Eishockey in Deutschland : Silber wiegt schwer

In der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) beginnen am Mittwoch die Play-offs. Der olympische Erfolg der Nationalmannschaft setzt die DEL auch unter Druck.

Wie geht's weiter mit dem deutschen Eishockey?
Wie geht's weiter mit dem deutschen Eishockey?Foto: Imago/Eibner Montage: Tsp

Marco Sturm grinst dieser Tage oft in Fernsehkameras. Er wirkt bei seinen öffentlichen Auftritten meist verlegen, der Eishockey-Bundestrainer. Schließlich werden vom Erfolgscoach jetzt forsche Ansagen erwartet. Marke: „Wir wollen Weltmeister werden.“ Aber nein, der 39 Jahre alte Bursche aus dem bayrischen Dingolfing sagt: „Wir müssen uns bei der WM wieder hinten anstellen, wir sind keine große Eishockeynation.“

Sturm ist in Deutschland als Bundestrainer bekannter geworden als er das mit seiner Karriere als Weltklassespieler werden konnte. Er hat mit seiner Mannschaft und der Fast-Goldmedaille für Deutschland im Eishockey bei den Olympischen Spielen im Februar einen Erfolg von kaum fassbarer Dimension geschafft. Eben weil es kein Wunder, sondern verdientes Silber war. In Pyeongchang haben sich die besten Spieler der europäischen Ligen verglichen, die National Hockey League (NHL) war nicht am Start. Und da haben die Profis aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) die großen Teams geschlagen.

Das Silber liegt nun auf dem Konto des deutschen Eishockeys. Doch wohin mit dem Guthaben? In der DEL beginnen am Mittwoch die Play-offs. Die Liga hat in Europa nach Großbritannien (65 Prozent) den höchsten Anteil an ausländischen Profis (46 Prozent). Die deutsche Nationalmannschaft hat die eigene Liga überholt. Der Erfolg von Pyeongchang macht Druck: Die DEL muss sich hinterfragen und ändern, damit das Nationalteam weiter Erfolg haben kann.

Es ist ja nicht so, dass vor diesem gewaltigen olympischen Knall nicht schon für die Zuschauer attraktiv Eishockey gespielt wurde in Deutschland. Die Sportart ist nach Fußball beim deutschen Stadiongänger die Nummer zwei. Vergangene Saison strömten 2,5 Millionen Zuschauer in die Arenen, über 6200 im Schnitt pro Spiel. Im Handball (1,5Millionen/4900) und Basketball (1,4 Millionen/4800 pro Spiel) waren es weniger. Aber Zahlen sind eine Sache, Wahrnehmung eine andere. Gefühlt war Eishockey bis Pyeongchang maximal eine Nummer drei. Die Handballnationalspieler waren aufgrund ihrer Erfolge sicher prominenter. Es hat sich mit dem Olympiasilber ein Stück in Richtung Eishockey verschoben. Marco Sturm sagte nach seiner Rückkehr, er werde nun auf der Straße überall erkannt.

Die DEL war auf Medaillen in Südkorea nicht vorbereitet

Der Erfolg von Südkorea hat die Liga in ihrer Nische des deutschen Profisports kalt erwischt. Die DEL war auf Medaillen in Südkorea nicht vorbereitet, hatte drei Tage nach dem Finale schon wieder Spiele angesetzt. Die Nationalmannschaft würde dann längst zu Hause sein. Und nun hatten sich die Spieler bis ins Finale gekämpft. Was für ein Schreck. Peter John Lee, Geschäftsführer der Eisbären Berlin, schrieb als Erstes ins Stadionheft seines Klubs: „Der Erfolg wird kurzfristig nichts ändern.“ Der Berliner Klub hat auf den Boom um das Nationalteam mit der Verpflichtung eines 23 Jahre alten Letten reagiert und dafür den gleichaltrigen deutschen Stürmer Sven Ziegler auf die Tribüne gesetzt. Unglücklich gelaufen. Aber das ist an sich legitim und spricht nicht für Ziegler. Betrüblich ist allerdings, dass die Eisbären keinen Ersatz für Ziegler in den eigenen Reihen haben und das zeigt ein Dilemma, in dem die Liga havariert. Sie baut zu wenig auf den Nachwuchs. Dabei sind die Berliner bei den Eisbären noch fast mit vorn, was dies betrifft. Ihr Trainer Uwe Krupp hat in nunmehr gut drei Jahren Amtszeit zwei Spieler aus dem eigenen Unterbau als echte Stammspieler integriert – die Verteidiger Kai Wissmann und Jonas Müller. Letzterer hat die Nationalmannschaft im olympischen Finale mit seinem Tor zum 3:2 beinahe zu Gold geschossen.

Von so einem wie Jonas Müller träumen sie in Bremerhaven nur. Die Fischtown Pinguins haben ein Team, das ohne Probleme in der East Coast Hockey-League in den USA auflaufen könnte. Englisch ist Amtssprache in der Mannschaft mit vielen Nordamerikanern, in den Pre-Play-offs hat der Klub aus dem Norden gerade mal zwei Profis eingesetzt, die in Deutschland geboren wurden. Gäbe es nur solche Klubs in der Liga, die Nationalmannschaft würde international womöglich drittklassig spielen. Sie nehmen das mit der selbst auferlegten Ausländerbeschränkung, neun pro Kader sind erlaubt, nirgendwo in der Liga so richtig ernst. Dabei haben die stärkeren Klubs der DEL viele deutsche Spieler. Die ersten drei der Tabelle in dieser Saison, RB München (sieben Spieler), die Nürnberg Ice Tigers (drei) und die Eisbären (drei), stellten zusammen gut die Hälfte der Mannschaft, die in Südkorea so erfolgreich war.

Diese drei Teams werden nun in den Play-offs um den Titel spielen, mit den Klubs aus Mannheim oder Köln, dort sind die anderen Nationalspieler aktiv. Denn wer die besten deutschen Spieler hat, spielt um den Meistertitel – nicht die Mannschaft mit den meisten Ausländern. Beim Tabellenersten München zum Beispiel waren in der Hauptrunde vier der fünf besten Scorer deutsche Nationalspieler, in Nürnberg (drei der ersten fünf), in Köln (ebenfalls drei), in Berlin fällt die Quote schwächer aus. Da schaffte es nur der gebürtige Kanadier Mark Olver als Deutscher unter die besten fünf.

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Pyeongchang hat gezeigt, dass eine Auswahl der besten DEL-Spieler nicht schlechter als eine Auswahl der besten Spieler aus der schwedischen Liga sein muss. Wenn sich DEL-Teams aber mit Teams aus dieser Liga messen, verlieren sie zuverlässig in der Champions League: Offensichtlich sind die ausländischen Profis in der DEL nicht stark genug – was daran liegt, dass in Deutschland weniger gezahlt wird als in der Schweiz, Schweden oder Russland. „Die meisten Nordamerikaner, die nach Europa wechseln wollen, haben Deutschland nicht auf der Rechnung“, sagt Lorenz Funk junior, zwei Jahrzehnte lang Profi in Bundesliga und DEL und später Sportdirektor der Nürnberg Ice Tigers. „Die DEL ist für die nur der Notnagel, wenn es anderswo nicht geht.“

Marc Hindelang, Vizepräsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), sagt, es sei alles eine Preisfrage. Ein starker deutscher Spieler koste einen Klub eben mehr als ein gleichwertiger Ausländer mit deutschem Pass. Hindelang sieht das Problem der DEL allerdings an der Basis. „Es wird zu wenig im Nachwuchs gescoutet. In der DNL gibt es aktuell locker zwölf Spieler, die sofort in der DEL mitspielen könnten.“ Nur interessiere das die Klubs zu wenig. Als Hindelang jüngst bei einem Spitzenspiel der Deutschen Nachwuchsliga (DNL) auf der Tribüne saß, habe er nur einen einzigen Trainer im Publikum erspäht: Pierre Pagé, einst Nachwuchsförderer bei den Eisbären und zurzeit ohne Trainerjob. Das Fundament, sagt Hindelang, bauen sie beim DEB seit vier Jahren um. Die DNL zum Beispiel wurde von 16 auf acht leistungsstarke Teams reduziert, schon jetzt schneiden die Jahrgänge ab 2001 im Nachwuchs international sehr gut ab. Hindelang sagt: „Der Erfolg wird kommen.“

Nordamerika macht weiter die Musik im Welteishockey

Vor einigen Jahren wurde das Projekt „Powerplay 2026“ beim DEB gestartet. 2026 wollte der Verband um internationale Medaillen mitspielen. Das hat in der Szene für Heiterkeit gesorgt. Doch nun ist der Erfolg schon früher da – allerdings wurde er von einer erfahrenen Mannschaft geholt. Könnte also sein, dass jetzt eine Lücke kommt, wenn die Liga nicht reagiert. DEB-Präsident Franz Reindl sagt: „Wir müssen jünger und schneller werden in der DEL.“ Und dazu ist ein Struktur- und Mentalitätswechsel vonnöten: Es sind viele nordamerikanische Manager in der Liga unterwegs, die die Belange nordamerikanischer Profis oft besser verstehen als die Belange der deutschen Spieler, geschweige denn des Nachwuchses oder der eigenen Fans. Man stelle sich nur vor: 20 von 31 NHL-Klubs hätten deutsche Manager. Würde nicht funktionieren.

Nordamerika macht eben die Musik im Welteishockey. Viele der aktuellen Nationalspieler haben einst in Nordamerika gespielt, dort gibt es um Weltklassestürmer Leon Draisaitl in der NHL herum einige deutsche Stammspieler. Und viele junge Talente sind in Kanada und den USA unterwegs, mit der Hoffung, es dann einmal in die NHL zu schaffen. Ist es nicht sogar sinnvoll, wenn sich die stärksten deutschen Nachwuchsspieler in Übersee ausbilden lassen? Steffen Ziesche, aktuell Co-Trainer der Eisbären, davor Nachwuchstrainer im Klub, sieht es nicht so. „Für ein Riesentalent wie den Draisaitl mag es gut sein, für viele andere aber nicht“, sagt Ziesche. „Denn es ist nicht prinzipiell so, dass die Ausbildung dort besser ist. Es gab schon genug Spieler, die dort untergegangen sind.“

Auch Marc Hindelang hält es aufgrund der DEB-Reformen nicht mehr für nötig, dass sich der Nachwuchs im frühen Teenageralter aus der Heimat entfernt. „Die Klubs müssen die Spieler mit Ausbildungsverträgen schon im Alter von 16 Jahren an sich binden und dann den Mut haben, einen 18-Jährigen in der vierten Sturmreihe einzusetzen. Es wird dem Niveau kaum schaden und ist eine Investition in die Zukunft.“

Die Rechnung ist einfach: Mehr deutsche Spieler, mehr deutsche Trainer (aktuell sind es fünf bei 14 DEL-Klubs) und mehr Manager mit guten Deutschkenntnissen erleichtern dem Eishockey den Verkauf nach außen. In der Öffentlichkeitsarbeit ist eine Mannschaft, in der nur Englisch gesprochen wird, schwer zu vermarkten. Kurzfristiges Erfolgsdenken bringt die Liga und vor allem das Eishockey in Deutschland nicht weiter. Aber die Vorlage ist gegeben mit dem Silber von Pyeongchang: Nie war es für die Liga so einfach, Visionen umzusetzen, mehr auf deutsche Spieler zu setzen und die Menschen für das Eishockey zu begeistern. Jetzt muss sie es nur noch machen.

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