Berlin ohne Modemessen : Die Chance in den Krisen

Der Weggang der Modemessen bringt eine neue Dynamik ins Spiel. Berliner Designer suchen schon länger nach einem neuen Format, um sich möglichst erfolgreich zu präsentieren.

Protokolliert von Ingolf Patz
Die Designerin Nobieh Talaei entwirft und produziert möglichst lokal. Plissees brennt das Traditionsunternehmen Gießmann
Die Designerin Nobieh Talaei entwirft und produziert möglichst lokal. Plissees brennt das Traditionsunternehmen Gießmannpromo

Vergangene Woche verkündeten die Messen Premium und Neonyt, dass sie Berlin verlassen und im Sommer 2021 in Frankfurt als „Frankfurt Fashion Week“ neu starten wollen. Es entstand der Eindruck, dass nicht nur zwei Messen, sondern die gesamte Fashion Week Berlin verlässt. Einen Tag brauchte es, bis alle anderen, die auch Teil der Fashion Week sind, aus der Schockstarre erwachten und bekannt gaben: „Wir bleiben hier.“ Das ist zum einen die Mercedes-Benz Fashion Week, die Plattform für Modenschauen, aber vor allem sind es die Designer der Stadt. Wir haben mit einigen von ihnen, der Agentur Reference und dem Verein Berliner Modedesigner gesprochen.

Mira von Osten, Designerin vom Label Cruba und Vorstand des Vereins Berliner Modedesigner

Die meisten Designer sind sich darüber einig, dass die Fashion Week, wie sie zuletzt stattgefunden hat, ein bisschen von vorgestern war. Der Wegzug der Messen lädt dazu ein, das neu zu denken, auch wenn es ein großer Verlust ist, dass Berlin es nicht geschafft hat, die Messen zu halten. Die Kreativität in dieser Stadt ist einzigartig in Deutschland und wird international beneidet. Alle sind bereit, miteinander zu überlegen. Viele Designer denken zum ersten Mal wieder darüber nach, in Berlin zu zeigen, weil man nun etwas Neues formen kann.

Jetzt stellt sich die Frage, wie wir mit uns nahestehenden Branchen zusammenarbeiten können. Wir sind darauf angewiesen, dass die Stadt uns Kreative unterstützt. Wir brauchen finale Zusagen, auch wegen Beschränkungen durch Corona. Vielleicht nutzt die Berliner Politik diese Dynamik ja als Chance.

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Olaf Kranz vom Label Brachmann, ebenfalls Vorstand

Das haben Mira und ich mit der Präsentation „Fashion Positions“ aufgegriffen, die mit 16 Designern während des Gallery Weekends im Mai 2019 parallel zur Kunstmesse „Paper Positions“ stattfand und für jeden offen war. Der treibende Gedanke war, dass für Berliner Labels, die eine eigene Handschrift haben, die bisherigen Präsentationsformen nicht mehr ausreichten. Jetzt sind wir im Gespräch mit den Machern der „Positions“, die vom 10. bis 13. September auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof stattfinden soll. In Berlin brechen ja zurzeit auch wichtige Kunstakteure weg. Jetzt kann man zeigen: Berlin ist so kreativ, da entsteht sofort etwas Neues.

Nobieh Talaei, Designerin

Natürlich war ich überrascht zu lesen: „Berlin verliert die Fashion Week.“ Denn die Fashion Week gehört gewissermaßen zu Berlin. Dabei irritierte mich die Wortwahl mehr als die Entscheidung, eine Messe dort zu veranstalten, wo es u. a. die bessere Infrastruktur gibt und wo wichtige Themen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit etc. laut der Entscheider mehr Potential zur Umsetzungen haben.

Dass die Berliner Fashion Week in der Kritik stand, habe ich so gar nicht wahrgenommen. Auch wenn ich meine Mode bis vor zwei Saisons noch in Paris gezeigt habe, präsentierten befreundeten Designer wie William Fan, Odeeh, Dawid Tomaszewski oder Marina Hoermanseder ihre Mode stets in Berlin. Sie haben neue, aufregende Orte in Berlin für ihre Schauen gefunden und dieses Potential unserer Stadt ist längst nicht ausgeschöpft.

Während meiner lehrreichen Phase in Paris war mir immer bewusst, dass ich zurückkomme, wenn die Zeit stimmt. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Fashion Week gut entwickelt und fand das Kraftwerk den perfekten Ort, um in meiner letzten Schau weiterhin die Geschichte von Nobi zu erzählen und dabei meine Berliner Heimat mit meinen persisch-nomadischen Wurzeln zu verbinden. Bei meinen Schauen stelle ich immer mehr meine Endkundinnen in den Fokus. Die Coronakrise hat nicht zuletzt gezeigt, wie wichtig die Bindung zu unseren Kunden und auch der Direktverkauf für uns ist. Die meisten Wholesale-Einkäufer kommen lieber in Ruhe in einen Showroom. Wichtige Kunden wie das Londoner Kaufhaus Harrods oder der Onlinehändler Net-a-Porter habe ich so noch im März in Paris getroffen. Zukunftsüberlegungen wie nur die Kollektionen zu den Showrooms zu verschicken und parallel dazu digitale Möglichkeiten der Beratung zu schaffen, beschäftigen mich im Moment.

Wir befinden uns erst am Anfang von vielen Veränderungen. Aber wir hatten jetzt auch alle viel Zeit darüber nachzudenken, was genau wir bewegen wollen. Passen große Modeschauen überhaupt noch in diese Welt? Wäre es nicht denkbar sich mit anderen Kreativen der Branche zusammenzuschließen und neue Präsentationsarten gemeinsam umzusetzen. In diesem Zusammenhang haben meine Designerkolleginnen und -kollegen und ich entschieden uns als Einheit zu beraten und bei einem Treffen mit den für uns relevanten Themen auseinanderzusetzen. Es ist jetzt wichtig, dass wir selbst und auch unabhängig entscheiden, wie es für uns in unserer Branche weitergehen soll. Sollten dann die Fashion Week, der Senat, der Fashion Council und Andere Unterstützung anbieten, very welcome.

Mumi Haiati, Agentur Reference Studios
Schade für die Berliner Wirtschaft, dass die Modemessen die Stadt verlassen. Allerdings hatten wir mit ihnen gar nicht so viel zu tun bis auf eine legendäre Pool-Party 2017 im Rahmen der Seek. Ich glaube, dass das Überleben der Fashion Week in Berlin von den Inhalten und der Zusammenstellung abhängt. Beides sollte einen starken Bezug zur Stadt haben, denn die Community in Berlin hat ein Verlangen nach Relevanz.

Natürlich wird bei den Fashion Weeks der Fokus aufs Digitale stärker werden, aber das physische Format dient dem Netzwerken und damit dem Multiplizieren. Erst wenn wir uns begegnen, entsteht dieses Gefühl des Zusammenhalts, es trägt zum Austausch und damit zum Fortschritt bei. Das berücksichtigen wir auch bei der zweiten Edition unseres „Reference Festival“, das wir letztes Jahr als Installations- und Performanceparcours in Zusammenarbeit mit Marken wie Comme des Garçons und Nike in einem verlassenen Neuköllner Parkhaus gefeiert haben.

Allerdings liegt unser Fokus dieses Mal im virtuellen Raum, wir wollen schließlich Maßstäbe setzen und einen Überblick schaffen über neue Konzepte und andere Innovationen. Der Bezug zu Berlin wird über die Marken entstehen. Als Auftakt und Vorgeschmack haben wir kürzlich die erste virtuelle Modenschau auf der Plattform des Nintendo-Spiels „Animal Crossing“ veranstaltet, die weltweit viral gegangen ist. Verantwortlich waren die Künstlerin Kara Chung und Marc Goehring, Stylist und Fashion Director beim Berliner Kulturmagazin 032c.

Bei jedem Format, das wir entwickeln, geht es auch darum, zeitgemäße wirtschaftliche Perspektiven zu setzen. Die können von Fall zu Fall unterschiedlich aussehen, darin steckt also immer auch viel Kreativität. Es wäre wünschenswert, wenn neuartige Formate von der Stadt gefördert würden. Dafür braucht es Offenheit, Sensibilität und Weitsicht. Ich wünsche mir mehr Transparenz, mehr Unterstützung, weniger Bürokratie. Neue Konzepte und Ideen brauchen Raum und Mittel.

Jale Richert und Michele Beil, Designer
Wir haben unsere Modenschau im März zwei Tage vor dem Lockdown gezeigt und waren froh, dass es noch geklappt hat. Uns betrifft der Umzug der Messe wenig weil wir inzwischen unabhängig sind und nicht mehr bei der Fashion Week mitmachen. Das hat einfach nicht zu uns gepasst. Stattdessen haben wir uns mit unserem Termin an die Pariser Modewoche angehängt. Wir haben uns schon länger von den Vorgaben der Institutionen freigemacht und planen eine andere Art der Präsentation.

 Trotzdem war es für uns schockierend eine überraschende Entscheidung, dass die Modemessen jetzt nach Frankfurt gehen. Wir haben erst einmal gedacht: Was soll jetzt in Frankfurt besser sein? Welche Mode präsentiert da? Wir finden die Art und Weise, wie der Weggang der Fashion Week von den Messen verkündet wurde, respektlos gegenüber denen, die in Berlin reinbuttern und investieren. Da geht es vor allem um Geld und zu wenig um die Sache. Berlin ist für uns spannend und international anerkannt, aber es gibt hier zu wenig Unterstützung und Wertschätzung für kleine Marken, die einen hohen Anspruch ans Design haben. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn die sehr kommerziellen Marken mit nach Frankfurt ziehen. Auf jeden Fall sind wir eine andere Art von Modelabel, als die, die auf dem längsten Laufsteg der Welt auf der Frankfurter Zeil ihre Zielgruppe finden. Jetzt können sich die Designer zusammen tun. Wir tauschen uns darüber mit anderen Designern aus. Durch Corona sind jetzt viele bereit, neue Wege zu gehen.