• Der Mauerfall von Hohenschönhausen: Wie die Eisbären Berlin den ersten DEL-Titel holten

Der Mauerfall von Hohenschönhausen : Wie die Eisbären Berlin den ersten DEL-Titel holten

Vor 15 Jahren wurden die Eisbären Berlin erstmals Deutscher Eishockey-Meister – der Titelgewinn veränderte den Klub nachhaltig.

Meisterjubel. Vor 15 Jahren holten die Eisbären Berlin ihren ersten DEL-Titel.
Meisterjubel. Vor 15 Jahren holten die Eisbären Berlin ihren ersten DEL-Titel.Foto: Imago

Ricard Persson stand schon Sekunden vor der Schlusssirene mit den Schlittschuhen auf der Bande. Auch einige Mannschaftskollegen des sonst eher ruhigen Zeitgenossen aus Schweden vollführten erstaunliche Balanceakte an der Umrandung des Eishockeyspielfeldes. Es wirkte so, als sollten die Spieler jeden Moment auf die Eisfläche kippen.

Auf der schoben sich die restlichen Profis der Eisbären den Puck nur noch hin und her, Gegner Mannheim hatte resigniert. Der Wellblechpalast bebte. Offiziell 5000 Menschen krakeelten und klatschten. In Wirklichkeit waren es weit mehr, die den Klang der Schlusssirene niederbrüllten. Die Auswechselbank der Eisbären leerte sich im Rekordtempo. Spieler, Betreuer, Trainer stürmten aufs Eis, auch Gleichgewichtskünstler Persson fiel nicht auf die Nase. Endlich! Deutscher Meister!

Vor 15 Jahren haben die Berliner mit dem 4:1 im dritten Finalspiel gegen die Adler Mannheim ihre eigene Geschichte besiegt. Oder, wie Co-Trainer Hartmut Nickel, Urgestein aus Hohenschönhausen, damals im Jubel rief, „es als alte rote Socken endlich ganz nach oben geschafft“. Der 19. April 2005 war die Wende für die Eisbären, war ihr Mauerfall, der sie nachhaltig verändern sollte – vom Ostberliner Kiezklub mit DDR-Geschichte zum Hochglanzprodukt des deutschen Eishockeys.

Das mit Nickels roten Socken war natürlich weder bierernst gemeint noch ganz richtig, der Erfolg des einstigen SC Dynamo war weniger Resultat harter Arbeit alteingesessener Hohenschönhausener als das Werk des neuen Mäzens des Klubs: Philip Anschutz, Milliardär aus Denver im US-Staat Colorado und globaler Riese aus der Sport- und Unterhaltungsbranche.

Anschutz hatte die Eisbären nicht nur so lieb gewonnen, dass er sie finanziell aufpäppelte, sondern hatte große Pläne in Berlin. Er wollte um den Klub herum eine Halle und später ein halbes Stadtviertel im Bezirk Friedrichshain errichten.

Unter Pierre Pagé scheiterten die Eisbären lange auf hohem Niveau

Aber der Mercedes-Platz war im April 2005 noch weit weg. Da freuten sich in rustikaler Umgebung im Sportforum „unsere wahnsinnig verrückten Fans mit uns über den Titel“, erinnert sich Sven Felski, der Junge aus Hohenschönhausen, der als reifer Mann mit 30 Jahren endlich seinen ersten Titel als Profi feiern konnte mit den Anhängern, von denen viele nicht in die viel zu kleine Halle passten. Vor der betagten Arena im Sportforum war gewaltig viel los. „Da bin ich später samt Pokal raus“, sagt Felski, „2000 Leute warteten da, es war unfassbar schön“.

Es war das gute sportliche Ende im Märchen vom mutigen Kiezklub aus dem Osten, der zuvor zwar schon gut mitspielen konnte im gesamtdeutschem Eishockey, aber am Ende der Saison immer verlor, wenn es drauf ankam. Schon 1998 kamen die Eisbären bis in Finale und scheiterten dort an Mannheim.

Nach Jahren der Stagnation kam der Neuanfang unter dem Kanadier Pierre Pagé, ein renommierter Trainer, der Anfang 2002 die Mannschaft mit vielen Ideen und frischem Geist übernahm. Aber auch Pagé brachte sie zunächst nur in Nähe des Titels. Die Eisbären verloren mit Pagé in den Play-offs im Viertelfinale (2002), Halbfinale (2003) und im Finale (2004).

Pagé schien das Scheitern auf hohem Niveau zu kultivieren, zumal er mit den Niederlagen wenig umgehen konnte. 2003 verschwand er nach der entscheidenden Halbfinalniederlage in Krefeld nach Spielschluss, flog allein nach Berlin und verschanzte sich im Frust zwei Tage in einem Hotel am Flughafen Tegel. „Ich kam mir vor, als müsste ich Elefanten anschieben“, sagte er später.

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Im Jahr drauf wiederholte sich die Geschichte für die Eisbären im Finale, diesmal in Frankfurt und wieder in Spiel vier, der seinerzeit noch nach dem Modus „Best of five“ ausgespielten Finalserie. Und der Trainer mit dem Hang zum Extrovertierten floh nicht mehr, sondern machte eine Kampfansage: „Ich werde in Berlin noch einen oder auch mehr Titel holen, das steht außer Frage.“ Ein Jahr später war es dann tatsächlich soweit. Was lief in der Saison 2004/2005 anders als in den Jahren zuvor?

Der Kanadier, seit Jahren in Kitzbühel ansässig, erinnert sich: „Wir hatten ja versprochen, dass wir den Titel holen würden und hatten alles getan für diesen speziellen Moment. Wir hatten mit starken ausländischen Profis und guten jungen deutschen Spielern eine Mannschaft aufgebaut, die immer stärker geworden war. Und vor allem stimmte nun die Mentalität, der Geist in der Mannschaft.“ Eine weitere Zutat gab es allerdings noch. Peter John Lee, damals Manager, heute Geschäftsführer im Klub, und Pagé baten im Frühjahr bei Philip Anschutz um Geld für Verstärkungen.

Der Eigner sagte laut Pagé zwar: „Woher soll ich wissen, dass ihr mit meinem Geld gut umgeht?“ Er gab dann aber so viel, dass die Berliner ihr Profiteam noch im Februar, also vor den Play-offs, kräftig aufrüsten konnten. Aus der seinerzeit wegen eines Arbeitsstreits ruhenden National Hockey-League (NHL) kamen drei starke Profis nach Berlin: Nationaltorhüter Olaf Kölzig, das US-amerikanische Riesentalent Erik Cole und der gestandene kanadische Verteidiger Nathan Dempsey. Kölzig verletzte sich zwar noch vor dem Finale, aber Cole wurde zum besten Spieler der Eisbären – trotz einer vier Spiele langen Sperre während der Play-offs.

Ohne Pagé wären die Eisbären nicht so eine große Nummer geworden

Bei den Spielern war Pagé trotz des Erfolges nicht unumstritten. Mitunter hatte der schnell aufbrausende Trainer schon rustikale Ideen. Der Frust entlud sich schon mal in der Kabine, Pagé warf mit Mülleimern und wurde im Gegenzug auch von den Spielern geärgert. Aber Reibung belebte das Geschäft.

Es ist klar, dass die Eisbären ohne Pagé nicht eine so große Nummer geworden wären, das sieht auch Sven Felski, heute Präsident des Stammvereins, rückblickend so. „Absolut“, sagt Felski. „Der Pierre Pagé hat einen Drei-Jahres-Plan gehabt und eine neue Struktur erarbeitet. Das war schon einmalig gut.“

2005 war der Beginn einer Titelsammlung , die Pagé 2006 mit der zweiten Meisterschaft in Berlin fortführte und die sein Nachfolger Don Jackson von 2008 bis 2013 mit fünf Titeln dann gigantisch ausbaute. Seitdem ist die Erfolgsserie der Eisbären vorbei, ihr guter Ruf hat aber kaum gelitten.

Vater des Erfolgs. Pierre Pagé war damals Eisbären-Trainer.
Vater des Erfolgs. Pierre Pagé war damals Eisbären-Trainer.Foto: Imago

Nach dem Umzug in die Riesenarena am Ostbahnhof im Jahr 2008 sind sie einer der populärsten Klubs im europäischen Eishockey, nur die Kölner Haie hatten in der zurückliegenden und wegen der Coronavirus-Pandemie abgebrochenen Saison der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) mehr Zuschauer. Für die Eisbären war das bitter, nach guter Hauptrunde waren sie ihrem achten Titel in dieser Saison gefühlt schon näher als in so manchen Jahren davor.

Am Morgen nach dem Finale vom 19. April 2005 landete übrigens in der Geschäftsstelle der Eisbären ein Glückwunschscheiben aus den USA, Absender war Philip Anschutz, Adressaten Trainer Pagé und Lee und der damalige Geschäftsführer Detlef Kornett.

Auf dem Fax, das dem Tagesspiegel vorliegt, stand: „Ihr habt gesagt, ihr könntet die Meisterschaft gewinnen, wenn wir euch noch ein bisschen Geld dazu geben würden. Und Ihr habt es geschafft! Es könnte keinen besseren Zeitpunkt für unser Projekt geben und wahrscheinlich war das nun der Anschubser, den wir brauchen, um damit oben anzukommen.“

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Oben anzukommen bei der Politik, der Berliner Öffentlichkeit und Investoren – meinte Anschutz wohl. Es klappte, drei Jahre später stand die Arena am Ostbahnhof. Bis heute ist um sie herum ein Stadtviertel gewachsen, das so gar nichts mit der Umgebung der einstigen Spiel- und heutigen Trainingsstätte der Eisbären in Hohenschönhausen zu tun hat. Aber trotzdem oder auch deswegen ist es eine schöne Geschichte.

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