Verlauf von Seuchen und Pandemien : Die Angst vor der zweiten Welle

Die Corona-Pandemie sei längst noch nicht vorbei, warnen Virologen. Ein Wiederaufflammen kann sogar verheerender sein. Das zeigt etwa Singapur.

Corona-Test bei einem Wanderarbeiter in Singapur
Corona-Test bei einem Wanderarbeiter in SingapurFoto: AFP/Roslan Rahman

Im Zusammenhang mit der Bekämpfung des neuartigen Coronavirus wird derzeit oft vor einer „zweiten Welle“ von Infektionen und Erkrankungen gewarnt. Dazu muss man wissen, dass Epidemien insgesamt, aber vor allem regional, in mehreren Wellen verlaufen können.

Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde dies Ende des 19. Jahrhunderts, und es hat sich seither mehrfach wiederholt, aber in unterschiedlichen Ausmaßen und Formen. Verschiedenste Faktoren können hierfür eine Rolle spielen. Einer sind saisonale Veränderungen. So kann eine Epidemie in Regionen der gemäßigten Klimazonen im Sommer abebben, im Herbst und Winter aber wieder aufflammen.

Verantwortlich gemacht wird dafür unter anderem, dass sich im Sommer Menschen weniger eng in Gebäuden zusammen aufhalten und dass erhöhte UV- Strahlung Viren eher zerstört. Auch eine Rolle des mithilfe von Sonnenlicht in der Haut dann mehr gebildeten Vitamins D, das Funktionen für die Immunabwehr hat, wird hier diskutiert.

Für frühere mehrwellige Epidemien und Pandemien wurden wiederholt auch Mutationen der Erreger verantwortlich gemacht, die diesen infektiöser gemacht hätten oder ihn schwerere Symptome auslösen ließen. Wissenschaftliche Nachweise sind dafür allerdings sehr begrenzt.

Selbst bei der zweiten, die meisten Todesopfer fordernden Welle der Spanischen Grippe in den Vereinigten Staaten im Herbst 1918 sind Fachleute sich nicht einig, ob solche genetischen Veränderungen das Virus gefährlicher machten oder ob andere Faktoren eine wichtigere Rolle spielten.

Insofern ist es schwierig einzuschätzen, ob man aus der Vergangenheit etwas über den Verlauf der Corona-Pandemie lernen kann. Vielfältige Faktoren spielen eine Rolle – sowohl für das Verhalten eines Erregers als auch für das daraus resultierende epidemische Geschehen.

Zu ihnen gehören jene möglichen genetischen Veränderungen des Virus, die Immunsituation in der Bevölkerung, soziale Verhältnisse und Kontakthäufigkeiten von Personen (die Schützengräben und Truppentransporte des Ersten Weltkriegs etwa beförderten die Ausbreitung des Virus extrem), die Ausstattung des Gesundheitssystems, die Bereitschaft und Fähigkeit von Verwaltungen, einschneidende Maßnahmen anzuordnen, psychologische Aspekte, die die Umsetzung von Regeln beeinflussen, das regionale Klima, Bildung und Einsichtsfähigkeit in der Bevölkerung und vieles mehr.

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Einer der renommiertesten Pandemiexperten weltweit, Jeffery Taubenberger von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA, hat es einmal so formuliert: „Ich denke, jede Pandemie ist völlig anders, sie tritt auf andere Weise auf. Ihre Genetik wird unterschiedlich sein und die Immunität der Bevölkerung nach Alter wird unterschiedlich sein, je nachdem, um welches Virus es sich handelt.“ Bei einer neuen Pandemie davon auszugehen, sie werde sich beispielsweise wie die Spanische Grippe von 1918/19 verhalten, sei deshalb in hohem Maße problematisch.

Die Auswirkungen von saisonalen Effekten sind bei Sars-CoV-2 noch unbekannt

Die derzeitigen Warnungen vor einer zweiten Welle in Deutschland, aber auch in anderen Staaten wie etwa Italien, beziehen sich nicht auf die Angst vor einem durch Mutation gefährlicher werdenden Virus, obwohl diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist. Ihnen liegt vor allem die Befürchtung zugrunde, dass Lockerungen der Infektionsvermeidungsmaßnahmen und ein allgemein sich lockernder Umgang mit Hygiene- und Abstandsregeln durch Einzelne wieder zu mehr Ansteckungen und Erkrankungen führen wird – was eine erneute exponentielle Zunahme nach sich ziehen und das Gesundheitssystem letztlich dann doch überlasten könnte. Diese Befürchtungen sind sehr plausibel und von Modellrechnungen gestützt.

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Zu den Faktoren, die dies verhindern oder zumindest abmildern könnten, zählt tatsächlich jener saisonale Effekt, dessen Ausmaß bei Sars-CoV-2 aber noch unbekannt ist. Zudem erhofft man sich von den anfangs geschmähten und als nutzlos bezeichneten Mund-Nase-Schutzmasken, dass – wenn alle oder fast alle sie im öffentlichen Personennahverkehr, beim Einkaufen oder in anderen Situationen, in denen sie fremden Menschen nahe kommen können – Übertragungen drastisch unwahrscheinlicher werden könnten als ohne.

Anzeichen für das Auftreten einer zweiten Welle von Sars-CoV-2 gibt es vielerorts bereits, etwa in Harbin im Norden Chinas. In der Zehn-Millionen-Stadt gab es es in den vergangenen Tagen zahlreiche Neuinfektionen.

Und gerade in jenem Stadtstaat, der es mit am besten geschafft hat, den ersten Ausbruch einzudämmen, Singapur, ist eine zweite Welle bereits aufgetreten. Verantwortlich gemacht werden enge und hygienisch nicht ausreichende Bedingungen in den Wohnstätten und Verpflegungseinrichtungen von Wanderarbeitern.

Dieser zweite Ausbruch gerade in Singapur muss auch deshalb eine besondere Warnung sein, weil es weltweit seit Jahrzehnten keinen zweiten Staat gibt, der restriktiver, konsequenter und erfolgreicher Maßnahmen zum öffentlichen Gesundheitsschutz umsetzt und dem es auf diese Weise gelungen ist, andere gefährliche Infektionskrankheiten wie Dengue und Malaria nachhaltig von seiner Bevölkerung fernzuhalten.

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