Qualifikation zur Europa League : Hajduk Split und der große Knall

Die Europa-League-Quali kann für kleine Klubs ein idealer Saisonstart sein. Oder mit einer Katastrophe enden – wie bei Hajduk Split. Ein Stadionbesuch.

Das ist Hajduk. Die Gastgeber aus Split sind gegen maltesische Fischer ausgeschieden.
Das ist Hajduk. Die Gastgeber aus Split sind gegen maltesische Fischer ausgeschieden.Foto: Schreiner

Ein gleichmäßiger Strom von Menschen zieht die Ulica Zrinsko Frankopanska hoch. Hinter einer Gruppe von Jugendlichen trägt ein Vater im Trikot von Niko Kranjcar den Spiderman-Rucksack seines Sohns lässig über der linken Schulter. An seiner Hand läuft der kleine Sohn in einem neongelben Torwarttrikot, ein blau-weißer Fanschal hängt ihm von den Schultern bis zu den Knien. Nach ein paar Minuten erreichen sie ihr Ziel, das Stadion Poljud, die Spielstätte des kroatischen Fußballklubs Hajduk Split.

Das Dach des schüsselförmigen Stadions glitzert in der Abendsonne. Die Stimmung ist entspannt, die Fans freuen sich auf das erste Heimspiel der neuen Saison. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Abend im Juli für Hajduk mit einer der größten Blamagen in der Vereinsgeschichte und heftigen Ausschreitungen enden wird.

Denn während die deutschen Klubs noch zu Freundschaftsspielen gegen Dorfmannschaften antreten, spielen Vereine aus anderen Teilen Europas schon jetzt die wichtigsten Spiele der Saison. Bei den Qualifikationsspielen für die Europa League geht es für renommierte Teams aus Kroatien oder Schottland vor allem ums Prestige – für No-Names aus Wales oder Malta um das Hoffen auf die Sensation. So auch in Split: Der kroatische Traditionsverein Hajduk trifft in der ersten Qualifikationsrunde auf Gzira United aus Malta. Gzira wurde vergangene Saison Dritter in der Maltese Premier League – viele Spieler sind nur nebenberuflich Fußballer. 

„Die erste Runde ist immer einfach“, sagt Matias. Der 25 Jahre alte Fan von Hajduk studiert in der Schweiz, aber ist extra für das Spiel mit seinem Freund Pavo nach Split geflogen. Nach dem 2:0-Sieg im Hinspiel haben die beiden keine Zweifel am Weiterkommen. Sie haben sogar schon nach Flügen geguckt, um für die zweite Qualifikationsrunde wieder nach Split zu fliegen. 

Hajduks Fans sind stolz auf ihre Nationalität

„Europäischer Wettbewerb ist für uns eine große Sache“, sagt Matias. Pavo zeigt auf die tausenden Fans, die zum Stadion laufen. „Heute Abend spielen wir gegen irgendwelche Fischer und trotzdem ist jeder hier.“ Europa League ist eben Europa League – auch wenn es nur Qualifikation ist und viele den Namen des Gegners vorher noch nie gehört haben dürften. Etwa 18.000 Fans feuern schon vor dem Anpfiff ihr Team an. Besonders laut ist „der Norden“, wie sie in Split über die Fankurve sagen. Denn dort stehen die Fans von „Torcida“. „Torcida“, der international bekannte Fanklub von Hajduk, wurde 1950 gegründet und ist die älteste Fanorganisation Europas.

Darauf sind die Fans stolz, das Gründungsjahr steht auf Bannern im Fanblock. Mindestens genauso stolz sind die Fans auf ihre Nationalität. „Torcida“ gibt sich keine Mühe, die rechte politische Einstellung zu verstecken. In der Vergangenheit haben manche Fans Shirts mit „Hajduk-Jugend“ in Anlehnung an „Hitler-Jugend“ getragen. Regelmäßig fallen „Torcida“-Mitglieder durch rechtsextreme Gesänge auf. „Die Fans von jedem kroatischen Klub sind nationalistisch“, sagt Matias.

Gegen Gzira beschränken sich die Hajduk-Fans auf das Anfeuern ihrer Mannschaft. Mit Erfolg: Nach sieben Minuten geht Split durch Jradi in Führung. „Torcida“ wird noch lauter als zuvor, immer mehr blau-weiß-rote Fahnen wehen in ihrem Block. Gzira schafft es nur selten in die gegnerische Hälfte. Am aktivsten ist ihr Trainer Giovanni Tedesco, der in einem Poloshirt, kurzer Sporthose und Sneakers aussieht, als wäre er direkt vom Strand ins Stadion gelaufen. Er klatscht, brüllt, gibt seinen Spielern Anweisungen auf einem Zettel und zieht sich die Hose vor Anspannung immer wieder über die prallen Oberschenkel.

Edelfan. Claude Cuschieri fährt zu jedem Spiel seiner Malteser.
Edelfan. Claude Cuschieri fährt zu jedem Spiel seiner Malteser.Foto: Schreiner

Auf Unterstützung von den Rängen kann Gzira im Gegensatz zu Hajduk nicht setzen. Aus Malta ist nur ein Fan angereist: Claude Cuschieri, ein älterer Herr mit zurückgegelten schwarzen Haaren, der als Generaldirektor im Finanzministerium von Malta arbeitet. Er verpasse kein Spiel von Gzira, sagt Cuschieri stolz. Auf der letzten Mitgliederversammlung habe er unterschrieben, bis zum Tod zu jedem Spiel mitzureisen. „Manche Menschen sagen, ich bin verrückt. Aber Gzira ist mein Leben – das ist nicht nur Fußball“, sagt Cuschieri. Zur Belohnung darf er auf der VIP-Tribüne sitzen. Eigentlich wollte das Team von Gzira United mit einem Charterflug nach Kroatien anreisen– „um professioneller zu wirken“, sagt Cuschieri. Der Klub hat 60 Fans gesucht, die für je 300 Euro mitfliegen, damit die Ausgaben größtenteils gedeckt sind. Ohne Erfolg, Cuschieri war der einzige. 

Die Spieler von Gzira finden aber auch ohne Unterstützung der Fans immer besser ins Spiel. In der zweiten Hälfte gelingt dem bulligen Stürmer Jefferson das 1:1, wenig später trifft Hamed Koné mit einem traumhaften Seitfallzieher aus knapp fünfzehn Metern zum 2:1. Obwohl Hajduk bei einem weiteren Gegentreffer ausgeschieden wäre, bleiben die Fans gelassen und singen fröhlich. „Torcida“ scheint sich wie der Trainer Siniša Oreščanin, der einige seiner besten Spieler schont, nicht vorstellen zu können, dass eine riesige Katastrophe bevorstehen könnte.

Dann streckt der Vierte Offizielle Chrysovantalis Theouli die Anzeigentafel hoch, eine grüne Sechs leuchtet darauf. Und natürlich passiert genau das, was den Fußball gleichzeitig so wunderschön und so unfassbar grausam macht. In der letzten Minute der Nachspielzeit schafft es Gzira mal wieder in den gegnerischen Stafraum, Koné legt sich den Ball auf den linken Fuß und schlenzt ihn, wieder traumhaft, ins Tor. 3:1. Schlusspfiff. Gzira United aus Malta ist weiter – Hajduk Split scheidet aus.

Schwere Ausschreitungen nach dem Schlusspfiff

Kurz ist es still im Poljud Stadion. Noch scheint keiner wirklich fassen zu können, was sich gerade abgespielt hat. Dann bricht die Wut aus den Fans heraus. Laute Pfiffe sind der Anfang, unzählige Sitzschalen fliegen aus dem „Torcida“-Block. Kurz danach rennen die ersten auf den Platz und versuchen, die Spieler anzugreifen – sogar ein Mann, der sich sein Kind vor die Brust geschnallt hat, ist dabei. Die Spieler laufen in die Kabine, einige unvorbereitete Polizisten wehren die einzelnen Fans ab. Es sieht so aus, als habe auch die Polizei dieses Ergebnis nicht für möglich gehalten. 

Schnell wird der Präsident auf der VIP-Tribüne zum Ziel der wütenden Fans. Von beiden Seiten der Absperrungen versuchen Hajduk-Fans, zu ihm vorzudringen, zeigen ihm den Mittelfinger, beleidigen ihn. Ordner schaffen es nicht, die Fans zu beruhigen, ein Mann wirft mit einem T-Shirt auf den Präsidenten. Dann kommen mehrere Polizisten zur Unterstützung, die Situation ist wieder unter Kontrolle. Der Präsident gibt sich zumindest nach außen entspannt, tut so, als würde er die Meute ignorieren und raucht lässig seine E-Zigarette.

Da war noch alles gut. Das Hinspiel gewann Hajduk mit 2:0 auf Malta.
Da war noch alles gut. Das Hinspiel gewann Hajduk mit 2:0 auf Malta.Foto: Imago/Domenic Aquilina

Keiner der Spieler von Split traut sich mehr für Interviews zu den wartenden Journalisten, von denen manche Tränen in den Augen haben. „Das ist die größte Blamage der Geschichte“, sagt eine kroatische Journalistin. Splits Trainer Oreščanin kommt erst nach über einer Stunde Wartezeit zur Pressekonferenz. Er will abwarten, ob er weiter Trainer bleiben kann. Angesprochen auf das Verhalten der Fans und die Attacken gegen den Präsidenten, antwortet Oreščanin nur: „Das ist Hajduk.“

Am Morgen danach ist das Spiel das wichtigste Thema in den Straßen von Split. „Es gibt eine größere Chance, ein Alien zu sehen als gegen die zu verlieren“, sagt der 16 Jahre alte Ivan, der in einem Touristenlokal in der Altstadt von Split kellnert. Er stand beim Spiel im Block der „Torcida“ und seine Wut ist noch nicht abgeklungen. „Das ist ein Desaster. Ich arbeite hier, um das Geld für die Saisonkarte zu verdienen und dann spielen die sowas“, sagt Ivan. „Ich will nicht gegen solche Fischer verlieren.“ Er träumt von Spielen gegen den FC Barcelona. Mittags ist seine Schicht im Lokal zu Ende. „Ich gehe jetzt schlafen“, sagt er. Auf das nächste Spiel in der Europa League muss Ivan mindestens ein Jahr warten. Für Gzira geht die Europareise weiter zum FK Ventspils nach Litauen. Auch Claude Cuschieri wird wieder dabei sein.

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