1:1 im Test gegen Serbien : Ein kleiner Anfang für Joachim Löw

Bundestrainer Löw hat neun Monate nach dem WM-Debakel doch noch den Neubeginn gewagt. Das Remis gegen Serbien verschafft ihm erst mal Luft. Ein Kommentar.

Bundestrainer Joachim Löw
Bundestrainer Joachim LöwFoto: dpa/Swen Pförtner

Der Abend in Wolfsburg endete dann doch noch mit einem kleinen Erfolgserlebnis. Mitten hinein in die finalen und immer noch ernst gemeinten Bemühungen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft um den Sieg meldete sich der Stadionsprecher zu Wort. Die Arena sei ausverkauft, verkündete er. Ausverkauft – das ist bei Länderspielen schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr.

Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Arena in Wolfsburg schon mit etwas mehr als 26.000 Menschen voll besetzt ist – und dass es noch vor ein paar Jahren unter der Würde der Nationalmannschaft gewesen wäre, überhaupt ein Länderspiel in einem Stadion mit derart geringer Kapazität auszutragen. Unter 40.000 hat sie es gar nicht erst gemacht. Aber die Zeiten haben sich geändert. In jeder Hinsicht.

Nach der Enttäuschung bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer muss die Nationalmannschaft erst einmal wieder klein anfangen. Auch sportlich. Das 1:1 gegen Serbien am Mittwochabend war in dieser Hinsicht zumindest ein kleiner Anfang. Der Gesamteindruck fiel wie das Ergebnis aus: unentschieden.

Neue Zeitrechnung mit Verzögerung

Ja, die Deutschen hätte es wesentlich schlimmer treffen können, wenn die – ebenfalls neu formierte – Mannschaft der Serben ihre Chancen in der ersten Halbzeit konsequent genutzt und zur Pause 2:0 oder gar 3:0 geführt hätten. Und ebenfalls ja: In der zweiten Hälfte hätten die Deutschen das Spiel auch locker gewinnen können. „Mit der zweiten Halbzeit war ich absolut zufrieden“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. „Was die Mentalität betrifft, war das ein sehr gutes und deutliches Signal.“

Dieses Signal hat nicht nur die Mannschaft gebraucht, sondern auch der Bundestrainer, der nach dem WM-Debakel und dem Abstieg in der Nations League noch viel verlorenes Vertrauen zurückgewinnen muss. Vor dem Test gegen Serbien, dem ersten Länderspiel des neuen Jahres, hat Löw von einem Neuanfang gesprochen, von einer neuen Zeitrechnung. Erst jetzt, mit neun Monaten Verspätung, hat er wichtige Personalentscheidungen getroffen, die er unmittelbar nach dem Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft noch glaubte aussitzen zu können. Ohne Erfahrung geht es nicht, hat Löw im Sommer und Herbst des vergangenen Jahres immer wieder gesagt. Wir brauchen jugendlichen Elan, verkündet er jetzt.

In der ersten Halbzeit stand gegen die Serben viel Jugend auf dem Platz – von Elan aber war wenig zu sehen. Der kam erst in die deutsche Offensive, als nach der Pause Marco Reus mitwirken durfte. Kein Feldspieler in Löws aktuellem Kader ist älter als der Dortmunder. Ende Mai wird Reus 30, er gehört also derselben Generation an wie Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller, die der Bundestrainer nicht mehr für die Nationalmannschaft berufen wird.

Irgendwie passt das zum Wirken von Joachim Löw in den vergangenen Monaten: An dem Abend, an dem er sich so konsequent wie lange nicht zur Jugend bekennt, braucht er am Ende einen 29-Jährigen, der ihn vor dem Schlimmsten bewahrt.

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