Kolumne: So läuft es : Ottos Angst vorm Walken

Unser Kolumnist freut sich immer auf seine Laufbegegnungen. Regelmäßig trifft er den fast achtzig Jahre alten Otto. Und es hat sich etwas verändert.

Es sind die Begegnungen auf dem Weg, die das Laufen ausmachen, auch die mit Nicht-Läufern.
Es sind die Begegnungen auf dem Weg, die das Laufen ausmachen, auch die mit Nicht-Läufern.Foto: picture alliance / dpa

"Der Dauerläufer, ja ist es denn...der Dauerläufer...das gibt es doch nicht. Wo sind die Hunde?", schreit es um 7 Uhr in der Früh im Regen über ein sehr frühlingshaftes Maisfeld in Köln Longerich. Noch recht weit entfernt ein Mann in gebückter Haltung. Mit Walking-Stöcken, und zwischen den Stöcken eine recht große Kugel, es ist sein Bauch. "Otto! Mensch. Otto. Wir sind wieder die einzigen, die bei dem Wetter draußen sind. Wir haben uns ein halbes Jahr nicht gesehen. Mindestens.", schreie ich über den Feldweg. Nur Otto nennt mich Dauerläufer.

Nur er darf das. Seit ich wieder laufe, treffe ich Otto. Er hat inzwischen seinen Hund verloren, seine Frau, innerhalb von sechs Monaten scheinbar seine aufrechte Haltung, und joggen ist auch nicht mehr. Er walkt. Dafür hat er einen ordentlichen Bauch bekommen. Und seinen Humor hat er sich erhalten. "Was macht das Knie, Junge? Du läufst ja schon wieder. Bei mir ist es vorbei. Endgültig. Guck hier, Stöcke. Muss ich nehmen, damit meine Haltung aufrecht ist. Sagt der Arzt. Wenn ich ohne Stöcke jogge, bin ich bald ganz krumm. Sagt der Arzt. Ja, hör ma...ich gehe auf die achtzig zu. Da wird’s halt schlechter.", sagt Otto und strahlt dabei.

So ist Otto. Egal was ihn bewegt, egal was ihn berührt, er lacht. Und strahlt über das ganze Gesicht. So war das immer, und ich bin jedes Mal tief beeindruckt, dass er derart viel positive Energie in sich trägt. Während wir so im Regen stehen und reden, schleicht sich ein Gefühl von Traurigkeit ein. Mir wird einmal mehr bewusst, dass alles so unglaublich schnell gehen kann. Vor einigen Jahren noch war Otto schneller als ich. Er war dünn, ich dick. Nächstes Jahr wird Otto achtzig Jahre alt, und das Laufen ist Geschichte.

Mit 48 Jahren muss man sich vielleicht noch nicht unbedingt die Frage stellen, wie lange man wohl noch laufen kann. Aber Otto schmunzelt und ist sich sicher: "Ja mit fünfzig geht das meistens los. Dann ist hier was. Und dann ist da was. Da geht die Fahrt rückwärts, Dauerläufer. Es wird nicht mehr besser. Aber weißt Du was? Ich hatte immer Angst vor diesen Stöcken hier. Denn Stöcke bedeuten, dass man alt wird. Aber es ist so: Hauptsache es läuft weiter. Egal wie. Bewegung ist wichtig. Du musst in Bewegung bleiben. Und wenn mit Stöcken, dann eben mit Stöcken. War ne schöne Zeit mit dem Laufen. Hab viel erlebt. Lauf weiter, so lange Du kannst. Ich muss mal weiter, sonst roste ich ein."

Otto schlurft weiter über den Feldweg. Grinsend. Jedes Mal frage ich mich, ob ich ihn wohl wiedersehen werde. Jedes Mal habe ich Angst, dass ich eines Tages ohne Otto zu treffen, weiterlaufen werde. Eines wird jedoch für immer bleiben: Sein stets freundliches Lachen. Seine positive Energie. Motivation pur. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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