Die Torwartfrage : Marc-André ter Stegen: Die Qual als zweite Wahl

Marc-André ter Stegen schien als deutsche Nummer eins gesetzt – bis Manuel Neuer wieder fit wurde. Nun muss er mit der Reservistenrolle leben.

Gut, besser, Manuel Neuer. Am Torhüter des FC Bayern kommt Marc-André ter Stegen (im Bild) nicht vorbei, obwohl er kaum weniger schön fliegt.
Gut, besser, Manuel Neuer. Am Torhüter des FC Bayern kommt Marc-André ter Stegen (im Bild) nicht vorbei, obwohl er kaum weniger...Foto: Leonhard Foeger/Reueters

Marc-André ter Stegen und Manuel Neuer sind sich vermutlich ähnlicher, als es viele glauben. Als Neuer im März 2010 vom Bundestrainer Joachim Löw erfahren hat, dass er bei der Weltmeisterschaft in Südafrika nur die Nummer zwei hinter René Adler sein würde, ist er in den Fitnessraum gegangen und hat Krafttraining gemacht. Marc-André ter Stegen zog es am freien Montag auch auf den Trainingsplatz. Er hat ein bisschen für sich trainiert, nachdem klar geworden war, dass er bei der WM in Russland doch wieder hinter Neuer zurücktreten wird müssen. Auf größere Freizeitaktivitäten hat die deutsche Nummer zwei anschließend verzichtet. „Dann tut's auch gut, wenn man ein bisschen Ruhe hat“, sagt ter Stegen, „wenn man ein bisschen abschalten kann.“

Am Montag hat Löw seinen WM-Kader auf die vorgeschriebene Sollgröße verkleinert. Vier Spieler musste er aus dem Trainingslager verabschieden, und am meisten wurde anschließend über Leroy Sané geredet. Das prominenteste Opfer aber ist Marc-André ter Stegen – obwohl er weiterhin Löws Aufgebot angehört. „Machen wir uns mal nichts vor“, sagt er. „Natürlich ist das eine enttäuschende Situation, wenn du die ganze Saison gespielt hast und Leistung auf höchstem Niveau versucht hast zu zeigen.“

Ter Stegen, 26, ist Torhüter des Weltklubs FC Barcelona und anerkanntermaßen einer der besten Vertreter seines Berufsstands. „Man erwartet was anderes“, sagt er. „Aber die Enttäuschung kann nicht dazu führen, dass jemand so sehr mit sich beschäftigt ist, dass er der Mannschaft nicht mehr helfen kann. Das ist nicht mein Anspruch an mich.“

Am Tag danach hat die Nationalmannschaft zum sogenannten Medientag geladen, einer Art Speeddating für Journalisten. An jedem Tisch wird ein Nationalspieler im Schatten platziert, und um ihn herum, sitzend, stehend, hockend, drängen sich die Reporter in der Mittagssonne – wenn es sich um Thomas Müller, Toni Kroos oder Mats Hummels handelt. Der Andrang beim zweiten Torhüter ist in der Regel überschaubar. An diesem Dienstag ist das anders.

"Er hat es geschafft. Dafür großen Respekt"

Ter Stegen muss sich gerade ein bisschen fühlen wie ein Marathonläufer, der ab Kilometer 30 alleine an der Spitze läuft, der bei Kilometer 40 erfährt, dass der große Favorit langsam aufholt, es aber wohl reichen dürfte – und der nach 42 Kilometern doch noch überholt wird. Knapper hätte es wirklich nicht ausgehen können. Manuel Neuer hat bei letzter Gelegenheit, am Samstag im Test gegen Österreich, seine Turniertauglichkeit nachgewiesen, sich damit einen Platz im WM-Kader gesichert und letztlich auch, wie von Löw angekündigt, die Position als Nummer eins.

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Er hat alles dafür getan, dass er wieder fit wird“, sagt ter Stegen über den sechs Jahre älteren Neuer. „Er hat es geschafft. Dafür großen Respekt.“ Zwischenzeitlich sah es nicht zwingend danach aus. Aber es war auch klar: Wenn Neuer es schafft, wird Löw ihn bei der WM auch spielen lassen. Ter Stegen wurde gleich zu Beginn des Trainingslagers von Löw über diesen Plan in Kenntnis gesetzt. „Er hat mir seine Gedanken offen gelegt. Das akzeptier’ ich, das respektier’ ich. Ich werde versuchen, im Training eine Stütze zu sein. Wenn das der Betrag ist, den ich für unser großes Ziel leisten muss, werde ich das so tun.“

Am Freitag hat Löw zu Beginn der Trainingseinheit, als die Journalisten, die Kameraleute und Fotografen noch zuschauen durften, fast schon demonstrativ lange mit ter Stegen geredet. Am Ende legt er den Arm um dessen Schulter und klatscht mit ihm ab. Später liefert der Bundestrainer eine kurze Zusammenfassung des Gesprächs. Er habe ter Stegen gesagt, wie imponierend er es finde, „mit welcher Ruhe, mit welcher Klarheit er sich nie hat beirren lassen und zu so einem sehr, sehr starken Torhüter geworden ist“.

Furchtbarer Start im DFB-Tor

Am Tag darauf erfährt Löw, dass er mit dieser Meinung nicht alleine steht. Als er nach Neuers Comeback gegen Österreich ins ZDF-Studio kommt, wird er mit dem Ergebnis einer Zuschauerumfrage konfrontiert: 56 Prozent der Befragten würden ter Stegen bei der WM spielen lassen, nur 44 Prozent Neuer. Löw reagiert patzig, es interessiere ihn nicht, was irgendwelche Leute abstimmten. Vielleicht ist er von dem Ergebnis eher irritiert als wirklich verärgert.

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Ter Stegen hat bei seinen Landsleuten keinen leichten Stand gehabt. Hinter seinen Namen wurde anfangs immer ein Sternchen gesetzt, im Kleingedruckten stand dann: Sehr guter Torhüter, kann aber leider keine Länderspiele.

In seinem Debüt gegen die Schweiz kassierte ter Stegen, damals noch Torhüter in Diensten von Borussia Mönchengladbach, fünf Gegentore. „Ich habe Fehler gemacht, über die ich im Nachhinein den Kopf schüttle“, sagt er. „Ich habe gedacht: Das kann eigentlich nicht sein.“ In seinen ersten drei Spielen kam ter Stegen auf einen Schnitt von vier Gegentoren. In den 16 Begegnungen seitdem waren es nur noch acht Treffer insgesamt. Mit ter Stegen im Tor hat die Nationalmannschaft nicht nur den Confed-Cup gewonnen, sondern sich auch souverän für die WM qualifiziert.

Am Ende wird ter Stegen noch zu seinem Kollegen Loris Karius befragt, der im Finale der Champions League mit zwei krassen Fehlern die Niederlage des FC Liverpool verschuldet hat. „Das Letzte, was er gebrauchen kann, ist Mitleid“, sagt er. Ein bisschen hört es sich so an, als würde Marc-André ter Stegen über sich selbst sprechen.

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