Studie der Techniker Krankenkasse : Demenzkranke werden oft nur ruhiggestellt

Falsch behandelt: Demenzkranke werden hierzulande oft nur ruhiggestellt. Lediglich 14 Prozent erhalten Medikamente, die den Krankheitsverlauf abbremsen.

Wer bin ich? Demenz ist nicht heilbar, allerdings lässt sich das Fortschreiten der Krankheit verzögern.
Wer bin ich? Demenz ist nicht heilbar, allerdings lässt sich das Fortschreiten der Krankheit verzögern.Foto: Daniel Karmann/dpa

Die meisten Patienten mit Alzheimer-Demenz werden in Deutschland entweder falsch oder gar nicht behandelt. Das ist das beunruhigende Ergebnis einer Studie der Techniker Krankenkasse (TK), die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Nur 14 Prozent der Betroffenen bekommen demnach Medikamente, die das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Mehr als jeder vierte Demenzpatient dagegen erhält ausschließlich Beruhigungsmittel. Und 51 Prozent werden medikamentös überhaupt nicht versorgt.

Jedes siebte Beruhigungsmittel geht an Demenzkranke

Anhand von Routinedaten habe man ermittelt, dass Alzheimer-Dementen vorrangig mit Beruhigungsmitteln wie Neuroleptika und Benzodiazepine therapiert würden, sagte Vorstandschef Jens Baas. Er nannte das eine „flächendeckende Fehlversorgung“. 26 Prozent der Demenzkranken erhielten ausschließlich ein Antipsychotikum, neun Prozent bekämen es zusätzlich zu einem Arzneimittel gegen Demenz. Von allen verschriebenen Beruhigungsmitteln lande hierzulande jedes siebte bei einem Demenzpatienten.

Es liege „der Verdacht nahe, dass demente Menschen einfach ruhiggestellt werden, statt sie richtig zu behandeln“, empörte sich der Bremer Pharmakologe Gerd Glaeske. Offenbar gehe es den Heimen vorrangig um verringerte Pflegezeiten. „Sauber, satt und ruhig“ scheine im Umgang mit Demenz eine wesentliche Rolle zu spielen.

Schaden ist größer als der Nutzen

„Ich halte das für Gewalt gegenüber älteren Menschen“, sagte der Arzneiexperte. Schließlich eigneten sich Neuroleptika nicht zur Dauerbehandlung, sondern nur zum kurzfristigen Verhindern von Eigen- oder Fremdgefährdung. Und man wisse seit langem, dass der Schaden solcher Medikamente für Demenzkranke größer sei als der Nutzen. Das Risiko eines vorzeitigen Todes liege um das 1,7fache über dem von Patienten, die keine derartigen Mittel erhielten.

Interessanterweise ist die Fehlversorgung in Westdeutschland deutlich ausgeprägter als im Osten der Republik, wie der Innovationsreport der Techniker Krankenkasse belegt. Am häufigsten gehen Beruhigungsmittel demnach an Demenzkranke in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen (je 42 Prozent) und Bayern (39). Am seltensten werden Patienten damit in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern therapiert (jeweils 31 Prozent).

Patientenschützer: Ärzten und Heimen fehlt es an Schuldbewusstsein

Umgekehrt erhalten Betroffene weit öfter echte Demenz-Medikamente in Sachsen (33 Prozent), Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern (je 30 Prozent) als in Bremen (17 Prozent), Hamburg (19 Prozent) und Schleswig-Holstein (20 Prozent). Gründe für das unterschiedliche Verschreibungsverhalten der Ärzte vermochten die Experten nicht zu nennen.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz nannte die Befunde erschreckend - und kritisierte vor allem die Pflegeheime. Studien zufolge seien sind dort mehr als 200.000 Demenzkranke von Ruhigstellungen betroffen, sagte Vorstand Eugen Brysch. Und bei alledem fehle es Ärzten und Pflegekräften an Schuldbewusstsein. "Demenzkranke haben ein Recht darauf, ihrer Diagnose entsprechende Medikamente zu erhalten und nicht nur ruhigstellende Mittel."

Pharmahersteller ziehen sich aus der Forschung zurück

Allerdings können auch die sogenannten Antidementiva die Erkrankung nicht heilen, sondern nur herauszögern. Alarm schlugen die Experten daher noch in anderer Hinsicht: Die Therapie der Alzheimer-Demenz sei „ein typisches Beispiel für eine Erkrankung, aus der sich die Industrie fast vollständig zurückgezogen habe“. Das Problem scheint dem der Erforschung von neuen Antibiotika zu ähneln, die wegen der zunehmenden Resistenzen ebenfalls dringend benötigt werden. Auch hier engagieren sich die Pharmahersteller wegen des hohen Aufwandes nur sehr verhalten.

Pfizer habe die Erforschung wirksamer Mittel gegen Demenz nach langen Aktivitäten dieses Jahr beendet, berichtete Glaeske. Der Grund: zu viele Rückschläge. Eli Lilly habe wegen fehlender Erfolge ebenfalls aufgegeben, an seinem Wirkstoff Solanezumab weiterzuforschen. Und auch bei anderen Unternehmen häuften sich die Misserfolge. 99 Prozent aller Studien zwischen 2002 und 2012 verliefen negativ. Einzig das Unternehmen Biogen forsche noch an seinem erfolgversprechenden Wirkstoff Aducanumab.

In zwölf Jahren viermal so viele Erkrankte

Angesichts des steigenden Bedarfs seien die Rückzieher der Pharmaindustrie erstaunlich, sagte der Arzneiexperte. Derzeit sind hierzulande rund 1,2 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Weltweit sind es 15 Millionen, vor allem in Ländern mit längerer Lebenserwartung wie in Europa, Japan, China, den USA und Kanada. Und Prognosen zufolge wird sich ihre Zahl wegen der steigenden Lebenserwartung bis 2030 vervierfachen – auf 75 Millionen Menschen.

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