber ist dahin, das Pathos verflogen. Die Inaugurationsfeier für Barack Obama am Montag wird zeigen, wie sehr sich die USA in den vergangenen vier Jahren verändert haben. Diesmal fällt das Fest viel bescheidener aus. Und die zweite Amtszeit könnte für den Präsidenten ziemlich ruppig werden.

Auf der Paradestrecke zwischen dem Capitol und dem Weißen Haus entlang der Pennsylvania Avenue wird seit Tagen gehämmert und geschraubt. Tribünen wachsen aus dem Boden. Hundertschaften dunkelgrüner Toilettenhäuschen säumen die Bürgersteige der Seitenstraßen. Modejournale spekulieren, aus welchem Designstudio das Kleid stammen könnte, das Michelle Obama bei den diesjährigen Bällen trägt. Zur Inauguration für Barack Obamas zweite Amtszeit werden nicht mehr zwei Millionen Menschen erwartet wie bei der ersten 2009. Aber die 800 000 Gäste, mit denen Washington am Montag rechnet, sind noch immer deutlich mehr, als die Hauptstadt Einwohner hat – und doppelt so viele, wie George W. Bush 2004 anzog.

Das geschichtsträchtige Pathos ist verflogen. Mit der ersten Vereidigung eines schwarzen Präsidenten begann ein neues Kapitel in der Geschichte der USA. Die Wiederholung vier Jahre später wird nicht mehr als historischer Einschnitt beschworen. Dem Inaugurationskomitee und seinen vielen Helfer dient die Erfahrung von 2009 vor allem als Lehre, was man besser machen kann. Über die kleinen Pannen von damals ist nach vier Jahren Gras gewachsen. Und über die großen können die Amerikaner inzwischen lachen. Alice McLarty, die oberste Landschaftsgärtnern der Nation, hat sich zu Herzen genommen, welch zerstörerische Folgen Begeisterung haben kann. Auf der National Mall nahe dem Capitol, auf dessen Westbalkon Barack Obama vereidigt wurde, war „nicht mehr viel Rasen übrig“, nachdem zwei Millionen Paar Füße die Grünfläche, die sich im Herzen der Hauptstadt vom Parlamentssitz über den Obelisken auf der Höhe des Weißen Hauses bis zum Lincoln Memorial erstreckt, mit Füßen getreten hatten.

Seit 15 Monaten arbeiten die Organisatoren daran, dass das am Montag nicht erneut passiert. 16 Millionen Dollar hat es gekostet, die Mall wieder mit einem dichten, besonders strapazierfähigen Grasteppich zu versehen.

Die politisch bedeutsamere Panne von 2009, den verunglückten Amtseid, wenden die Chronisten inzwischen ins Positive: als Hilfe zu neuen Rekorden. Obama wird an diesem Montag zum vierten Mal vereidigt. Das hat vor ihm nur Franklin D. Roosevelt geschafft, der freilich viel länger regierte. Bei Obama ist dies die Summe aus einem Missgeschick und einer Laune des Kalenders. Bei der öffentlichen Zeremonie 2009 hatte sich der Oberste Richter John Roberts beim Vorsprechen der Formel vertan, Obama verhaspelte sich daraufhin. Zur Sicherheit wiederholten die beiden den Amtseid am Folgetag im Weißen Haus, damit niemand juristische Bedenken gegen die Wirksamkeit erheben kann.

2013 wird es abermals zwei Eide geben. Der vorgeschriebene Tag des Amtsantritts, der 20. Januar, fällt auf einen Sonntag. Um den Feiertag zu heiligen, wird die öffentliche Inaugurationsfeier in solchen Jahren auf den Montag verschoben. Das geschieht zum siebten Mal in der Geschichte der USA. Den Eid muss der Präsident dennoch am 20. leisten. Nun legt er ihn am Sonntag nichtöffentlich im Weißen Haus ab; dabei benutzt er die Familienbibel seiner Frau Michelle. Am Montag schwört er vor den Augen der Nation auf dem Balkon des Capitols und legt dabei die Hand auf zwei Bibeln: eine aus dem Besitz Abraham Lincolns, des Präsidenten, der die Sklaverei beendete; die andere gehörte dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King, der 1968 ermordet worden war. Lincoln und King seien „die Schultern, auf denen der erste schwarze Präsident steht“, sagt Ben LaBolt vom Organisationskomitee.

Anders als 2009 ersucht Obama diesmal nicht um den Segen der Konservativen

Letzte Vorbereitung. Das Weiße Haus ist geschmückt, Tribünen wachsen in die Höhe. 800 000 Gäste werden zu Obamas Inauguration erwartet. 2009 waren es noch zwei Millionen. Foto: AFP
Letzte Vorbereitung. Das Weiße Haus ist geschmückt, Tribünen wachsen in die Höhe. 800 000 Gäste werden zu Obamas Inauguration erwartet. 2009 waren es noch zwei Millionen. Foto: AFP

© AFP

Symbolik wird in Amerika bei solchen Anlässen groß geschrieben. Barack Obamas zweite Amtseinführung offenbart im Großen wie im Kleinen, wie sehr sich die USA zwischen 2009 und 2013 verändert haben. Die Begeisterung über die erhoffte Wende weg von Bush ist verebbt. Obama wird schon lange nicht mehr als Messias gesehen, eher als kühler Mechaniker der Macht. Amerika hat den Blues. Die Arbeitslosenrate ist von zehn Prozent Ende 2010 auf jetzt 7,6 Prozent gesunken, aber in den Augen der Bürger noch immer viel zu hoch. Die Wirtschaft wächst wieder, jedoch enttäuschend langsam. Obama hat den Blockadewillen der Republikaner unterschätzt. Seine Versöhnungsversprechen wirken im Rückblick naiv. Schon in wenigen Wochen droht erneut ein Kampf bis aufs Messer mit den Republikanern um die Ausgaben- und die Schuldenpolitik.

So werden die Feiern zum Beginn der zweiten Amtszeit bescheidener ausfallen als bei der ersten. Die Stimmung ist gedämpft. 2009 tanzten Barack und Michelle auf zehn Inaugurationsbällen. 2013 nur noch auf zweien: dem „Commander-in-Chief“-Ball für Militärangehörige und dem offiziellen Inaugurationsball für Zivilisten. Um den Sicherheitsaufwand zu minimieren, wurden beide in das Kongresszentrum gelegt.

Auch einige Aspekte, die auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen, erzählen vom gesellschaftlichen Wandel. Bei der ersten Inauguration richtete sich die Neugier auf die afroamerikanischen Bürger: Was bedeutete es für sie, dass erstmals ein schwarzes Staatsoberhaupt vereidigt wurde?

Diesmal stehen die Latinos im Rampenlicht, die mit Abstand größte Minderheit in den USA. 71 Prozent ihrer Wähler haben für Obama gestimmt und damit entscheidend zu seinem Sieg beigetragen. Nun bestimmen sie das kulturelle Begleitprogramm. Am Vorabend steigt im Kennedy Center ein Festival unter dem selbstbewussten Titel „Latino Inaugural 2013“ mit Stars wie Schauspielerin Eva Longoria, Comedian George Lopez, Tänzerin Chita Rivera und Sängerin Rita Moreno. „Wir werden nicht noch mal vier Jahre warten, ehe wir Einfluss auf die Zukunft dieses Landes nehmen“, kündigt Longoria an. Die Einwanderer aus Mittel- und Südamerika fordern die überfällige Reform des Immigrationsrechts.

Auch die Auswahl des Poeten, der wie früher am britischen Hof ein Gedicht zur Begrüßung des neuen Herrschers schreiben darf, unterstreicht die wachsende Bedeutung der Latinos sowie der Homosexuellen. Richard Blanco stammt aus Kuba und ist bekennender Schwuler.

2009 hatte Obama noch den Segen konservativer Pfarrer gesucht, um seinen Willen zur Versöhnung der politischen Lager zu unterstreichen. Er bat Megachurch-Prediger Rick Warren darum, bei der Inauguration 2009 den Segen zu sprechen, der in den USA bei keiner wichtigen Zeremonie fehlen darf. Und er hielt trotz des Protests der „Gay Community“, die sich an Warrens scharfer Ablehnung der Homo-Ehe störte, an ihm fest.

Diesmal behalten Lesben und Schwule die Oberhand. Die Organisatoren hatten zunächst Louie Giglio, einen Pfarrer aus Atlanta, ausgewählt und das damit begründet, dass er tausende Studenten motiviert habe, sich gegen den Menschenhandel zu engagieren. Doch dann förderten Aktivisten eine 15 Jahre alte Predigt Giglios gegen die Homo-Ehe zutage – und Giglio gab den Auftrag zurück. Darin spiegelt sich das Umdenken sowohl der Gesellschaft als auch des Präsidenten. 2006 akzeptierten 36 Prozent die Homo-Ehe, heute sind es 53 Prozent. Obama betrachtete sie vor seinem ersten Amtsantritt skeptisch. Im Wahlkampf 2012 sprach er sich offen für sie aus.

Als Ersatz für Giglio wurde eine im Wortsinn nahe liegende Wahl getroffen. Der Pfarrer der St. Johns Kirche, die dem Nordeingang des Weißen Hauses gegenüberliegt, wird nun die Segensworte sprechen. Bei ihm beginnen die Obamas den Inaugurationstag mit einer Morgenandacht, wie so viele Präsidentenfamilien vor ihnen. Und, welch ein Zufall: Auch Luis Leon ist Latino.

Die Republikaner könnten Obama vier schwierige Jahre bereiten

Vorbereitungen in Washington DC. Der Präsident ist schon jetzt überall zu sehen - hier auf T-Shirts.
Vorbereitungen in Washington DC. Der Präsident ist schon jetzt überall zu sehen - hier auf T-Shirts.

© AFP

Gegen 11 Uhr Ortszeit machen die Obamas sich dann auf den Weg zum Capitol. Das Parlament ist Gastgeber der Inauguration. Sie wird als Volksfest der Demokratie begangen: unter freiem Himmel vor den Augen der Bürger. In pathetischer Überhöhung feiert Amerika seine lange Tradition des friedlichen Machtwechsels und seine Fähigkeit zur permanenten Erneuerung. Der erste Präsident George Washington war ein Heerführer, der den Unabhängigkeitskrieg gewonnen hatte. Niemand hätte ihn hindern können, wenn er als Militärdiktator an der Macht geblieben wäre. Doch er unterwarf sich dem zivilen Souverän und trat nach zwei Amtszeiten ab – freiwillig. Auch diesmal werden die Redner den Sieg „of the ballot over the bullet“ feiern, den Triumph des Stimmzettels über die Gewehrkugeln.

Möglichst viele ethnische und religiöse Gruppen sollen sich vertreten fühlen. Begrüßen darf um 11 Uhr 30 Charles Schumer, ein jüdischer Senator. Die Anrufung Gottes spricht Myrlie Evers-Williams, die Witwe eines ermordeten schwarzen Bürgerrechtlers. Die Nationalhymne singt Beyonce, die Afrikaner, Indianer, Franzosen und Iren zu ihren Vorfahren zählt. Mit einer Rede setzt Obama dann den Ton und die geplanten Schwerpunkte für die neue Amtszeit.

Nach einem Mittagessen mit den Abgeordneten und Senatoren beginnt die Parade mit dem Präsidenten an der Spitze. Sie begleitet ihn über die Pennsylvania Avenue zum Weißen Haus zurück. Dort nimmt er den Vorbeimarsch von Abordnungen aus allen 50 Bundesstaaten von einer eigens dafür errichteten Tribüne ab.

Der politische Streit soll in den Tagen um die Inauguration schweigen. Die USA beschwören ihre Ideale. So will es die Tradition. Die Obamas haben den Samstag, der mit dem Martin Luther King Day zusammenfällt, zu einem „Day of Service“ ausgerufen und bitten die Bürger, einen ehrenamtlichen Dienst zu leisten. Die Feiern enden am Dienstag mit einem Gottesdienst in der National Cathedral, bei dem Demokraten und Republikaner einträchtig nebeneinander sitzen.

Allerdings ist die politische Spaltung Amerikas inzwischen so tief, dass nicht alle den Aufruf zum vorübergehenden Frieden honorieren. Die Waffenlobby hat den Samstag zum „Gun Appreciation Day“ erklärt, an dem die Bürger ihre Wertschätzung für Waffen demonstrieren sollen. Nach den Feiern wird der Streit um Steuern und Schulden den Präsidenten rasch in die Wirklichkeit zurückholen. Wenn Obama und die Republikaner sich nicht sehr bemühen, könnte es eine ziemlich ruppige zweite Amtszeit werden.

Zur Startseite