Ach! Der ist auch noch da? : Der fast vergessene Nationalspieler Julian Draxler

Julian Draxler hatte vor zwei Jahren beim Confed-Cup seinen großen Auftritt. Seitdem sind andere an ihm vorbeigezogen. Hat er eine Zukunft im DFB-Team?

Der Mann im Hintergrund. Julian Draxler (2. von links) spielt in der Nationalmannschaft schon lange keine Führungsrolle mehr.
Der Mann im Hintergrund. Julian Draxler (2. von links) spielt in der Nationalmannschaft schon lange keine Führungsrolle mehr.Foto: dpa

Julian Draxler hat in seiner Karriere auf vielen verschiedenen Positionen gespielt. Er ist auf dem Flügel, links wie rechts, aufgelaufen, hat sich als Zehner probieren dürfen und auch als sogenannte Neuneinhalb. In den vergangenen Wochen aber, in der halbwegs fußballfreien Zeit, hat Draxler wieder einmal die Rolle gespielt, in der er sich möglicherweise am liebsten sieht: in der des Staatsmannes, der über den Dingen steht.

Draxler hat als Botschafter für Unicef ein Flüchtlingslager in Jordanien besucht, dazu rief er per sozialen Medien zur Teilnahme an der Europawahl auf. In seinem rechten Auge trug er dabei eine Kontaktlinse mit dem Sternenkranz der Europafahne, im linken die Farben Schwarz, Rot und Gold.

Allzu viel Aufmerksamkeit haben seine Aktionen nicht hervorgerufen, aber das ist für Julian Draxler inzwischen keine ganz neue Erfahrung mehr. Seit anderthalb Jahren ist er beim französischen Spitzenklub Paris St. Germain angestellt, in Deutschland aber ist das öffentliche Interesse an seinem Werdegang überschaubar geworden. Die Ausschläge nach oben und nach unten werden zwar registriert, der graue Alltag eher nicht.

Ach, den gibt es auch noch. Vielleicht haben das einige gedacht, als sie den Namen Draxler im Kader für die beiden anstehenden Länderspiele entdeckt haben. Es ist das erste Mal seit Oktober, dass der Offensivspieler aus Paris wieder dabei ist. Bei seiner letzten Nominierung im Herbst war Bundestrainer Joachim Löw noch krampfhaft darum bemüht, die glorreiche Vergangenheit der Nationalmannschaft so weit wie möglich in die Zukunft hinüberzuretten.

Seitdem ist viel passiert. Neue, frische Kräfte haben sich in den Vordergrund gespielt und die alten Helden verdrängt. Den jüngsten 3:2-Erfolg in Holland zum Start der EM-Qualifikation hat Draxler als „Riesenschritt nach vorne“ empfunden. Verfolgt hat er das Spiel zu Hause vor dem Fernseher.

Draxler selbst ist seit einiger Zeit nur noch in Trippelschritten unterwegs. Sollte er an diesem Samstag in Borissow gegen Weißrussland (20.45 Uhr, live bei RTL) zum Einsatz kommen, wäre es sein 50. Länderspiel. Das ist eine stattliche Marke für einen immer noch erst 25-Jährigen. Es sagt aber mehr über sein Standing in der Vergangenheit als über seine Perspektive für die Zukunft.

Draxler war schon früh mit hohem Tempo unterwegs: Mit 18 gehörte er 2012 zum vorläufigen EM-Aufgebot, mit 20 wurde er Weltmeister – und wenige Wochen zuvor hatte er die Nationalmannschaft beim Testspiel gegen Polen sogar als Kapitän aufs Feld geführt. Mit 20 Jahren und 265 Tagen ist er damit der jüngste Kapitän in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes.

"Ich bin immer noch jung", sagt Draxler

„Ich bin immer noch jung“, sagt Draxler. „Ich bin auch noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angekommen.“ Das Problem ist: Man hat das Gefühl, dass Draxler schon mal wesentlich höher geklettert war – und das liegt vor allem an seiner Rolle beim Confed-Cup vor zwei Jahren. Joachim Löw setzte damals auf eine bessere B-Nationalmannschaft, ergänzt um einige vielversprechende Talente, der nicht allzu viel zugetraut wurde. Zum Kapitän der Truppe ernannte er Julian Draxler.

In vielen Fällen ist die Beförderung in dieses Amt vor allem als Belohnung für frühere Verdienste gedacht. In Draxlers Fall war es eher eine psychologische Maßnahme, mit der ihn der Bundestrainer zu einer größeren Ernsthaftigkeit motivieren und sein Verantwortungsgefühl für das große Ganze befördern wollte. Am Ende gewann die Mannschaft den Confed-Cup, und Draxler wurde als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet.

Die Führungsrolle kann Julian Draxler immer noch spielen – neben dem Platz. In dieser Woche saß er mit seinem Pariser Teamkollegen Thilo Kehrer in Venlo auf dem Pressepodium. Wie weit die Nationalmannschaft in ihrem Umbruch schon sei, wurden beide gefragt. Kehrer nickte kurz mit dem Kopf in seine Richtung, und dann übernahm der frühere Confed-Cup-Kapitän die Antwort.

Vor einem Jahr hat Draxler gesagt, dass er sich bei der WM eine Führungsrolle erarbeiten wolle, „das ist ein Ziel von mir“. In Russland schwamm er dann aber nur ein bisschen mit, so wie die meisten anderen auch: Bei der Auftaktniederlage gegen Mexiko stand Draxler in der Startelf, er begann auch gegen Schweden, wurde aber schon zur Pause ausgewechselt – und kam nicht mehr zurück.

Er ist fast ein bisschen in Vergessenheit geraten

Als Nationalspieler ist Julian Draxler fast ein bisschen in Vergessenheit geraten. Andere Spieler sind an ihm vorbeigezogen, sowohl auf den offensiven Außenbahnen als auch im zentralen Mittelfeld. Nur in drei der bisher acht Länderspiele seit der WM durfte Draxler mitwirken, von 720 möglichen Spielminuten stand er 94 auf dem Platz. Langsam gerät er in den Verdacht, als ein weiteres ewiges Talent in die Geschichte des deutschen Fußballs einzugehen.

Für die französische Zeitung „Le Parisien“ ist Draxler „ein Spieler, der sich auf dem Platz versteckt“. Er vermeide jedes Risiko, verlangsame das Spiel, dazu mangle es ihm an Initiative und Kreativität, schrieb das Blatt über seine Leistungen in der abgelaufenen Saison. Und obwohl sein Vertrag in Paris noch bis 2021 läuft, wird er hartnäckig als möglicher Verkaufskandidat für diesen Sommer gehandelt.

Bei der Nationalmannschaft drängen jetzt viele neue junge Spieler in den Vordergrund, die interne Struktur verändert sich und damit auch die Hierarchie des Teams. Julian Draxler aber ist eine Konstante: Er befindet sich immer noch an der Schwelle zwischen Stammelf und Ersatzbank. „Ich bin weit davon entfernt zu sagen: Ich muss jetzt hier die komplette Verantwortung übernehmen“, sagt er. Die Öffentlichkeit ist inzwischen auch weit davon entfernt, das von Julian Draxler zu erwarten.

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