Gerald Vanenburg im Interview : „Die Deutschen sind großartige Menschen“

Gerald Vanenburg spricht über die Rivalität zwischen Deutschland und Holland, das EM-Halbfinale 1988 und seine Beziehung zu Javairo Dilrosun von Hertha BSC.

Legendäres Duell. Gerald Vanenburg (links, im Duell mit Hansi Pflügler) stand im EM-Halbfinale 1988 in der Startelf der Holländer.
Legendäres Duell. Gerald Vanenburg (links, im Duell mit Hansi Pflügler) stand im EM-Halbfinale 1988 in der Startelf der Holländer.Foto: Imago

Gerald Vanenburg hat eine bequeme Position eingenommen. Er stützt sich auf das Geländer am Schenckendorffplatz im Schatten des Berliner Olympiastadions und verfolgt mit einiger Konzentration die Trainingseinheit von Hertha BSC. Einmal richtet er sich auf und tippelt drei Schritte zu Seite. Es ist die praktische Demonstration eines früheren Fußballers, der in seiner Karriere fast alles gewonnen hat. Vanenburg, inzwischen 55 Jahre alt, war auch 1988 im Hamburger Volksparkstadion dabei, als sich Holland und Deutschland im Halbfinale der Europameisterschaft gegenüberstanden. Mit dem Tagesspiegel hat er über das damalige Duell und das EM-Qualifikationsspiel am Freitag, ebenfalls in Hamburg, gesprochen.

Herr Vanenburg, in Hamburg treffen Deutschland und Holland aufeinander – und Sie sind in Berlin. Wie kommt‘s?

Weil in Berlin Verwandtschaft wohnt, die ich besucht habe.

Nämlich?
Javairo Dilrosun.

Ach. Sie sind miteinander verwandt?
Ja, doch. Javairo ist mein Neffe. Seine Mutter ist meine Schwester.

Und Sheraldo Becker, der beim 1. FC Union spielt. Gehört er auch zur Familie?
Sheraldo stammt aus der Familie von Javairos Vater. Wir sind also nicht verwandt, aber ich kenne ihn natürlich auch sehr gut.

Fahren Sie noch von Berlin nach Hamburg, um sich das Spiel zwischen Deutschland und Holland anzuschauen?
Ich war zuletzt viel im Ausland unterwegs, deswegen weiß ich noch nicht, ob ich in Hamburg sein werde oder das Spiel doch lieber zu Hause am Fernseher verfolge. Anschauen werde ich es mir aber auf jeden Fall. Das wird ein Kracher. Ganz sicher.

Das war auch das EM-Halbfinale 1988, das Sie mit den Holländern 2:1 gewonnen haben. Wie blicken Sie heute auf das Spiel zurück?
Das ist lange her. Aber natürlich werde ich die EM in Deutschland nie vergessen. 1988 war für mich das Jahr, in dem ich in den Niederlanden alles gewonnen habe, was es zu gewinnen gab. Und im Prinzip habe ich auch international alles abgeräumt. Holländischer Meister mit Eindhoven, Pokalsieger mit Eindhoven, Europapokal der Landesmeister, also Champions League – und dann noch Europameister mit Oranje. Das war wirklich ein sehr schönes Jahr, auf das ich mit großer Freude zurückblicke. Aber ich war damals noch sehr jung.

Gerade mal 24.
Stimmt. Ein ganz anderer Lebensabschnitt. Eigentlich wäre es besser gewesen, wenn du diese Erfolge erst mit 35 oder 36 hättest feiern können. Danach hätte ich gleich meine Karriere beendet. (Lacht) Aber nein, es war auch so ein grandioses Jahr.

Welche Erinnerung haben Sie an die Atmosphäre im Volksparkstadion?
Es war gewaltig.

So viel Orange im fremden Stadion.
Darum geht es gar nicht. Wenn du auf diesem Niveau Fußball spielst, weißt du einfach, dass du sehr viele Menschen richtig glücklich machen kannst – weil ihnen der Fußball so viel bedeutet. Uns ist das damals gelungen, und deshalb denkst du natürlich gerne daran zurück. Bei der Rückkehr nach dem Finale standen die Leute von der deutschen Grenze am Straßenrand, um uns zu feiern. Aber der EM-Titel 1988 war auch der einzige Preis, den wir jemals gewonnen haben. Wir standen zwar in einigen Endspielen, aber du musst die Endspiele eben auch gewinnen. Das ist vor 1988 nie passiert und danach auch nicht mehr. Für unser Land war dieser Titel einfach etwas, was nicht normal ist. Für euch Deutsche mag das anders sein.

Wie haben Sie 1988 die Spannungen zwischen Deutschen und Niederländern empfunden, sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen?
Für mich hat das nie eine Rolle gespielt. Ich habe auch nie ein Problem mit den Deutschen gehabt. Im Gegenteil. Ich habe in Deutschland Fußball gespielt, bei 1860 München. Ich finde, die Deutschen sind ein großartiges Volk, großartige Menschen, und ich bin auch sehr gern hier. Das war schon immer so. Ich habe nie richtig begriffen, warum es anders sein sollte. Es hat vermutlich etwas mit der Vergangenheit zu tun. Aber darunter habe ich nie gelitten.

Nach zwei verpassten Turnieren stand die Elftal zuletzt in der Endrunde der Nations League, unter anderem nach einem 3:0-Erfolg gegen die Deutschen. Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung?
Ronald Koeman macht als Bondscoach einfach einen fantastischen Job. Holland hat wieder eine Mannschaft, die einen wiedererkennbaren Fußball spielt. Da guckt jeder in Holland gerne zu. Die Menschen sind wieder begeistert von ihrem Team. Das ist wirklich sehr positiv, vor allem weil ein paar Jahre hinter uns liegen, in denen es nicht so gut lief. Jetzt siehst du die Sonne wieder am Himmel. Das tut gut.

Was fehlt der Mannschaft noch? Wo kann, wo muss sie sich verbessern?
Jeder Fußballer muss den Anspruch haben, sich jeden Tag individuell zu verbessern. Das ist auch bei den Niederlanden so. Wir haben jetzt wieder eine gute Mannschaft, aber um zu den Allerbesten zu gehören, musst du noch ein paar Schritte machen. Und du musst es auch wollen. Das ist eine Frage der Mentalität: der Allerbeste sein zu wollen. Gewinnen wollen um jeden Preis. Diese Mentalität ist bei den Deutschen viel stärker ausgeprägt als in den Niederlanden. Das ist der große Unterschied. Deutschland ist viel größer und hat viele Talente. Aber Talente haben wir auch. Wenn zu diesem Talent noch die deutsche Mentalität kommt, dann werden wir wieder eine gefährliche Mannschaft haben.

Kann man das lernen?
Du musst es lernen.

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