Früher waren Fußballer mit Abitur die Ausnahme, das ist heute anders

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Sport und Intelligenz : Warum Profifußball etwas für kluge Köpfe ist

„Man muss das auf die kognitiven Fähigkeiten im Bereich des Fußballs reduzieren. Das hat nichts mit dem Intelligenzquotienten zu tun. Allerdings wird ein hoher Intelligenzquotient sicher nicht schaden“, sagt Memmert. Letzteres glaubt auch Schmidt. Er nennt ein konkretes Beispiel aus seiner Mannschaft. „Wenn bei uns mal bei einer Trainingsform durch ständig wechselnde Regeln Chaos ist, dann fragen die Spieler schon mal beim Robert nach, wie es jetzt weitergeht.“ Schmidt meint Robert Strauß, und der Abwehrspieler ist deswegen ein gutes Beispiel, weil er sein Abitur mit der Traumnote 1,0 abschloss.

Überhaupt hat sich in dieser Hinsicht viel verändert. Während noch vor 20 Jahren ein Bundesligafußballer mit Abitur ein absoluter Exot war, haben nun zwei Drittel der Profis in Deutschland Abitur oder Fachabitur. Das ist zum großen Teil den Klubs geschuldet, die die schulische Ausbildung ihrer Talente stark fördern. Es gibt aber auch Wissenschaftler, die die These vertreten, dass Intelligenz mit den sportlichen Fähigkeiten korrespondiert.

Der Neurowissenschaftler Thomas Schack, der an der Universität Bielefeld den Masterstudiengang „Intelligenz und Bewegung“ leitet, ist sich sicher, dass motorische und kognitive Intelligenz eng miteinander verknüpft sind. Schack verweist auf eine Vielzahl an Studien, die nachgewiesen haben, dass Nachwuchsleistungssportler im Durchschnitt bessere Noten haben als sportlich inaktive Schüler. Er sagt: „Die motorische Intelligenz ist nicht isoliert von der allgemeinen Intelligenz zu betrachten.“

„Vom Erfolg im Sport macht der Kopf 90 Prozent aus“

Dass dem Kopf eine immense Bedeutung zukommt, davon ist auch Sylvain Laborde überzeugt. „Vom Erfolg im Sport macht der Kopf 90 Prozent aus“, sagt er. Laborde arbeitet wie Memmert an der Deutschen Sporthochschule. Sein Themenbereich ist aber ein anderer. Seine Dissertation zum „Einfluss von Emotionen auf die Entscheidungsleistung eines Sportlers“ ist das Standardwerk zum Thema emotionale Intelligenz im Sport.

Seit zehn Jahren nun forscht Laborde dazu. Er hat emotionale Intelligenz mit biologischen Parametern verknüpft, indem er den Herzschlag sowie den Speichel von Sportlern untersuchte. Schlägt das Herz langsamer und ist weniger von dem Stresshormon Cortisol im Speichel, geht dies einher mit weniger Ablenkung und besserer Konzentration auf das Wesentliche. Und genau das versteht Laborde unter emotionaler Intelligenz.

Laborde entwickelte auf der Grundlage dieser Ergebnisse sportartspezifische Fragebögen und einfache Handlungsanleitungen wie Atemübungen für Spitzensportler, um ihre Stresspegel zu senken und ihre emotionale Intelligenz zu verbessern. „Das Ziel ist: Die Spieler sollen sich gar nicht mehr beim Schiedsrichter beschweren, sie sollen sich nicht vom Gegner provozieren lassen, sie müssen Drucksituationen standhalten und die Fehler der Mitspieler verzeihen“, sagt Laborde. Er bekommt immer mehr Anfragen von Profiklubs aus allen Bereichen, aktuell arbeitet er mit einer Mannschaft aus der Bundesliga zusammen. Lediglich 30 bis 50 Prozent seien im Bereich der emotionalen Intelligenz genetisch veranlagt, sagt er. „Den Rest kann man trainieren.“

Auch Frank Schmidt ist sehr offen für die im Profifußball lange verbrämten Bereiche aus der Sportpsychologie. „Wir können es uns nicht leisten, unsere Energie für das Monieren von Schiedsrichterentscheidungen oder den Ärger über Fouls zu verschwenden“, sagt er. In dieser Saison ist das seiner Mannschaft bislang außerordentlich gut gelungen. Der FC Heidenheim führt in der Zweiten Liga die Fairnesstabelle mit den wenigsten Gelben und Roten Karten an. „Wir sind ein kleiner Verein“, sagt Schmidt. „Wir müssen Nischen suchen.“

Frank Schmidt ist fündig geworden. Nicht in den Beinen seiner Spieler, sondern in ihren Köpfen.

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