Systemkritik von Ex-Hockey-Bundestrainern : "Das ist schon heftig"

Ein Offener Brief von vier Ex-Bundestrainern überrascht die Hockeyszene, trifft aber auf viel Zustimmung - unter anderem von einem Olympiasieger.

Schlagfertig. Auch Ex-Nationalspieler Moritz Fürste wünscht sich Veränderungen im Deutschen Hockey-Bund.
Schlagfertig. Auch Ex-Nationalspieler Moritz Fürste wünscht sich Veränderungen im Deutschen Hockey-Bund.Foto: Sören Stache/dpa

Völlig unvorbereitet war Wolfgang Hillmann nicht. Am Montagabend bekam der Präsident des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) einen Anruf von Markus Weise und von diesem den Hinweis, dass am nächsten Morgen ein Offener Brief von ihm und drei weiteren früheren Bundestrainern zu den Zuständen im DHB veröffentlicht werden würde. Weise, Bernhard Peters, Peter Lemmen und Jamilon Mülders drückten in ihrem Schreiben, das unter anderem der Tagesspiegel veröffentlichte, ihre Sorge über die Entwicklungen im DHB aus.

„Ein bisschen überrascht hat mich der Vorstoß der ehemaligen Bundestrainer schon, aber sie sorgen und bemühen sich eben um diesen Sport“, sagt Moritz Fürste, der mit Peters den WM-Titel gewonnen hat und mit Weise Olympiasieger geworden ist. In der Verbandszentrale in Mönchengladbach haben die früheren Bundestrainer mit ihren Ausführungen einige Aufregung ausgelöst. Präsident Hillmann soll sich angegriffen gefühlt haben, obwohl es gar nicht um ihn ging. Hillmann, seit 2015 im Amt, wird im Gegenteil bescheinigt, dass er jemand sei, der verbindend wirke und mit seiner ausgleichenden Art auch die Position des DHB in den internationalen Verbänden deutlich verbessert habe.

Ex-DHB-Präsident Stephan Abel: "So etwas machen sie nicht grundlos"

Das Wort der vier ehemaligen Bundestrainer besitzt in der Szene naturgemäß großes Gewicht. „In dem Offenen Brief stehen gute und richtige Sachen“, sagt Friedel Stupp, der seit fast 23 Jahren Landestrainer in Berlin ist, außerdem die Bundesligateams des BHC trainiert hat. „Das ist schon heftig“, sagt er über die Initiative der vier früheren Bundestrainer. „Aber es ist ein Zeichen, dass es brennt. Sie scheinen sich auch zu sorgen, obwohl zumindest Bernhard Peters und Markus Weise schon länger nichts mehr mit dem Hockey zu tun haben.“ Peters hat zuletzt als Nachwuchsdirektor beim Fußball-Zweitligisten Hamburger SV gearbeitet, Weise ist seit 2015 in leitender Funktion für die neue Akademie des Deutschen Fußball-Bundes tätig.

Wenn Stupp am Wochenende auf Berliner Hockey-Plätzen unterwegs ist, erlebt er nach eigener Aussage viel Unzufriedenheit und Unverständnis. Oft wird er gefragt: „Was machen die eigentlich in Mönchengladbach? Kriegen die überhaupt mit, was an der Basis passiert?“ Er selbst hat festgestellt, dass sich das Binnenverhältnis im Verband geändert habe und auch die Umgangsformen. „Das Management von Konflikten war früher ein anderes“, sagt Stupp. „Ich habe schon länger den Eindruck, dass im DHB nicht mehr wirklich miteinander gearbeitet wird.“

Heino Knuf, der Sportdirektor des DHB, versteht den Brief als „Hinweis, dass man in der Hockey-Familie wieder vernünftig miteinander umgehen sollte“. Mit der Form habe er kein Problem, „sie ist auf jeden Fall deutlich besser, als anonyme Briefe zu schreiben“. Vor gut einem Monat hatte ein unbekannter Briefschreiber die Zustände im Hockey-Bund kritisiert, von einem „System der Angst“ berichtet, einer „unmenschlichen Hire & Fire-Politik“ und der Zerstörung funktionierender Strukturen. Vor allem Vizepräsident Remo Laschet wurde angegangen. An dessen Aufgabenfülle stören sich auch die vier ehemaligen Bundestrainer in ihrem Offenen Brief. Er vereine „verschiedene Ressorts“, steht dort.

„Ich gehe in allen entscheidenden Punkten mit“, sagt Stephan Abel, der frühere DHB-Präsident, der inzwischen Ehrenpräsident ist. „Das sind überlegte Menschen, so etwas machen sie nicht grundlos. Es zeigt ihre Befürchtung, dass im DHB einige Dinge nicht in Ordnung sind, und das wird in der Hockeywelt nicht ungehört bleiben.“

Unverständliche Personalentscheidungen, Streit um die künftige Verbandsstruktur, der schwierige Interessenausgleich zwischen Klubs und Nationalteams – es gibt einige schwierige Themen. Ehrenpräsident Abel fordert daher „strukturelle, inhaltliche und personelle Konsequenzen“. Moritz Fürste sieht die Dopplung von Aufgaben und Posten als Kernproblem – so wie es auch die vier früheren Bundestrainer beanstandet haben. Außerdem plädiert er für einen eigenen Ligaverband. „Eine starke Liga wäre auch im Interesse der Nationalspieler“, sagt Fürste. „Um ein hohes Niveau erreichen zu können, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden.“

Fürste geht davon aus, „dass es bei den Wahlen auf dem Bundestag zu einer Neustrukturierung kommen wird“. Ehrenpräsident Abel glaubt, dass noch vor dem Bundestag einige Dinge korrigiert werden: „Ich hoffe, dass einige derjenigen, die in der Verantwortung stehen, daraus auch ihre Konsequenzen ziehen. Wenn es diesen Leuten um den DHB geht, gibt es einige logische Reaktionen.“ Wen er damit meint, sagt Abel nicht. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass er mit Vizepräsident Laschet gut befreundet ist. Das hat er selbst in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ zugegeben, in dem er zudem einen Mangel an Führung im DHB beklagt hatte.
Mit solchen Aussagen hat Abel Spekulationen befeuert, er könnte beim Bundestag erneut für das Amt des DHB-Präsidenten kandidieren. Er aber sagt: „Das wäre das falsche Signal.“ Mitarbeit: djo/jne

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