Doping im Behindertensport : Werden es saubere Paralympics?

In Korea werden mehr Kontrollen erwartet als in Sotschi 2014 – denn auch im Behindertensport steht Doping hoch im Kurs.

Salome Berblinger
Wer A sagt, muss auch B abgeben. In Pyeongchang soll häufiger kontrolliert werden als zuletzt.
Wer A sagt, muss auch B abgeben. In Pyeongchang soll häufiger kontrolliert werden als zuletzt.Foto: dpa

Die deutsche Hymne ertönt, die Fans jubeln. Anna Schaffelhuber streckt ihre Goldmedaille in die Höhe. Fünf dieser Momente hatte die deutsche Athletin im Para Alpine Skiing bei den Paralympischen Winterspielen 2014 in Sotschi. „Ich tue alles für diesen einen Moment bei den Paralympischen Spielen. Doping soll mir meinen Moment 2018 nicht stehlen. Denn ich opfere viel für meinen Sport“, sagt Anna Schaffelhuber in einem Video der #MyMoment-Kampagne der Nationalen Doping-Agentur (NADA) Deutschlands. Gemeinsam mit ihren Fans setzen sich Athleten unter einem Hashtag für sauberen Sport ein – damit am Ende nur ehrliche Sportler auf dem Siegertreppchen stehen.

Sportler mit Behinderung sind genauso anfällig dafür, leistungssteigernde Medikamente zu sich zu nehmen wie Sportler ohne Behinderung. Ob mehr Muskelwachstum durch anabole Steroide oder Asthma-Spray für erweiterte Bronchen – zu diesen Mitteln lassen sich Sportler immer wieder verführen. Der russischen Mannschaft wird systematisches Doping durch den Staat vorgeworfen – bei den Paralympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro durften russische Sportler nicht antreten. In Pyeongchang 2018 gehen russische Sportler unter neutraler Flagge an den Start. Das hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) Ende Januar dieses Jahres entschieden. Damit verzichtet das IPC auf einen Komplettausschuss von Russland, was von Seiten des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) stark kritisiert wird. „Es ist schade, dass das IPC von seiner konsequenten Anti-Doping Politik abgerückt ist“, sagt DBS Präsident Friedhelm Julius Beucher. „Ein Start von Athleten aus Russland Sotschi ist aus unserer Sicht ein Schlag ins Gesicht der sauberen Sportler.“

Deutsche und internationale Institutionen versuchen mit Weiterbildungen für Sportler und Trainer und durch Kontrollen gegen Doping anzukämpfen. In Deutschland ist die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) für Trainingskontrollen vor Wettkämpfen zuständig. Die Häufigkeit der Kontrollen orientiert sich dabei beispielsweise am Risiko der Sportart oder an der möglichen Teilnahme des Sportlers an Wettbewerben. Bei auffälligen Leistungssprüngen wird die NADA auch aufmerksam. Deutsche Athleten sind im Anti-Doping Administration and Management System (ADAMS) eingetragen und müssen jederzeit für eine Kontrolle zur Verfügung stehen. In vielen Ländern sieht das anders aus. Die Welt Anti-Doping Agentur (WADA) führt deshalb zusätzlich Kontrollen durch, um diese weltweit auf ähnliche Standards zu bringen. Dabei wird die WADA mit vielen Herausforderungen konfrontiert. So sei es beispielsweise schwierig, unangekündigte Kontrollen durchzuführen, wenn Doping-Experten bei der Einreise in ein Land genaue Angaben zu ihren Absichten machen müssten, erklärt Thomas Abel, Professor für Paralympischen Sport an der Sporthochschule Köln. Die WADA zieht aus ihren Erfahrungen durch die Kontrollen Konsequenzen. So sprach sie sich gegen die Teilnahme Russlands bei den Paralympischen Sommerspielen in Rio 2016 aus.

Während der Spiele werden Kontrollen durch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) durchgeführt. Wie viele Kontrollen für Pyeongchang geplant sind, steht derzeit noch nicht fest. Craig Spence, Pressesprecher des IPC, geht davon aus, dass es deutlich mehr Kontrollen als vier Jahre zuvor in Sotschi geben wird. „Über die Jahre sind die Zahlen von Anti-Doping-Verletzungen leicht gestiegen, doch zur selben Zeit haben wir auch mehr Kontrollen durchgeführt“, sagt Spence. So gab es im Jahr 2012 bei 1436 Tests in allen paralympischen Disziplinen acht Verstöße. Im Jahr 2016 gab es bei 2748 Tests 14 Verstöße. Olympische Athleten würden im Vergleich öfter kontrolliert. Grund dafür sind laut Spence die deutlich höheren Einkommen des olympischen Sports.

Ein positives Analyse-Ergebnis bedeutet nicht zwangsläufig einen Verstoß gegen Anti-Doping-Bestimmungen. Das kann sowohl bei Athleten mit, als auch bei Athleten ohne Behinderung der Fall sein. Denn bei bestimmten Krankheitsbildern können Athleten für den Einsatz verbotener Substanzen und Methoden eine Medizinische Ausnahmegenehmigung beantragen. Die NADA hat im Jahr 2016 für Sportler des Deutschen Behindertensportverbandes 18 Ausnahmen genehmigt. Insgesamt genehmigte die NADA 75 Ausnahmen bei insgesamt 8000 Sportlern.

„Manche Menschen sind mehr als andere dazu geneigt, unerlaubte Dinge zu tun. Gedopte Sportler wissen, dass sie Schindluder mit ihrem Körper treiben. Auch Menschen mit Behinderung sind nicht davor gefeit, obwohl sie vielleicht aufgrund ihrer Erfahrungen noch mehr Respekt vor ihrem Körper haben“, sagt Abel. Unterschiede in der Art des Dopings zwischen Sportlern mit und ohne Behinderung gibt es kaum. Doch für eine Methode kommen tatsächlich nur sehr wenige Sportler in Frage: Bei Menschen mit einer kompletten Querschnittlähmung auf Höhe des siebten Halswirbels oder höher ist die Pulsfrequenz eigentlich auf 120 Schläge pro Minute begrenzt. Bei einer manipulativ hergestellten Dysreflexie, auch als Boosting bekannt, erhöhen Tetraplegiker beispielsweise durch einen herbeigeführten Blasendruck ihre Herzfrequenz auf bis zu 160 Schläge pro Minute. Dadurch erfahren sie eine deutliche Leistungssteigerung in Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer. Erst nach dem Wettkampf lassen die Sportler über einen Katheter den Urin ab. Sie setzen sich damit einem hohen Risiko für einen Nierenstau aus, bis hin zu langanhaltender gesundheitlicher Schädigung. Im Wintersport spielt das Boosting eher eine untergeordnete Rolle. Besonders anfällig sind Sportler aus der Leichtathletik, dem Rollstuhlrugby und dem Radsport. Bei den Sommerspielen 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro kamen laut Abel maximal 100 von über 4000 Athleten für diese spezielle Form des Dopings in Frage.

Die paralympischen Spiele werden ein weltweites Ereignis mit Adrenalin pur. Das jahrelange Training, volle Konzentration am Wettkampftag und die Freude am Sport sollen sich auszahlen. Damit das gelingen kann, muss jeder Sportler ehrlich sein – gegenüber seinen Mitstreitern und sich selbst. So werden Anna Schaffelhuber und andere saubere Athleten auf den Siegertreppchen stehen und ihren Moment genießen können.

Salome Berblinger, 20 Jahre alt, ist Nachwuchsreporterin der Paralympics Zeitung.

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