Die Krise des deutschen Fußballs : Mehr Cruyff, weniger Stammtisch

Dietrich Schulze-Marmeling, einer der produktivsten Fußballautoren des Landes, seziert die deutsche Krise frei von Hysterie. Eine Buchbesprechung.

Kurz vor zwölf. Reinhard Grindel und Joachim Löw standen oft im Krisenfokus.
Kurz vor zwölf. Reinhard Grindel und Joachim Löw standen oft im Krisenfokus.Foto: Imago/Zink

Die Krise hat gerade wieder Hochkonjunktur. Vor allem im deutschen Fußball. Die Bundesligaklubs in der Champions League? Einfach nur peinlich! Die Nationalmannschaft? Nur noch zweitklassig! Und Bundestrainer Joachim Löw? Immer schon überschätzt. Angesichts der düsteren Stimmung mag es auf den ersten Blick so aussehen, als wollte Dietrich Schulze-Marmeling mit seinem Buch „Ausgespielt? Die Krise des deutschen Fußballs“ einfach mal auf der Welle der Empörung mitsurfen. Doch nichts wäre falscher als diese Annahme. Schulze-Marmeling, einer der produktivsten Fußballautoren des Landes, seziert die Krise frei von Hysterie, allein den Fakten verpflichtet.

„Fußball bietet ein ideales Spielfeld für eine aufgewühlte und aus der Hüfte schießende Gesellschaft“, schreibt er. Sein Buch bezeichnet er explizit als Versuch, „gegen den Populismus, das Wutbürgertum und die Hysterie“ anzuschreiben und „eine möglichst emotionslose Bestandsaufnahme ,deutscher Zustände’“ zu liefern.

Um es vorwegzunehmen: Es ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen. Schulze-Marmeling liefert mit „Ausgespielt?“ einen Kontrapunkt zum üblichen Stammtischgewäsch rund um den Fußball – weil er den ganzen Fußball in den Blick nimmt, die Zusammenhänge prägnant und kundig erklärt.

Einen Großteil seiner Ausführungen widmet Schulze-Marmeling der Nachwuchsausbildung im Fußball, den Versäumnissen gerade in den Zeiten der großen Erfolge, die vermutlich erst in ein paar Jahren richtig durchschlagen werden. Zu viel Taktik und zu großes Erfolgsdenken statt Technik und individueller Ausbildung – das sind die Grundprobleme im Nachwuchs. Ein bisschen mehr Johan Cruyff täte dem deutschen Fußball gut.

Schulze-Marmeling ist kein abgehobener Theoretiker. Er hat im Münsterland 15 Jahre lang vor allem Jugendfußballer trainiert. Er weiß, wie es in der Praxis aussieht, was auf und an deutschen Fußballplätzen abgeht. Die Bolzplätze auf den Dörfern sind nicht die heile Welt, als die sie gerne gemalt werden, und der Wiederaufstieg des deutschen Fußballs betrifft nicht nur die Spitze, er ist eher als Mammutprojekt zu begreifen – zumindest wenn man Dietrich Schulze-Marmeling glauben darf: „Auch der Fußball an der Basis muss sein Paradigma wechseln.“

"Ausgespielt? Die Krise des deutschen Fußballs." Von Dietrich Schulze-Marmeling. Verlag Die Werkstatt, 219 Seiten, 16,90 Euro.

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